
SonneMondSterne 2006
Survival of the Bassest
18.08.2006, 19:29, Text:
Mutluer Yilmaz
11-13.08.06, Saalburg, Bleilochtalsperre. Natürliche Auslese auf einem Musikfestival? Logo, gute Acts werden nach allen Regeln der Kunst bejubelt, miese und langweilige kriegen zur Strafe vielleicht noch ein wenig Höflichkeitsapplaus mit auf den Weg. Doch nirgends sind die Abfeier-Kriterien so straff, nirgends wird man bei Nichteinhaltung so gnadenlos ignoriert wie beim SonneMondSterne Festival, das in diesem Jahr sein 10. Jubiläum feiern durfte.
Prominentestes Opfer dieser unbarmherzigen Selektion sind dieses Jahr zweifelsfrei die Scissor Sisters. Von vielen eigentlich mit Spannung erwartet, entern sie zur Primetime in ihren wilden Outfits die Bühne, schießen mit Sex-Appeal nur so um sich, suchen direkt den Kontakt zum Publikum. Sowas klappt auf jedem Festival. Beim SMS jedoch passiert: nichts. Die Band verzweifelt sichtlich am nicht auf das Publikum überspringen wollenden Funken. Woran liegt das? Auch ich bin schon ein wenig verwundert. Klar, das ist ein Techno-Festival, aber ein bisschen sprühender Pop, das kann doch jeder mal ab? Auf dem Campingplatz will ich das Thema noch einmal einbringen, dies wird so lapidar wie treffend von einem Nachbarn mit dem Satz abgeschmettert: \\\\\\\\\\\"Ist doch klar: wer mehr Bass hat, gewinnt.\\\\\\\\\\\" OK, gut dass wir mal drüber gesprochen haben. Wohl dem also, der sich DJ nennt, und sein Set dementsprechend anpassen kann.
Deutlich weniger minimal und eher brachial als z.B. beim Melt! präsentiert sich auch Mathias Kaden im \\\\\\\\\\\"Freude am Tanzen\\\\\\\\\\\"-Zelt. Dieses gleicht zwar eher einer WG-Party, da das DJ-Pult auf Höhe des Publikums aufgestellt ist und man nur auf Zehenspitzen tanzend die DJs bei der Arbeit beobachten kann, aber wir haben ja weiter oben gelernt, worauf es eigentlich ankommt. Schade eigentlich, denn Freude kommt immer auf, wenn man Kaden beim Auflegen zusieht. Niemand versprüht dabei soviel Energie und Spaß. Gleichzeitig liefert er eines der besten Sets des Wochenendes.
Weiter geht´s. Auch Legenden müssen beim SMS erstmal beweisen, was sie drauf haben. So genieße ich den Perfektionismus von Techno-Godfather Carl Craig zunächst in einem nicht einmal halbvollen Zelt. Schande auch. Richie Hawtin bestraft uns dann noch zum Ende des Freitags, und wie! Eine Soundwand, die ihresgleichen sucht, dieser Mann ist schlicht ein Genie.
Samstag steht man dann vor der Entscheidung: Deichkind oder Kraftwerk? Welch groteske Gegenüberstellung. Ich erinnere mich an das Gespräch auf dem Campingplatz und entscheide mich natürlich für Deichkind. Die Wahl bereue ich nicht, denn Deichkind zeigen uns zehn Minuten lang das, was wir auf der Hauptbühne verpassen. Sie bewegen sich nicht und schauen geradeaus. Tolle Performance, \\\\\\\\\\\"Remmi Demmi\\\\\\\\\\\" sprengt dann aber die Farce und das jedes Mal aufs neue phänomenal Wahnsinnige einer jeden Deichkind Show nimmt seinen Lauf. Die Bühne bleibt diesmal zwar weitestgehend heil, dafür dürfen sie keine Zugabe spielen, was vom Publikum mit Sprechchören und einem Pfeifkonzert ohne Gleichen quittiert wird.
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