Vier Buchstaben über der Stadt

Razorlight live in London

03.04.2006, 15:06, Text: Peter Flore

30.03. London, Royal Albert Hall

Bands, Künstler zumal, funktionieren meist nach einem sehr einfachen Prinzip. Es gibt kreative Phasen - Schreib- und Aufnahmeprozess - sowie die Tourphase. Manche schreiben zwar auch da wieder das ein oder andere Album zusammen, umgekehrt ist es aber hingegen selten: Dass während einer Albumaufnahme noch flugs einige Hallen in der Umgebung gebucht werden. So gesehen konnten sich die Besucher der Royal Albert Hall am vergangenen Donnerstag recht glücklich schätzen. Razorlight weilen seit einiger Zeit im Studio, um am Nachfolger ihres im UK überaus erfolgreichen \\\"Up All Night\\\"-Debüts zu arbeiten, nahmen aber die Einladung des \\\"Teenage Cancer Trust\\\" zu einer groß angelegten Benefizveranstaltung mit Kusshand an.

Die ganze Woche über war die altehrwürdige Halle im Herzen Londons Schauplatz eines Reigens für die gute Sache, initiiert von Roger Daltrey, den Abschluss bildeten Razorlight mit einem ausverkauften Konzert, bei dem, so wurde kolportiert, auch neues Material einer Art Crashtest vor gemischtem Publikum unterzogen werden sollte.

Los geht's in der anfangs noch spärlich gefüllten Halle mit den UK-Hopefuls Boykillsboy. Die machen alles richtig, angefangen beim Outfit: Der Sänger trägt eine John Lennon-Schirmmütze, begrüßt alle Verwandten und Freunde in der Halle und erntet auch abseits des Stammbaums ordentlichen Applaus. Ihr treibender Gitarren-Pop mit einem leichten Madchester-Anschlag trifft voll ins Schwarze, was zugegeben nicht schwer vorhersehbar war. \\\"Killer\\\" und \\\"Susie\\\" sind zumindest schon einmal zwei Asse im Ärmel der Lads und wenn in einigen Monaten dann das Debüt erscheint, wird es mit ziemlicher Sicherheit für Aufsehen im britischen Blätterwald sorgen. Als nächstes werden The Dogs von der Leine gelassen, großspurig angekündigt als Paul Wellers neue Lieblinge, nach dem gerne angewandten Motto \\\"One celebrity fan can't be wrong\\\". Die jungen Herren im Anzug spielen eine schroffe Tanzmusik, energetisch und anachronistisch up-to-date. Die merkwürdigerweise immer noch nur gut zur Hälfte gefüllte Halle hat noch die Handbremse angezogen, aber wehe, wenn sie losgelassen. Nach einem kurzen und schweißtreibenden Set kommt dann Roger Daltrey in der Gestalt von Atze Schröder auf die Bühne, wird gehuldigt ob seines wohltätigen Einsatzes und ein junges Mädchen vor mir fragt \\\"Wer?\\\", was mich schmunzeln lässt, denn das ist ein Elfmeter ohne Torwart. Auf Englisch, versteht sich.

Dann ist es Zeit für Johnny Borrell. Ganz in Weiß erscheint er in der jetzt merkwürdigerweise bis auf den letzten Platz gefüllten Halle, 8000 Menschen, voll guter Dinge. Ein Heimspiel für die Band, klar. Borrell sieht aus wie Alex aus \\\"A Clockwork Orange\\\", nur der schwarze Hut fehlt. Er spricht zu ihnen und die Menschen sprechen mit. Zeile für Zeile, Wort für Wort. Buchstabe für Buchstabe zuweilen, wie im Opener \\\"VICE\\\": \\\"L-O-V-E-R, I see you later\\\". Im Song gibt es einen Call-And-Response-Teil, in dem die Liebe beschworen wird. Vier Buchstaben, die über der Stadt hängen. \\\"In The Morning\\\" ist der erste Vorbote des neuen Albums, schon bekannt weil desöfteren live gespielt. Es gibt in der Tat viel Neues, für den Unbedarften daran zu erkennen, dass die Halle nicht mitsingt sondern mit offenen Mündern lauscht, dabei aber nicht vergisst zu klatschen und springen. Niemand weiß, wo Dalston aus dem gleichnamigen Song liegt, aber sie haben da so eine Ahnung.

Beim letzten Song, dem ausufernden \\\"In The City\\\" läuft dann alles aus dem Ruder: Borrell verlässt die Bühne, klettert die steilen Ränge herauf, sitzt in den Chorlogen, mischt sich unter's Volk. Der Song gerät zu einem furiosen Finale Grande, das Patti Smith zur Ehre gereicht hätte und scheint niemals enden zu wollen. \\\"Well, I was looking for you in the city last night\\\". Johnny Borrell und die Seinigen haben sich längst gefunden. Nach der ersten Zugabe, dem kathartischen \\\"Fall, Fall, Fall\\\" kommt wieder Roger Daltrey herbeigeeilt: Der Initiator des Abends übernimmt die Vocals beim \\\"Summertime Blues\\\", den er mit den übrigen Razorlights als The Who-Ersatz intoniert. Er wirbelt das Mikro samt Kabel wie Pete Townshend seinerzeit die Spielhand der Gitarre, der \\\"Hubschrauber\\\". Er trifft alle Töne, längst keine Selbstverständlichkeit mehr bei neuerlichen The Who-Veranstaltungen, verschont uns aber gottlob mit \\\"My Generation\\\", was zurecht befürchtet werden musste. Die Single \\\"Stumble And Fall\\\" und \\\"Somewhere Else\\\" beschließen den Abend und alle gehen hinaus in die Welt, um zu verkünden, was sie gerade gesehen haben. \\\"People make you lonely sometimes\\\", nicht heute abend, soviel ist sicher.



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