Laisser Faire/Feiern lassen

Campusfest Essen

06.07.2004, 13:02, Text: Thomas Markus, Thomas Markus

02.07. - Campus Essen

Studenten: Trotz Sonnenschein am Nachmittag habe ich es nicht gepackt, pünktlich auf dem Campus zu sein. Bin ich denn schon so lange eingeschrieben, dass sich der studentische Trott auch in der Freizeitplanung bemerkbar macht? Anscheinend. Phoney14 mögen mir verzeihen. Klee waren somit mein Einstieg auf dem Essener Campus-Fest. Die hatten arg mit den Witterungsverhältnissen zu kämpfen; zunächst, weil sich die Instrumente aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit immer wieder verstimmten, zweitens weil aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit nur wenige Leute auf dem Gelände zugegen waren, und drittens weil die drohende (noch höhere!) Luftfeuchtigkeit auch die Anwesenden zu verscheuchen drohte.

Klee gaben nicht auf: “Wir tauschen hier die Kabel, damit ich dann richtig rocken kann“ erklärte Sängerin Suzie Kerstens während einer kurzen Umbaupause. Trotz derartiger Versprechungen und verzerrten Gitarren blieben Klee an der Oberfläche – poppig eben. Den Pop zu proklamieren hätten ihnen auch besser zu Gesicht gestanden, als auf Teufel komm raus den Rock herauszufordern.

The Robocop Kraus dagegen verstanden es sehr wohl, den Rock in Szene zu setzen. Das Material aus der letzten beiden Alben ’Tiger‘ und ’Living With Other People‘ verspricht schon auf Platte ein grandioses Live-Erlebnis. An Live-Erfahrung mangelte es dem Fünfer, dessen Sound sich nach eigener Aussage aus einer Mischung aus ’Rock’n‘Roll and Failure, Nihilism and Love‘ zusammensetzt, wahrhaftig nicht. Durch unzählige Auftritte in Jugendzentren und kleinen Clubs in Deutschland, Frankreich, Holland, Tschechien etc. mit Bands wie The World Inferno Friendship Society oder Yage haben sich die Nürnberger eine solide Basis für größere Bühnen geschaffen. Routiniert und auf den Punkt gebracht wirkt das Set, das mit dem Opener des letzten Albums ’Fake Boys‘ einen runden Abschluss fand. Clenching fists war angesagt.

Tigerbeat bauten den von Robocop geebneten Weg noch etwas weiter aus. Das Publikum war reif für auf die Eins gespielte Riffs, Beat-Attacken und wippende Modfrisuren. Garage-Punk’n’Roll mit Orgel und Sänger International Frehn in geübter Entertainer-Pose ließen den Regen vergessen, der gemeinsam mit den Hamburgern einsetzte. Nur hatte man sich zuvor schon eine gehörige Portion Orgel-Rock von The Robocop Kraus abgeholt, weshalb die Tigerbeat-Nummern auf Dauer etwas ermüdend waren.

Dann kamen Mother Tongue. Anfang der Neunziger Jahre haben die Jungs aus L.A. ihr Debut über Sony gegeben und sollten wahrscheinlich zum Peppers-Konkurrent Nr. 1 herangezüchtet werden. Dazu konnte es allerdings nicht kommen, denn nach Querelen mit eben genannter Firma brauchte man seine Jahre um sich vom Major zu lösen und mit Noisolution (Blackmail, Scumbuckett, Smoke Blow) einen adäquaten Partner zu finden. Mit deren Hilfe veröffentlichten Mother Tongue seit 2002 zwei Alben. Vollgepackt mit einer groovigen Crossover-Blues Mischung mit psychedelischen Anleihen. ’Come in, come in the music‘ forderte Bassist und Sänger David Gould. Nur war es schwer, der warmen Umarmung zu folgen, hatte man doch den Eindruck, dass sich die Band schon vorher dem Auftritt in eine Ekstase gesteigert haben muss, der man nur noch schwerlich folgen konnte. Da wurden Riffs noch und nöcher in verschiedene Tonlagen transponiert und aufgestaute Energien in brachialen Schreien entladen. Nur verpuffte das ganze irgendwie. Den vorderen Reihen des Publikums schien es zu gefallen, was das Gedränge am Autogramm-Stand nach dem Konzert erklärte.

Besser hätte man nicht konterkarieren können. Nach einem Konzert, das vorwiegend auf instrumentaler Ebene zu beeindrucken suchte, kamen die wortgewaltigen Blumfeld. Wenn Jochen Distelmeyer den nächtliche Blick aus dem Fenster beschreibt (’Der Sturm‘) und auffordert, sich vom Müssen und Sollen loszusagen (’Wir Sind Frei‘), scheint es gar keinen Platz für ein Hinterfragen zu geben. Die Texte erscheinen durch ihre Dichte einfach jedermann plausibel, und man möchte bei nahezu jeder Phrase zustimmend nicken, und ab und zu vielleicht ein bißchen versonnen schmunzeln. Der Alltag in all seinen Facetten aufgedröselt und greifbar gemacht. Welch versöhnlicher, akademischer Abschluss für das Essener Sommerfest. Um den großen Gestus schien Herr Distelmeyer auch nicht mehr verlegen zu sein. “Essen, ich kann euch nicht hören“ rief er nicht nur einmal von der Bühne. Jetzt nur nicht über die Stränge schlagen… Allerdings blieb der Blumfeld-Gig trotz dieser kleinen Ausbrüche von einer allgegenwärtigen Laisser-Faire-Stimmung getragen. Meine Befürchtung, die Hamburger ans Ende des Billings zu setzten, bestätigte sich nicht. Auf das große Gerangel hatte eh keiner mehr Bock, und tanzen konnte man ja auch im Studenten Café KKC. Bis in die frühen Morgenstunden zuckten da nicht nur die in mühevoller Kleinstarbeit erstellten Lichtinstallationen zu souligen, funkigen und auch hart elektronischen Klängen der Mülheimer Tanzrapid DJs Mr. Veedeebee, Conni Island und Brett Pitch.



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