Red Hot Chili Peppers live

Geschwindigkeit, Schweiß, Präzision

25.04.2006, 19:30, Text: Eric Leimann

24.04.2006, Hamburg, Fliegende Bauten

In Hamburg, geheim geheim, hatte man gestern Abend 500 Gäste in ein Zirkuszelt geladen, um ihnen die neue Show von Flea, Anthony Kiedis, John Frusciante und Chad Smith hautnah zu verabreichen. Für mich ein Ereignis der leicht spukenden Art, das mir die Intro-Redaktion da zuteil werden ließ. Liegt daran, dass mein erster Chili-Peppers Gig nun ziemlich genau 20 Jahre zurückliegt. In der Frankfurter Batschkapp war das, 1986, und die Peppers befanden sich irgendwo zwischen dem von George Clinton produzierten "Freaky Styley" und "Uplift Mofo Party Plan".

Red Hot Chili Peppers war damals einfach der heißeste Scheiß, den man sich vorstellen konnte. Nur einer meiner Klassenkameraden war mutig genug, mit mir den Weg zu dieser gefährlichen Band anzutreten. Und wir wurden nicht enttäuscht. Von dem Moment als die vier Jungs aus L.A. die Bühne betreten hatten, nutzten sie jede erdenkliche Möglichkeit, um Energie loszuwerden: Sprünge, Haken, Speed-Riffs, Läufe, Breaks - alles mit oder ohne Instrument. Ich habe nie wieder eine Band gesehen, die einen höheren Kalorienumsatz auf der Bühne tätigte. Und den Penissocken-Auftritt gab es übrigens auch damals schon.

Jetzt in einem etwa gleichgroßen Rahmen dieselbe Band. Im Zelt, in dem sonst Erlebnisgastronomie der Marke Witzigmann und Ethnokitsch von André Heller stattfinden, hat man heute noch mal ein Major-Event im Geiste der Neunziger erschaffen: VIP- Bereich mit eigenem DJ und Garten-Ausschank, grauschläfige Männer die ins Handy brüllen, dass Anthony Kiedis ihnen eine SMS geschickt hat, es gehe bald los. Immerhin gibt es auch die Fanfraktion, die bei derlei Events zwischen Kameras und Medienpartner geschleust wird, um die ersten Reihen mit Passion zu bevölkern. Und es geht los, wie man es von einer wirklich großen Rockshow erwartet. Zum Blitzlichtgewitter der Digicams, flankiert von spitzen Schreien, betreten Flea, John und Chad die Bühne und gniedeln vor ihren Marshall- und Gallien-Krueger Türmen einen Hendrix-artigen Spacefunk, der die Konkurrenz schocken soll. Geschwindigkeit, Schweiß, Präzision und verdammt - Rhythmus. Die Chili-Peppers sind eine der letzten Heldenbands.

Auf der Bühne dürfen sie arrogant und entrückt sein, sie dürfen Muckertum leben und schwitzen, ja mein Gott, eigentlich will man sie gar nicht anders sehen. Das Gefährliche im Rock, keiner verkörpert diese alte Idee heute noch so in einem so großen und glamourösen Stil wie die Band aus L.A. Anthony Kiedis betritt die Bühne in einem albernen Outfit aus schwarzer Weste mit grüner Krawatte zur Caprihose. Passend zum Interview-mit einem-Vampier Look trägt er schwarzes langes Haar zu fahler Haut. Egal, nach drei, vier Songs hat die Band ohnehin nackte Oberkörper und man fragt sich, was diese Männer in den Vierzigern eigentlich tun, um ihre zu hundert Prozent fettfreien Körper in Schuss zu halten.

Im Zirkuszelt knallt Hit auf Hit, wir kennen die Namen von den Alben der letzten, ähem, 22 Jahre. Verdammt harte Arbeit aus dem Sonnenstaat. Als neunzig Minuten später der letzte Ton von "Under The Bridge" plus Funkschocker-Zugabe verklungen ist, verlässt die Band in Bademäntel gehüllt die Bühne. Flea hat den Hamburgern noch zum Klitschko-Sieg gegen Byrd gratuliert, das persönlichste Wort des Abends. Ein Boxfan, war doch klar. Diese großen Jungs kommen eben aus einem Land des Körper- und Leistungskults. Wenn er spielerisch leicht aussieht, heißt die Band Red Hot Chili Peppers und das Land Kalifornien.



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