Blumfeld live

Songs To Remember

06.05.2006, 13:31, Text: Peter Flore

02.05. Köln, Live Music Hall. Große Gefühle: Glaube, Liebe, Hoffnung - und dann am Ende Ernüchterung: Ein paar Kilometer von der Live Music Hall in Ehrenfeld entfernt spielt der 1. FC Köln gegen den Abstieg. Die Kneipen sind voll an diesem ersten Sommerabend (sic!) - und man kann die Spannung spüren. Wenn auch nicht im Biergarten vor der Halle, denn da herrscht eher eine relaxte Ferienstimmung. Auch in der Halle ist es ruhig, man kann sich gemütlich sein Plätzchen aussuchen, eine Vorband gibt es nicht. Wohl auch deshalb beginnen die Herren Blumfeld zeitig gegen viertel vor neun.

Am Anfang steht der Beat, noch vor dem Wort.

Andre Rattay beginnt mit einem Rhythmus, der sich beim Einstieg der Gitarre (und Anfang Mai!) als \"Schnee\" entpuppt, jenem getragenen Opener des formidablen neuen Albums \"Verbotene Früchte\". Jochen Distelmeyer sieht alt aus, vielleicht liegt es an den kurz geschorenen Haaren, Quasi-Neuzugang Vredebar Albrecht am Keyboard dagegen wirkt zuweilen wie ein Schuljunge, spitzbübisch, aber in seine Arbeit vertieft. Das dramatische \"Strobohobo\" und \"Weil es Liebe ist\" folgen, beim Publikum regiert jedoch noch so etwas wie (freundliche) Zurückhaltung. Vielleicht traut man dem Braten ja noch nicht, zu zwiespältig wurde auch das neue Werk wieder aufgenommen, mehr vielleicht noch als die drei Alben der neuen Ära zuvor. Das Dilemma gibt der Merch-Stand wieder: Ein weißes Shirt mit nichts drauf außer zwei Äpfeln, wo der Macher Brüste vermutet. Ist das jetzt lustig oder grenzdebil? Während ich noch überlege, nimmt mir Distelmeyer die Antwort gleich ab: Der fröhliche Kinderlied-Twist \"Der Apfelmann\" lockert die Stimmung, es gibt einen Mitklatschteil und Distelmeyer ruft: \"Ich will eure Hände sehen!\". Und dann muss er selbst lachen und die Leute auch. Mit ihm, nicht über ihn. Alles geht, es gibt kein Müssen und kein Sollen. Distelmeyer singt die Bläsersätze selbst, denn auf der Bühne ist alles reduziert, keine Trompeten, keine Sitar.

Zwischendurch immer wieder ungläubiges Staunen, das in unsicheres Lachen übergeht, bei Liedern wie \"Tiere um uns\" und \"Schmetterlings Gang\" und ein Ruck in der Menge, bei \"Superstarfighter\" oder \"Ich, wie es wirklich war\". \"In ein paar Minuten wird Köln untergehen,\" singt Distelmeyer im großartigen \"Der Sturm\", denkt dabei aber bestimmt nicht an Fußball. \"So lebe ich\" setzt den vorzeitigen Schlusspunkt und im Zugabenteil regiert einmal mehr die Vergangenheit: \"Viel zu früh und immer wieder: Liebeslieder\", \"Verstärker\" mit dem schon bekannten Prefab Sprout-Zitat aus \"Electric Guitars\", das für ein Blumfeld-Konzert bei aller Ironie besonders gilt, weil die Songs nur im Gesamtkontext des Albums und die Band wie kaum eine andere nur aus ihrer eigenen Geschichte heraus zufriedenstellend gedeutet werden kann: \"We were quoted out of context - it was great.\"

Zu diesem Zeitpunkt ist der 1. FC Köln praktisch abgestiegen. Aber für Gram ist hier und heute kein Platz, trotz aller Plagen: Die Welt ist schön, ich lebe gern.



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