
Sleater-Kinney live
Zurück aus dem Gehölz
30.05.2006, 19:30, Text:
Christian Steinbrink
23.05.06, Köln, Gebäude 9. So ein Glück. Carrie Brownstein ist nicht mehr krank, so wie im letzten November, als die Sleater-Kinney-Tour ursprünglich angesetzt war und dann kurzfristig abgesagt wurde. Ein Glück, wo sie doch sowieso immer so schmal, blass und anfällig wirkt. Eine kleine Enttäuschung bleibt aber trotz pflichtgemäßer Nachholung der Konzerte: Wolf Parade, Sleater-Kinneys großartige Labelmates auf Sub Pop und damals als Support angekündigt, können dieses Mal leider nicht. Ihren Part übernimmt TGV aus Hamburg, die Zweitband von Stella-Sängerin Elena Lange. Und die paar Songs, die ich von ihnen trotz Verspätung noch zu hören bekomme, sind überraschend großartig, nämlich ziemlich ruppiger, entschlackter Punk im Stile von Sleater-Kinneys frühen Platten, mit soviel Pfiff wie Attitüde.
Die drei Frauen, die mittlerweile wohl von Olympia nach Portland, Oregon gezogen sind, starten ihr Set mit dreien ihrer eher noch im alten Gewand daherkommenden neuen Stücke. Also erstmal auf Nummer sicher gehen, das alte Konzept noch mal auskosten, und das Kölner Publikum ist natürlich so hingebungsvoll und euphorisch wie eigentlich jedes Sleater-Kinney-Publikum fast überall auf der Welt. Janet Weiss hat mit Tonproblemen zu kämpfen, die Band überspielt die eintretende Pause aber routiniert. Die Rollen innerhalb der Band sind die Alten geblieben: Brownstein ist die Wilde, Rockende, wie gehabt, Corin Tucker eher konzentriert, und Janet Weiss so cool und abgeklärt, wie man sie eigentlich immer erlebt hat. Ganz anders als ihre Namensbase aus der Rocky Horror Picture Show. Selbst für die abstrakten neuen Stücke haben sie sich keine Gastmusikerin gegönnt. Auch der Versuchung, erstmals einen Bass mit auf Tour zu nehmen, haben sie widerstanden. Laut ist es trotzdem.
Ich muss gestehen, dass Sleater-Kinneys aktuelle Platte \\"The Woods\\" mich etwas ratlos zurückgelassen hat, das erste Mal seit ihrem selbstbetitelten Debüt. Das, was sich für mich neben ihrem großartigen Auftreten als Band immer als ihre außerordentliche Qualität darstellte, nämlich die rasant über alles hereinplatzenden Melodien und die enthusiastischen Gesangsduelle, ist auf dem neuen Album ein Stück zu sehr in den Hintergrund getreten. Die neuen Arrangements wirken auf mich zu oft zu angestrengt und abstrakt, obwohl ich wirklich alles tat, um mich mit der Platte gut zu stellen. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass ich Songs wie \\"Night Light\\" oder \\"Let's Call It Love\\" zum ersten Mal live höre. Sie wirken so gewaltig, so muckermäßig-harsch und laut, so überambitioniert. Ganz konservativ sehne ich mich nach \\"One More Hour\\" oder \\"It's Enough\\". Keines von beiden wird gespielt. Nur etwa ein Drittel des regulären Sets ist von der alten, leichten Eingängigkeit. Nichtsdestotrotz ist der größte Teil des Publikums restlos begeistert. Besonders, als nach anderthalb Stunden voller ausbrechender Gitarren im Rahmen der umfangreichen Zugabe doch noch \\"Little Babies\\", \\"Words & Guitar\\" und \\"Dig Me Out\\" kommen. Zusätzlich noch \\"Mother\\", ein reichlich verwirrendes Danzig-Cover. Und selbstverständlich käme ich trotz eines unausgegorenen \\"The Woods\\"-Eindruckes niemals auf die Idee, Sleater-Kinney den Status, eine der großen Heldenbands des Punkrock zu sein, abzusprechen. Sie stehen so in etwa auf einer Stufe mit Hüsker Dü und Fugazi, nicht nur für mich. Und speziell die Stimme von Corin Tucker ist eine der Besten in dreißig Jahren Existenz des Genres, mit soviel Druck und Kraft, dass sie jede Gitarre spielend ersetzt. Darum werde ich sie auf ewig beneiden.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
NEUE TOURNEEN
- alles Neue

