
Melt!06. So war das.
The Streets live
18.07.2006, 15:19, Text:
Felix Scharlau
15.07.06. Gräfenhainichen, Ferropolis. Als ich meinem Begleiter gegenüber kurz vor Beginn des The-Streets-Auftritts auf der Main Stage meiner Meinung Gehör verschaffe, wonach ich bei Konzerten von Mike Skinner immer an gut organisierte Kaffeefahrten denken muss, hagelt es Beschimpfungen und Tritte von zahlreichen Umstehenden. Ist ja auch reichlich unglücklich formuliert. Was ich eigentlich meinte: Wer Mike Skinner mal live gesehen hat, den pushenden Mehrwert seiner Performance leibhaftig erfahren hat, der weiß, dass an ihm ein guter Kaffeefahrtsleiter verloren gegangen ist. Denn die Leute würden ihm alles abkaufen. (Wie auch diese Eindrücke zeigen.) Mike Skinner ist neben seiner ohnehin schon hoch energetischen Stücke eben auch Motivationstrainer, Spielleiter von Trinkgames, die die Zuhörer konditionieren sollen, und, wie spätestens das Melt! zeigte: sogar Fitnesstrainer.
Aber von vorne. Als vor 10 Tagen bekannt wurde, Sänger Leo The Lion habe The Streets verlassen, wodurch die Herbst-Clubtour ausfiele, hagelte es bei uns Mails und sorgenvolle Postings. Jene Sorgen konnten zum Glück schnell zerstreut werden. Mike Skinner würde „definitely“ kommen, so sein Manager. Und zwar mit dem Ex-Sänger Kevin Mark Trail im Handgepäck. Und wie das wie gewohnt um drei Mitmusiker gescharte Duo kam. Skinner übertrug, zunächst mit etwas Mühe, dann aber umso wirkungsvoller, die gewohnte Ekstase auf ein Publikum von geschätzten 5000-7000 party people. Das Set umfasste die erwarteten Burner, alleine die auf Platte und vergangenen Konzerten stimmlich so außergewöhnlich vorgetragenen neueren Stücke kamen etwas ins Hintertreffen. Nicht wirklich überraschend, denn eins muss man leider feststellen: Von seiner Bühnenperformance und Virtuosität her war Leo The Lion eben wirklich bären-, ich meine: löwenstark. Schade also. Aber: Mike Skinner machte das Fehlen des an Hochkultur gemahnenden Sänger-Wunders locker wett. Seine Animationspielchen (zum Beispiel das einfache Volk unten gegen das nur auf dem Papier besser gestellte Publikum oben auf dem „Balkon“ auszuspielen) gipfelten in dem geglückten Versuch, alle Konzertbewohner dazu zu bringen, sich hinzusetzen und auf Zeichen hochzuspringen. Und einige hatten diesen frühabendlichen Trimmdich-Einwurf auch bitter nötig. Ich sage nur: Bier formte diesen wunderschönen Körper. Was bleibt, ist folgende Erkenntnis: Mike Skinner ist Garant der Ausgelassenheit, egal ob im kleinen Club oder vor Tausenden von Zuschauern. Er kriegt sie alle klein, ob mit Trinkspielchen oder ohne. Prost.
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