Nicht eine Sekunde betüddelt

The White Birch live

13.01.2006, 10:29, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink

11.01.06, Essen, Grend

Auf ihrer bisher zurückgelegten 2006er Tour anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen und wundervollen Albums \\\"Come Up For Air\\\" haben The White Birch schon soviel Ungemach erlebt, dass jeder schlappe Eingangsscherz unangemessen wäre: Nicht nur, dass die Norweger von Temperaturen empfangen wurden, die selbst ihnen ungemütlich vorgekommen sein müssen. Nein, traurigerweise ist auch noch die Tochter des Livebassisten ernsthaft krank geworden, weswegen der die Tour umgehend abbrach und heimfuhr. Und während die vier verbliebenen Tourmitglieder auf dem Weg von München nach Essen ein neues Set zusammenschusterten, zog sich auch noch Sänger Ola Flottum eine Halsentzündung zu.

Denkbar schlechte Voraussetzungen also, die den Gig in Essen an den Rand der Absage brachten.

Dies alles erzählt Gitarrist und Bassist Ulf Rogde, ersatzweise zum Sprachrohr erkoren, nach dem Eingangssong. Eine gute Stunde später werden sowohl er und seine Band als auch das Essener Publikum dankbar sein, dass sich The White Birch zum Auftritt durchgerungen haben. Denn auch wenn viele Songs offensichtlich um bestimmte Elemente reduziert dargeboten werden und Flottums Stimme trotz aller Schonung zwischendurch reichlich schwach klingt, wird klar, dass ihre Musik von einer ganz außerordentlichen Atmosphäre ist. Denn The White Birch spielen, untypisch für ihr Label Glitterhouse, keine Folk- oder Americana-Variante. Sie spielen Pop, und zwar von der sanftesten, reduziertesten und langsamsten Sorte. Irgendwo zwischen spätem Turner und A-ha. Sie schaffen es, mit warmen Keyboardsounds, leicht angeschlagenem Schlagzeug, Bass und zarten Gitarrenpickings einen Sound zu kreieren, der in Watte packt, ohne dass man sich auch nur eine Sekunde betüddelt fühlen würde. Darüber schwebt Flottums heller Gesang, aus oben genannten Gründen noch eine Spur fragiler als sonst, und erleuchtet das Gemüt jedes Besuchers. Das Grend, ein Laden, in dem man wegen der weiten schwarzen Vorhänge und der dicken Klinker bestimmt leicht Platzangst bekommen kann, bietet den genau richtigen kammermusikalisch-intimen baulichen Rahmen. Die Leute sind aufmerksam und mehrheitlich von gemütlichem, älterem Jahrgang. Da The White Birch hierzulande immer noch keine große Nummer sind, kann man davon ausgehen, dass sie auf ihrer Tour schlechtere Besucherzahlen hatten als die ca. 70 Leute im Ruhrgebiet. Aber das ist nur ein weiterer Grund, warum sie an diesem Abend alles geben, bis hin zu vollendeten Heiserkeit. Denn die Atmosphäre ihrer Musik ist zerbrechlich, und das Gelingen ihrer Konzerte hängt sehr stark davon ab, wie sich ihr Publikum verhält. Ist es laut, geht ihre Musik fast schon zwangsläufig unter. An diesem Abend passte aber alles, und wenn alles passt, gibt es wenig, was einem White Birch-Gig das Wasser reichen könnte.



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