
Noahs Arche beim Hurricane
Ausnahmezustand mit Tetrapak
28.06.2006, 10:09, Text:
Harry Calvino
Kreuzbandriss klingt schlimm, aber torn cruciate ligament klingt noch viel schlimmer. Das klingt so richtig nach Folter, wie Crucifix, als ob die Nägel noch drinne sind. Egal, ob du Michael Owen heißt oder der nette Typ aus Scheeßel bist, der mit anderen Festivalbesuchern einen Kaffee trinkt: so viele frische Narben am Knie, dass es aussieht wie ein Sudoku-Kasten. Seine Tochter zählt die „Hurricanes“, die vorbeilaufen. „Hurricanes“ – das sind junge Menschen im System-Of-A-Down-T-Shirt, die Arme voll mit Eistee-Tetrapaks (die mit aufs Festival dürfen) und Billigbier-Dosen (die draußen bleiben müssen).
Ausnahmezustand im Dorf.
Denn Jack ist hier mit seinem nicht ganz so neuen Newcomer-Act The Raconteurs (ausgesprochen – zumindest von Jack – Rah-Con-Tours, nicht Rack-On-Törs, wie ich und die ganzen Franzosen es ausgesprochen hätten), meinen Lieblingssong spielen sie gleich als erstes, danke Jungs: „I got a rabbit he likes to hop, I got a girlfriend she likes to shop, I had an uncle but he got shot.“ Fantastisch. Some call 'em Newcomers, some would say Supergroup. Man merkt aber deutlich, wie Jack White aufblüht, wenn das Mittelfeld richtig aufgestellt ist. Es ist erst Samstagnachmittag, ich habe schon einen kleinen Sonnenbrand, Deutschland führt erstaunlicherweise schon 2:0, und die extrem sympathischen Kollegen von Mando Diao geben Autogramme in Schweden-Trikots.
Wenn man ein VIP ist, darf man ins VIP-Zelt, das zum Deutschlandspiel hoffnungslos überfüllt ist. Im Pressezelt gibt es auch einen Fernseher, der allerdings etwas kleiner ist. Das darf man nur mit einem Presse-Badge betreten, obwohl die Zelte hinten einen Durchgang haben, den niemand bewacht. Jedes Festival hat seine eigenen Gesetze. Gesetz Nummer 1 lautet: Wenn der erster Ordner nein sagt, frag den zweiten, weil der die Sache mit Sicherheit anders sieht. So darf ich mal ins Pressezelt durch den Haupteingang und manchmal nicht. Da war ich aber vorhin drin, sage ich, und habe meine Erdbeeren und den Eisteetetrapak gebunkert, ich will nur kurz rein und die holen. Das könne aber gar nicht sein, dass meine Erdbeeren und der Eisteetetrapak da drinne sind, wird mir bedeutet, weil ich da gar nicht rein dürfe. Aufkleber mit der Aufschrift „Presse“ gibt es übrigens im Pressezelt, in das man eben nur mit einem solchen Aufkleber überhaupt gelangt. Also besser auf zu The Hives („So we hear Germany beat Sweden at football today. Now we are going to beat you at music“) und zu The Strokes (absolut grandios. Und das schon bevor Casablancas die nervige MTV-Dolly-Kamera zertrümmerte).
Das zweite Gesetz auf einem Festival lautet: Spätestens nach drei Stunden siehst du aus wie ein Statist bei „Mad Max 3“. Voll verstaubt (oder bei Regen schlammverschmiert), Gesicht rot, T-Shirt mit Eistee bekleckert. Wer hat eigentlich Tetrapaks erfunden? Der gleiche Depp, der Verkehrsberuhigungmaßnahmen in Innenstädten eingeführt hat? So eine Art Parkhausarchitekt? Es ist unmöglich, aus einem Tetrapak Eistee zu trinken, ohne die Hälfte auf die Klamotten zu kippen, vorausgesetzt, man kriegt den Verschluss auf.
Viel mehr muss man sich gar nicht merken. Die Arctic Monkeys waren super. Es ist schön, wenn zehntausend Menschen gleichzeitig „He’s a scumbag don’t you know“ singen. Was für ein tolles Line-up dieses Jahr: The Kooks, The Feeling – da hat einer seine Hausaufgaben richtig fein gemacht.
Gesetz Nummer 3: Bleib nie bis zum bitteren Ende. Denn am Ende kommt der Regen. Wenn dein Nachbar auf dem Zeltplatz anfängt zu erzählen, was für ein Glück man dieses Jahr mit dem Wetter habe, fang sofort an, dein Zelt einzupacken. Denn er bekommt jedes Jahr hautnah mit (sonst könnte er das nicht so detailliert erzählen), wie die Trecker die letzten Autos aus dem Sumpf rauszerren, wie die Zelte weggespült werden und alle, die noch nicht ertrunken sind, eine Nacht im Disco-Zelt schlafen müssen, wo die sonst nie waren. Also freundlich nicken, während du deinen Schlafsack zusammenrollst. Heute Abend sieht er aus wie ein Statist aus „Hard Rain“, nur weil er unbedingt noch Gnarls Barkley sehen wollte (die letztendlich sowieso nicht spielen konnten), während du schon schön zu Hause auf dem Sofa hockst und deine Wäsche schon gewaschen hast. Zuerst rot, dann schwarz.
Der Autor ist englischer Staatsbürger und der charmanteste Fußball-Nerd der Insel
Artikel kommentieren
Mehr Infos
The Strokes, The Kooks, Hurricane, The Raconteurs, The Feeling, Hurricane-Festival, Scheessel, Parkhausarchitekt, TetrapakAlle Artikel von Harry Calvino
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
NEUE TOURNEEN
- alles Neue

