
Morrissey live
Well done, Sir
08.05.2006, 12:40, Text:
Thomas Venker
01.05. – GB-London, Alexandra Palace. Die Vorzeichen standen nicht gerade gut für das große London-Konzert der aktuellen Morrissey-Tournee, angesetzt auf den Tag der Arbeit, ein in England, bedingt durch die stärker ausgeprägte Klassenstruktur des Landes, emphatisch besetzterer Feiertag als bei uns. Was passiert war: Die Plattenfirma Morrisseys, Sanctuary, ist gehörig in die britischen Schlagzeilen geraten, nachdem sie 2005 Verluste in Höhe von 142 Millionen britischen Pfund erwirtschaftet hat. Die Konsequenz: Am Tag der Show wurde bekannt, dass die beiden Hauptaktionäre, die zusammen mehr als 15 % der Aktien halten, dem Firmenchef Andy Taylor die absolute Kontrolle über sein Unternehmen entzogen haben und ihm mit dem ehemaligen British-Airways-Vorstand Bob Ayling und dem Finanzdirektor James Wallace zwei Instanzen mit Vetorecht ins Unternehmen setzen.
Die Ansage ist klar: Sollte sich ein Debakel wie im Vorjahr wiederholen, dann müsste Taylor in seiner 1976 (gemeinsam mit Rod Smallwood) gegründeten Firma aus der ersten Reihe zurücktreten. Nun ja, immerhin sehen die Aktionäre in ihren wirtschaftlichen Analysen noch die Notwendigkeit, dass irgendjemand im Unternehmen den Kontakt zu den Künstlern halten muss – denn beispielsweise hätte sich Morrissey ohne den sehr guten Vibe, den er bei Sanctuary rund um das Release seines Comebackalbums “You Are The Quarry” gespürt hatte, sicherlich nicht für eine erneute Zusammenarbeit beim aktuellen Album “Ringleader Of The Tormentors” entschieden. Insofern wäre es schon interessant zu wissen, ob die beiden denn an diesem Abend im Alexandra Palace vorbeigeschaut haben, um zu kontrollieren, was der derzeit erfolgreichste Angestellte des Hauses so aufbietet.
Das Wo dürfte ihnen schon mal nicht gefallen haben, denn als ob er um die Parallelität der Ereignisse gewusst hätte, suchte sich Morrissey für seine London-Show den bestimmt sakrisch teuren Palace aus, eine weit außerhalb des Stadtkerns im Norden Londons liegende ehemalige Palastanlage, in die ungefähr 10.000 Zuschauer passen. Ein gewiefter Schachzug: Solche Gebäude sind nicht nur kostenintensiv, sondern lassen Stars noch heller scheinen – und geben den Blassesten, wenn es gut läuft, noch etwas Erhabenes.
Selbst letzterer Effekt konnte aber den ersten Support des Abends, die von Morrissey selbst ins Line-up gelupfte Rockabillyband Tiger Army, nicht retten. Danach bereiteten die an den legendären Gun Club erinnernden Sons And Daughters den Weg für einen lediglich 70-minütigen, aber markanten Auftritt Morrisseys vor.
Morrissey also. Lautstark mit Stadionchören, dieser urbritischen Form von Zuneigungsbekennung, von seinen in die Jahre gekommenen Fans – unter 30 war hier fast keiner – aus den Katakomben emporgegrölt. Gut sah er aus, geradezu entschlackt. Die während der Show gleich mehrmals gewechselten Hemden (einmal zerriss er es sich, sodass er, ganz der Ringleader, mit nacktem Oberkörper im Scheinwerferlicht stehen blieb) sollten recht gerade in den Anzughosen sitzen – was umso mehr auffiel, da die ihn begleitenden Musiker, immerhin seine Stammband und keine angeheuerten Playbackveteranen, in Jeans und äußerst hässliche grüne T-Shirts gesteckt worden waren. Man wäre geneigt, von Erniedrigung zu sprechen, wenn die Gitarristen nicht in ihren wenigen Solomomenten so gepost hätten, dass es ihnen ganz recht geschah. Morrissey selbst absolvierte einen wenig überraschenden, aber grundsoliden Auftritt. Eröffnet wurde die Show mit einem der Hits des letzten Albums, “The First Of The Gang To Die”, es folgten der Smiths-Klassiker “Still Ill” (später sollte er noch “How Soon Is Now” und “Girlfriend In A Coma” spielen) und diverse Songs des neuen Albums. Interessanterweise war es mit “Irish Blood English Heart” ein Song des letzten Albums, der am meisten abgefeiert wurde, und kein Werk aus seinem frühen Backkatalog. Am auffälligsten waren die überkoketten Ansagen Morrisseys. Nachdem er das Konzert mit einer Entschuldigung für das Kommende eröffnet hatte, flirtete er mit dem Understatement – um dies prompt durch Anfälle von Egozentrik harsch zu brechen. So ließ er es sich nicht nehmen, wie ein Newcomer darauf hinzuweisen, dass sein Album noch immer “unbesiegt” auf Platz eins der englischen Charts throne, konnte er mal wieder nicht anders, als die britische Presse anzuprangern für die von ihnen falsch verbreitete Information, er sei glücklich liiert, die BBC dafür, dass sie “Grilfriend In A Coma” nie gespielt habe, als es rauskam, und Gott und die Welt für all das Leid, das er von ihnen auf seine Schultern gepackt bekommen habe. Aber mal ehrlich: So wollen wir es doch auch hören und spüren. Insofern: Well done, Sir. Die im Anschluss an das Konzert im Keller des Alexandra Palace angesetzte Aftershowparty dürfte den Anteilseignern in ihrem unprätentiösen Stil sicherlich gefallen haben. “Nüchtern” wäre noch schmeichelnd ausgedrückt für das Ambiente. Allerdings sollte zur Überraschung aller doch tatsächlich Morrissey auflaufen. Ihm wäre ein schönerer Ort zu gönnen gewesen für sein Feierabendbier.
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