
The Appleseed Cast Live
Hans-guck-in-die-Luft des Indie-Rock
15.05.2006, 19:00, Text:
Christian Steinbrink,
Thomas Renz
12.05., Köln, Gebäude 9. \"Macht ist da, wo die Bärte sind\", das wusste schon Molière. Und verschließt man einmal vor der zutiefst frauenfeindlichen Absicht dieser Aussage die Augen, was zugegebenermaßen nicht ganz leicht fällt, dann ist an ihr durchaus etwas Wahres dran - zumindest was Indie-Rock betrifft. Jüngst tat sich diesbezüglich natürlich vor allem Doug Martsch von Built To Spill hervor, der nicht nur durch einen prachtvollen Gesichtsschmuck überzeugte, sondern mit \"You In Reverse\" sicherlich eines der besten Alben des Jahres vorgelegt hat.
Auch Christopher Crisci kann man für das neue Album seiner Band The Appleseed Cast gar nicht genug Honig um seinen an den Backen bereits ergrauten Vollbart schmieren. Dabei ist \"Peregrine\" im Grunde nur die logische Konsequenz aus den Vorgängeralben. Zu ihrem Sound gefunden, hat die Band schließlich schon vor Jahren. Und seither werden dessen Charakteristika im Gegensatz zu den Haaren des Sängers und Gitarristen liebevoll gehegt und gepflegt.
Mit der schönen Regelmäßigkeit des Zwölf-Uhr-Läutens schlägt beispielsweise Nathan Richardson immer wieder auf die Kuppen seiner Ride-Becken, um mit dem entstehenden, glockenartigen Ton, sein ohnehin schon klares und strenges Spiel noch weiter zu strukturieren. Und Aaron Pillars Gitarre dient vor allem dazu, um über den Liedern schwebende Seraphim zum Singen zu bewegen. Ein wenig wirken The Appleseed Cast deshalb manchmal wie ein entrückter Bruder von Death Cab For Cutie, wie der Hans-guck-in-die-Luft des Indie-Rock.
Das Auftreten der Band ist dagegen alles andere als abgehoben, wenn auch nicht ganz so zurückgezogenen, wie es einem das eremitische Äußere Criscis zunächst Glauben machen möchte. Applaus wird dementsprechend meist nur mit einem scheuen Nicken quittiert, auch als dieser mit zunehmender Dauer des Konzertes und nach jedem Lied immer mehr anschwillt. Hier hat eine Band ihren Namen endlich einmal mit Bedacht gewählt. Welche Macht doch aus einem kleinen, unscheinbaren Samen erwachsen kann. Und damit wäre letztendlich auch Molière widerlegt, denn Bäume haben bekanntlich keine Bärte. (Thomas Renz)
Und wer noch immer nicht glaubt, dass beim Intro nur fleißige Bienchen arbeiten, der kann auf der zweiten Seite eine weitere Nachlese zum Konzert finden. Hätte ich doch nur gewusst, wie der Kollege Steinbrink aussieht, ich hätte ihn unter Umständen sogar gegrüßt.
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