Gemütlich daheim
Das 'Wir Sind Fucking Independent'-Festival
30.08.2004, 14:11, Text:
Christian Steinbrink,
Christian Steinbrink
14.8.04, Köln, Gebäude 9
Das erste Popkomm-Wochenende ohne Popkomm ließ wirklich niemanden das abgestandene Mega-Spektakel vermissen. Für die Masse bot das Ringfest weitgehend Bewährtes, daneben präsentiert(e) die c/o pop den state of the art der elektronischen Musik. Dazu schwang sich der Pop-Underground Kölns auf zu einer Vielfalt lang nicht mehr erfahrener Ausmaße. Generell muss man in den letzten Monaten konstatieren, dass sich in Köln eine sehr weit verzweigte Underground-Popkultur etabliert hat. Lesenswert dazu ist der Rolf Wittelers Artikel Entertainment für einfuffzich in der August-Ausgabe des Kölner Stadtmagazins Stadtrevue, der die augenblickliche Situation und bestehende Möglichkeiten in Kölns Konzertlandschaft sehr kenntnisreich und humorvoll durchleuchtet.
Auch die Macher der Fucking Independent-Abende haben mit den von ihnen veranstalteten Konzerten im Blue Shell und Stereo Wonderland Ideen umgesetzt, die eigentlich nahe liegen, aber in Köln in dieser Größenordnung lange nicht zu finden waren. Nach zwei Festivals mit mehrheitlich lokalen Bands haben sie nun einen Schritt nach oben gewagt und im ungleich größeren Gebäude 9 einen Abend mit weitgehend unbekannten, aber durchaus feinen ausländischen Acts zusammengestellt. Dabei war das Konzept trotzdem noch frei genug, um die Kölner Band Gloria (Bild) kurzfristig ein Akustik-Set auf einer kleinen Bühne vor dem Gebäude spielen zu lassen. Rundum sympathisch halt, kreativ und flexibel. Genau diese Charakteristika trafen auch auf die Bands zu, die den Abend sonst noch bestritten. Denn reichlich spät betraten die belgischen Girls in Hawaii die Bühne, die kürzlich mit einem Album auf dem Hobby Deluxe-Label auf den Plan traten. Sie verstärkten ihre kleinen, sehr unaufdringlichen und gleichwohl unheimlich gehaltvollen Pop-Perlen live zu einer veritablen Rockshow, die in einigen Momenten an Placebo erinnerte, allerdings ohne das überentertainende Rockstargehabe der groß gewordenen Briten.
Danach war es an den Broken Beats aus Dänemark, zum wiederholten Male ein Publikum komplett für sich zu gewinnen. Schon lange gab es keine neue Band mehr, die mit ihren Live-Shows so flächendeckend für Euphorie sorgt. Dabei tritt die Musik fast schon in den Hintergrund für die enorm zündenden Gimmicks, die die Band aus dem Ärmel schüttelt, und dem homogenen Gesamtbild, das die fünf Mitglieder auf der Bühne abgeben. Allen voran natürlich Frontmann Kim, der unterhaltsamer ist als 90% der Typen, die sich in Köln Comedians schimpfen. Die Broken Beats sind eine Band, die nahezu jedes Publikum für sich gewinnen kann. Jeder sollte die Chance unbedingt wahrnehmen, wenn sich in seiner Stadt die Gelegenheit für einen Besuch ergibt.
Abschließend konnte man vom Ex-Hefner-Sänger Darren Hayman kaum noch eine Steigerung erwarten. Aber die Darbietung seiner Songs ausschließlich zu Gitarren- oder Ukulelen-Begleitung ließ die verbliebenden Gäste mal wieder erkennen, warum Hefner damals diesen erfrischenden Gegenpart zum zu der Zeit so populären Stadion-Britpop bildeten. Hayman's Gig hatte mit all seinen treffenden Pointen und seiner so netten Kommunikation die Güteklasse von Jonathan Richman-Konzerten. Und nicht wenige werden wie ich daheim mal wieder die alten Hefner-Platten mit Hits wie 'The Greedy Ugly People' aufgelegt haben.
Dazwischen und danach ließ es sich rund um das Gebäude 9 so angenehm abhängen wie sonst nirgendwo an Sommerabenden in Köln. Beschallt wurden die Leute währenddessen vom bewährt fähigen Spex-DJ-Team. Insgesamt war das ein Abend, der die Besucher endlich wieder mal erkennen ließ, dass es doch die richtige Entscheidung war, damals nach Köln zu ziehen. Trotz aller kultivierten kritischen Distanz. Wer dieses Gefühl auch mal wieder genießen möchte, sollte Ausschau halten nach dem Termin für's nächsten Fucking Independent-Festival.
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