Haldern geht Zelten

Ein Abend unter Freunden

11.05.2006, 09:00, Text: Peter Flore

05.05. Köln, Jugendpark. Mit Achitecture In Helsinki, Morning Runner, My Latest Novel und Johnossi. Eine gute Idee. Das Spiegelzelt, ein intimes Herzstück eines der schönsten Festivals der Saison, geht auf Tour. Mit teilweise exklusiven Bands in exklusiven Städten. Köln markiert dabei den Auftakt, an einem lauen Frühsommerabend im rechtsrheinischen Jugendpark. Sehr früh schon geht es los, 18.30 Uhr. Für die meisten der hinterher wohl gut 350 Besucher viel zu früh und dann auch noch das: My Latest Novel haben aus unerfindlichen Gründen mit dem eigentlich vorgesehenen Opener Johnossi getauscht, so dass die sympathischen Schotten ihr Set vor schätzungsweise 10 Leutchen beginnen (es dann aber zumindest vor dem 6-fachen beenden).

Eine Schande, denn nicht nur der zu spät gekommene Ticketinhaber, der blass vor Entsetzen konstatiert, überhaupt nur wegen der Schotten gekommen zu sein, wird sich am Ende ärgern, dem herrlichen Kammerpop der Band aus Glasgow nicht beigewohnt zu haben. \\\\"When We Were Wolves\\\\" eröffnet ein durch und durch kurzweiliges Set, in dem ein bisschen Tindersticks, ein bisschen Velvet Underground und nicht zuletzt auch die Verspieltheit von Arcade Fire dezent Einzug halten. Mehr als freundlicher Applaus springt dabei leider nicht heraus, wie denn auch?

Im Anschluss dann das schwedische Duo Johnossi, die den Kelch des Openers an sich vorbeiziehen lassen konnten. Gerade eben ist ihre erste EP \\\\"Execution Song\\\\" bei V2 erschienen. Die beiden Herren, Sänger/Gitarrist und Drummer, spielen eine Musik, die man dieser reduzierten Besetzung erst so gar nicht ansieht, gäbe es nicht schon die White Stripes oder Two Gallants. Dennoch knarzt ihr song-orientierter Rock ganz ordentlich, Sänger John spielt die Akustische gern und oft mit dem Fuß auf dem Verzerrer. Ähnlich oft verliert sich die Band jedoch auch etwas in der Gewöhnlichkeit des Blues. Nichtsdestotrotz bleibe ich länger, als ich es meinem Nebenmann immer wieder ankündige.
Morning Runner haben dann schon den Status des heimlichen Headliners inne. Das Zelt ist mittlerweile zumindest ordentlich gefüllt und empfängt die junge Band aus Reading wohlwollend. Die hat mit Chris Martin schon einen äußerst prominenten Fürsprecher und bereits nach wenigen Takten weiß man, warum. Ihr 16:9-Indierock hat große Breitwandpopmomente, klingt phasenweise nach Coldplay und stimmlich könnte Sänger Matthew Greener glatt mit James Walsh von Starsailor verwandt oder verschwägert sein. Deren Larmoyanz erreichen die Jungs nicht, sondern rocken in Songs wie \\\\"Work\\\\" oder \\\\"Gone Up In Flames\\\\" mit angezogener Handbremse durchaus nach vorn.

Der Abend enteilt in Siebenmeilenstiefeln, der richtige Headliner Architecture In Helsinki muss, so wird kolportiert, um elf fertig sein. Dementsprechend hat das australische Oktett (!) auch keine Zeit zu verlieren und packt gleich drei Songs in einen. Haben sie natürlich immer schon gemacht und auf ihrem fulminanten zweiten Album \\\\"In Case We Die\\\\" perfektioniert. Viele Stereotypen haben seitdem die Runde gemacht: Von der Rasselbande bis zu hyperaktiven Kindern, natürlich nahe liegend , lauscht man dem überbordenden und vor Ideen nur so strotzenden Indie-Pop der Ausstralier, die zudem an ihrem breiten Instrumentarium einen heiteren Ringelreihen veranstalten. Wer hat noch nicht, wer will noch mal und wer hatte zuletzt den Schellenkranz? Leider haben sie mit allerlei technischen Problemen zu kämpfen, was das Publikum aber nicht davon abhält, \\\\"It'5\\\\", \\\\"Cemetary\\\\" oder die abschließende Single \\\\"Do The Whirlwind\\\\" zu goutieren. Ein Abend unter Freunden, so ist das auch, wenn das Haldern Pop auf Reisen geht. Ärgerlich nur, dass sie nicht mal mehr eine Zugabe spielen dürfen, angeblich weil ein scheinbar konkurrierender Veranstalter seinerzeit mit ähnlichen Auflagen zu kämpfen hatte und der sympathischen Niederrhein-Posse nun allzu lockere Zügel in der Art eines bockigen Kindes auch nicht zugestehen will. Sollte dem so gewesen sein, würde es mich ähnlich traurig stimmen wie den Ticketbesitzer, der My Latest Novel verpasst hat.



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