Le Printemps De Bourges

Zu Gast bei den Hush Puppies

08.05.2006, 19:29, Text: Christian Steinbrink

26.04.-01.05.06, Frankreich, Bourges. Der Zeitplan ist eng gesteckt. Denn dafür, die gesamten sechs Tage beim Le Printemps De Bourges zu bleiben, reicht meine Zeit nicht. Auch wenn ich gerne würde. Deshalb müssen Interviews, Konzertbesuche und notwendige Logistik innerhalb eines knappen Tages abgehandelt werden. Die Anreise macht meinen Planungen zunächst auch keinen Strich durch die Rechnung, wir zuckeln gemütlich durch Zentralfrankreich, bis mein Zug auf einmal abrupt stehen bleibt. Eine Durchsage ertönt, die ich nicht verstehe, und alle Zuginsassen stöhnen laut auf. Kurz darauf packen sie ihre Sachen zusammen, verlassen das Abteil und stecken sich ihre Zigaretten an.

Ich sitze erstmal unschlüssig herum, bis ich auch aussteige. Nach einiger Zeit entschließe ich mich, jemanden zu fragen, was denn los sei. So lerne ich Julien kennen, einen jungen Parisien. Er entpuppt sich als mein Engel, denn er erklärt mir nicht nur, dass ca. einen Kilometer in Fahrtrichtung eine Reifenfabrik brennt und der Zug seine Fahrt deshalb bis auf weiteres nicht fortsetzen kann, nein, er bietet mir auch an, mit ihm nach Bourges zu fahren, denn er wird in einer Stunde abgeholt. Als wir noch auf dem Bahnsteig herumstehen, stutzt er plötzlich. Dann erzählt er mir, dass wir prominente Mitreisende hatten. Nämlich Jack Lang, der von Dingen wie Housemusik begeisterte ehemalige sozialistische Kultusminister Frankreichs, der politische Held jedes an Pop interessierten Franzosen. Und Bertrand Delanoë, der Bürgermeister von Paris. Die beiden sind auch aus der Regionalbahn gestiegen und lassen sich gemeinsam mit aufgeregten Backfischen ablichten. Nun denn, bald begeben sich Lang und Delanoë zu ihrer Mitfahrgelegenheit, und auch wir machen uns auf, um auf unsere zu warten.

Als ich letztendlich in Bourges eintreffe, bin ich drei Stunden zu spät. Aber meine französischen Gastgeber, die Hush Puppies aus Perpignan und ihr Promoter Christophe, macht das im Gegensatz zu mir nicht besonders nervös. Sie schaffen es sogar noch, mich abzuholen und mit hinter die Bühne zu nehmen, und das 20 Minuten vor ihrem Auftritt. Sie sind herzlich und entspannt, und das kurz vor dem größten Gig ihrer Karriere. Denn sie eröffnen den Abend auf der 5500 Besucher fassenden Le Phenix-Stage für Katerine, Arctic Monkeys, dEUS und Dionysos. Ihre Show ist wie auch schon bei den Intro Intims vor ein paar Wochen dringlich und mitreißend. Und ihre Version von Sixties-Pop mitsamt seines Stils und seines Selbstverständnisses verhindert, dass das Ganze anbiedernd wirkt wie bei vielen deutschen Popstars derselben Größenordnung. Die Leute im jetzt schon vollen Le Phenix brüllen vor Begeisterung. Auch ich fühle mich angenehm beschwingt, muss aber erstmal richtig ankommen, um richtig genießen zu können. Am liebsten würde ich mich etwas hinlegen. Aber das geht nicht, die Zeit ist zu knapp, und der Abend dürfte noch lang werden.

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