Phoenix live

Musst du lernen, Jong!

25.05.2006, 08:00, Text: Heiko Behr

17.05.06., Köln, Alter Wartesaal. Da stehen sie und rocken wie die Sau. Gitarre an Gitarre an Bass. Sie schwitzen im grellen Scheinwerfer. Der eine schüttelt seine Mähne, der andere starrt angespannt auf sein Griffbrett und zuckt. Der dritte strahlt seinen Frontmann an. Der liegt nämlich im Moment auf dem Rücken - getragen von den Fans und schwimmt immer mehr von der Bühne hinweg ins Dunkle. Jubeln, Kreischen. Es ist der Höhepunkt des Konzertes von Phoenix heute Abend. Moment, Phoenix? Diese eleganten und urfranzösischen Hipster?


Der Reihe nach. Wie mittlerweile üblich staut sich die Menge vor dem Gratis-Konzert von O2 schon Stunden vor dem Beginn. Heute in Köln schlängelt sie sich die Treppen hinauf, fast bis an den Dom heran. Der Alte Wartesaal, eine leider viel zu selten vernünftig genutzte, wunderschöne Location direkt am Bahnhof lauert im Halbdunkel und schluckt Massen von Menschen. Es werden 900 werden, der Laden ist natürlich proppevoll. Alle sind sie gekommen, um Phoenix und ihr neues Album \"It´s never been like that\" live zu erleben.

Pünktlich um 21.00h betreten Nice Boy Music aus Hamburg die Bühne, um den undankbaren Job der Vorband zu erledigen. Das Publikum klatscht grosszügig bei dem etwas hüftsteifen Rock, auch das Hütchen des Sängers erinnert unglücklich an Pete Doherty.

Eine gute Stunde später treten dann Phoenix vor das immer verzweifelter drängende Publikum. Vor ersten Moment an steht die Vierer-Kernbesetzung vorn im Mittelpunkt, sowohl Schlagzeuger als auch Keyboarder bleiben weitestgehend im Dunkeln. Überhaupt das Licht: die Koordination zwischen stimmungsvollem Halbdunkel und strahlend heller Scheinwerfer funktioniert anfangs nur mittelprächtig. Der Mischer scheint die Anweisungen von Sänger Thomas Mars immer genau NICHT ausführen zu wollen. Aber natürlich gehen diese Feinheiten unter in der Show der Franzosen, die zwar erst auf drei Alben zurückgreifen können, aber dennoch schon einen Katalog von Hits vorzuweisen haben. Erwartungsgemäß schreien sich die Zuschauer bei den alten Gassenhauern wie \"If I Ever Feel Better\" oder \"Run Run Run\" die Lungen aus dem Hals. Ein euphorischer Junge neben mir schlägt mir gefühlte zwanzigmal mit seinen krakenartigen Armen ins Gesicht. Er läßt sich nicht beirren, und wird erst ruhiger, als seine Freundin vor ihm steht.

Als dann neue Songs gespielt werden, ruft er plötzlich \"Mann, da kann man ja gar nicht mitsingen!\", woraufhin ein Stimme von hinten ruft \"Musst du halt lernen, Jong!\". Und man muss es konstatieren: in der Live-Situation sind Phoenix weitaus befreiter, rockiger als auf Albumlänge. Der Sound ist durchweg homogen, vorbei die swingenden R`n B-Gehversuche des letzten Albums. Das tut den Songs durchweg gut. Nach anderthalb Stunden, kurz nach seiner Crowd-Surfing-Einlage ruft Thomas noch kurz ins Mikro, das sei ja die beste Show seit langem gewesen. Und wisst ihr was? Für einen Moment habe ich ihm geglaubt.



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