Gips-Engel On The Floor

Soulcialism III

31.05.2005, 11:03, Text: Thomas Markus, Thomas Markus

25.05.05, Essen, Mudia-Art Gelände

Zum dritten Mal hat der Schicki-Micki-Szenetreff No.1 in Essen seine Pforten geöffnet, um dem gemeinen Sneaker-Träger zu zeigen, wie man auch feiern kann. Nämlich auf rotem Teppich, zwischen kerzenbestückten Kronleuchtern und barocken Gips-Engeln. So zu sehen auf dem so genannten Substance-Floor, einem von vier Tanzflächen auf dem Soulcialism-Festival. Unter dem Motto 'Mind Over Money' (die Ironie liegt spürbar in der Luft) lösen sich Größen der elektronischen Musik an Turntables, Mikro und Rechnern ab.

Der Abend beginnt zunächst bandlastig - Zoot Woman spielen in der Haupthalle.

Doch wo ist Mastermind Stuart Price? Mr. Price aka Jaques Lu Cont aka Madonna-Tourbegleiter wird von einer Bassistin vertreten. Warum er nicht dabei ist und ob er überhaupt noch einmal auftaucht bleibt Spekulation - man munkelt indes, er sei gerade mit der Produktion des neuen Madonna-Albums beschäftigt... Nichtsdestotrotz liefern die Engländer von zwei großen Leinwänden gerahmt ein stimmiges Set ab, wenn auch mit etwas übersteuertem Sound. 'Grey Day', 'It's Automatic' oder 'Living In A Magazine' sind Pop-Sternstunden, die zeitweise scheppernde Bass-Drums vollkommen wett machen. Zoot Woman Songs funktionieren wegen ihrer prägnanten Elektro-Elemente, die an diesem Abend präsent ins klassische Bandkonstellation eingefügt werden. Nachdem Zoot Woman auf Platte immer ein Erlebnis sind, haben sie den Eindruck hiemit auch live bestätigt.

Mittlerweile wurde auch die anderen Floors eröffnet. Im Freiluft-Rondell, gesäumt von Beduinenzelten, haben sich bereits Tiefschwarz hinter die Regler gesetzt. Die beiden Schwarz-Brüder aus Stuttgart stehen seit Mitte der 90er Jahre für Deep-House-Sounds, die laut eigener Aussage, auf der Tanzfläche genauso funktionieren sollen wie zu Hause. Wer damit dezentere Töne erwartet hat, lag falsch. Tiefschwarz verwursten Bloc Party's 'Like Eating Glass' und haben damit leichtes Spiel bei den Besuchern. Fünfzig Meter weiter legen auch schon die Wighnomy Brothers in der Geplöckel Kammer auf, einem Raum, der nur über eine kleine Stahlbrücke zu erreichen und bis zum Bersten gefüllt ist. Das Freude-Am-Tanzen-Label-Durchstarter aus Jena machen ihrem selbst deklarierten Motto 'Musik - Love - Body - Rock - Freu(n)de' alle Ehre und bitten mit trockenen, harten Beats und technoiden Loops auf die Fläche. Doch keine Zeit, Andreas Dorau lädt zum Tanz.

Auf den Bildschirmen rechts und links der Bühne blitzen rosa Herzen und Dorau singt unterstützt von Rechner und Live-Schlagzeug von '40 Frauen', erzählt uns in 'Kein Liebeslied' (übrigens bereits von von T.Raumschmiere und Koze geremixt) wer der drittbeste deutsche Sänger ist, und das bekiffte Gesichter nicht lügen. 'Chanson-Moritate' nennt er das selber, irgendwo zwischen Lebensverdruss und Hedonismus angesiedelt. Nach fast acht Jahren Pause präsentiert sich Dorau mit neuer Platte - variantenreicher, immer noch anders - einzigartig. Zu guter Letzt bittet er Carsten Erobique Meyer an das Stage-Piano, um mit ihm 'Du Bist Nicht Wie Die Anderen' zum besten zu geben. Erobique bleibt auch direkt und beendet den Abend, zumindest auf der Hauptbühne. Gewohnt soulig, mit voluminösen Basslines und Alarm-Sounds führt Erobique, ganz Showman, durch die Nacht. Obwohl viele sich ob der sommerlichen Temperaturen nach draußen begeben, lässt es sich das International-Pony-Drittel nicht nehmen, zum Schluss ein kleines Farewell-Stück für die Essener zu improvisieren - nur vom Klavier begleitet, nur er und die noch ca. 50 Anwesenden, ganz privat und schön.

Hochkarätig bleibt das Line-Up auch in den frühen Morgenstunden. Neben dem New Yorker Morgan Geist, 50 Prozent von Metro Area und Environ-Label-Gründer, spielt der Italiener Marco Passarani auf. Während Geist mit seinen raren Original-Disco-Tracks im unteren BPM-Bereich bleibt und die Leute nicht so recht zum dauerhaften Tanzen animieren kann, füllt sich bei Marcos energetischen Electro-Knallern die Kuchenplatten-artige Tanzfläche ganz schnell wieder. Passarani brachte erst unlängst sein Album 'Sullen Look' auf Peacefrog raus, auf dem u.a. Kings-Of-Convenience-Sänger Erlend Øye unter dem Pseudonym Orlando Occhio mitgewirkt hat. Anfang der 90er Jahre hat er über das Detroiter Generator-Label veröffentlicht, bevor er in Rom mit Nature Records seinen eigenes Label und mit Final Frontier seinen eigenen Vertrieb gegründet hat. Harte, Detroit-lastige Beats sind nach wie vor das Grundgerüst seines Sounds, wobei er streckenweise durchaus leichtere, funkigere Passagen auf Lager hat. Kollegin Sonja Eismann hat sich explizit als Fan geoutet und wird noch zu später Stunde begeistert auf der Tanzfläche gesichtet. Da muss was dran sein, an dem Mann.

Alles kann man sich nicht angucken, bei so vielen parallel zueinander stattfindenden Konzerten, weshalb Josh Wink bspw. auch leider nicht mehr in den Zeitrahmen passte - Aber, durch soviel Abwechslung, in so untypischem Festival-Ambiente, hebt sich das Soulcialism durchaus von anderen Veranstaltungen ab. Nr. 4 kann kommen.



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