
Billy Talent Live
Ich, Don Quijote, der Schlangenbezwinger
21.06.2006, 20:00, Text:
Thomas Renz
13.06.06, Live Music Hall, Köln. Das Gefühl, das in mir hochsteigt, als ich die ausverkaufte Live Music Hall betrete, hat Carrie Heffernan aus King Of Queens einmal mit \"Das ist so eklig, fast als hätte man eine Taube im Bad\" in die passenden Worte gekleidet. Doch nur Sekundenbruchteile nach diesem unerfreulichen Gedanken schwitze ich genauso stark wie alle anderen, habe aber wenigstens soviel Anstand, mein T-Shirt anzubehalten. Und als ob da nicht schon genug Schweißperlen ein endloses Wettrennen auf meiner Stirn veranstalten würden, muss ich auch noch angsterfüllt erkennen, dass ich an diesem Abend eine Schlacht zu schlagen habe, die ich unmöglich gewinnen kann. Denn die vielköpfige, glitschige Schlange halbnackter Menschen, die sich in einer gehetzten Polonaise immer genau da vorbeischlängelt, wo ich hingedrückt werde, kennt weder Ende noch Erbarmen. Mein einziger, schwacher Trost ist zu diesem Zeitpunkt, dass auch mein Gegner etwas von meinem Schweiß abbekommt. Mit der Erkenntnis, dass mit einem Kampf gegen Windmühlen nicht unbedingt immer ein kühlender Lufthauch einhergeht, ergebe ich mich schließlich den feuchten Rempeleien und wende mich endlich der Band zu.
Zu diesem Zeitpunkt hat mein Körper leider bereits meine Sinnesorgane zugunsten der Atmung so weit heruntergefahren, dass meine Ohren nur noch Griesbrei wahrnehmen. Dabei hatte ich mir so gewünscht, dass zuallererst meine olfaktorische Wahrnehmung versagt und ich dieses Konzert nicht mehr riechen muss. Vergebens. Als mir dann auch noch meine Augen Streiche spielen und mir tatsächlich weismachen wollen, dass sich Sänger Benjamin Kowalewicz auf der Bühne gebärdet wie ein Wahnsinniger, anstatt sich der Luftfeuchtigkeit entsprechend an ein Sauerstoffgerät anzuschließen, wird mir klar, wie knapp ich an der Grenze zur Bewusstlosigkeit wandle. Ich muss schleunigst hier raus, will ich an der frischen Luft zusammenbrechen, so viel ist sicher. Doch wie nur diesem undurchdringbaren, feuchtheißen Dschungel aus gepackten Leibern entkommen? \"Die Schlange!\" durchfährt es mich. Irgendjemand hatte doch behauptet, sie dränge in Richtung der Toiletten und damit des rettenden Ausgangs. Bedeutet also ausgerechnet mein Feind die Freiheit? Mit letzter Kraft werfe ich mich zwischen die schiebenden Körper und werde sofort verschlungen. So sehr sich das Untier auch krümmt und windet, ich lasse mich nicht mehr abschütteln, denn ich spüre bereits die rettende Kühle der Nachtluft.
Als ich vor der Live Music Hall wieder zu mir komme, laufen Tränen über meine immer noch heißen Wangen. Ich lebe also noch. Aber ich habe auch unglaublich große Angst. Ganz vorsichtig horche ich in mich hinein - und atme nach kurzem Bangen erlöst auf. Die Schmetterlinge sind immer noch da. Auch ein solch verheerendes Date macht mir also die Beziehung zu Billy Talent nicht kaputt. Als ich daheim angekommen bin und mir die festgeklebten Kleider vom Leib schneide, setzt sich eine Taube auf den Fenstersims meines Badezimmers und gurrt glücklich.
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