Tote Kängurus, kreischende Japaner

Auf Foto-Tour mit den Yeah Yeah Yeahs

30.03.2006, 20:00, Text: Julia Gudzent

Der nackte tätowierte Oberkörper eines Mannes. Vor seinem Solarplexus hält er Schlagzeugsticks in seinen blutverschmierten Händen. „Das ist der Drummer von The Locust“, sagt der ganz in Schwarz gekleideter Typ neben mir und zeigt auf das knapp 30 mal 50 Zentimeter große Foto. Es ist Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs.

Sex! Drugs! Rock’n’Roll! Frauenbeine können schreien. Wenn sie in einer zerlöcherten violetten Netzstrumpfhose stecken und von Zinner fotografiert worden sind. Genau wie die kreischenden Menschenmassen in Tokio, Hamburg und Madrid, deren Foto an der Wand gegenüber in diesem Hinterhaus in Berlin Mitte hängt.

Dann gibt es noch ein totes Känguru, das irgendwo im australischen Outback liegt. Die stille, die andere Seite des Rock’n’Roll.

Nick Zinner spricht auch eher leise. „Meine Fotos sind eine Dokumentation meines life on the road“. Sein „Tagebuch“, wenn man so will. Zumindest nennt Zinner seine Fotos selbst so. Einen Tagebucheintrag kann man allerdings auch kaufen, er kostet 250 Euro. Und zu sehen gibt es längst nicht alles: „Die persönlicheren Fotos sind zu Hause in meinem Kleiderschrank. Die wollte ich nicht veröffentlichen“, sagt er.

Die Bilder, die es in die Ausstellung geschafft haben, erzählen keine Märchen wie das von Kate Moss, Pete Doherty und dem bösen Koks. Aber sie erzählen eine Geschichte. Und Zinner hat zu jedem Bild eine ergänzende Anekdote parat. Er zeigt Publikumsaufnahmen, deutet auf die Mitglieder der Band The Plot to Blow Up the Eiffel Tower in einer Menschenmenge und lacht darüber, wie offensichtlich die Vorurteile durch die Fotos bestätigt werden: Amerikaner sind dick, Hamburger kommen nuttig rüber, Japaner kreischen. Er erklärt, was ein Hotelbett erklärt: Man kommt in einen Raum, haucht ihm für ein paar Stunden die eigene Persönlichkeit ein – der Moment, in dem man auf den Auslöser drückt – doch kaum zieht man weiter zur nächsten Station der Tour, wird wieder ein neues, makellos weißes Laken übergezogen. Es ist, als sei man nie dort gewesen.

Auf Tour mit den Yeah Yeah Yeahs hängt man anscheinend auf den Toiletten versiffter Nachtclubs ab und gerät in bizarre Situationen, die damit enden, dass am Morgen im Treppenaufgang eine aufblasbare Sexpuppe herumliegt. Ständig umlagert von Fans und von Fotografen geht man auf Presseveranstaltungen und Jahrmärkte. Von den Live-Auftritten trägt man Wunden davon. Man spielt sich die Finger blutig, bekommt an seiner Schulter Aufschürfungen vom Gitarrengurt. All dies dokumentiert Zinner mit seiner Kamera, er fotografiert jede Crowd, jeden Club, jeden Fan. Ständig den Finger am Auslöser knipst er alles, was auf Tour passiert. Seine Sammlung an Fotos gibt ein umfassendes und faszinierendes Bild des Rock’n’Roll-Lifestyles wieder und beschwört für einen kurzen Moment das Leben eines Musikers herauf, wie es hinter den Kulissen aussieht: ein ständig Aufbrechen, pausenlos neue Gesichter, ununterbrochen unterwegs.

I Hope You Are All Happy Now
Vice Gallery, Gipsstr. 3 RG, Berlin
27. März bis 09. April

Das neue Album der Yeah Yeah Yeahs \\\"Show Your Bones\\\" ist bereits erschienen, hier gibt es einen Stream.



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