Gemischte Gefühle

''Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern''

23.12.2005, 08:00, Text: Frank Nagel, Frank Nagel
[5 Kommentare]

19.12.2005, Aula der Universität zu Köln

Foto: Frank Nagel

Die meisten der ca. 800 Gäste werden sich an diesem Abend mit durchaus gemischten Gefühlen in der Aula der Universität zu Köln eingefunden haben. Denn neben der ein oder anderen schmerzhaften Assoziation, die schon allein der Titel der Lesung \\"Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern\\" hervorgerufen haben dürfte, gab es im Vorfeld den deutlichen Veranstaltungshinweis zu beachten \\"(…), dass die explizite Darstellung in Wort und Bild bei dafür nicht geeigneten, schwachen Menschen zu Unwohlsein führen könnte.\\" Dennoch reichte die Neugier auf das zu Erwartende aus, um die Aula auch an diesem Zusatztermin genauso auszuverkaufen wie schon im vergangenen Oktober.

\\"Eigentlich\\" geht es bei dieser (Vor-)Lesung um eine wissenschaftliche, seriöse Doktorarbeit der technischen Universität München von 1978. In den 70er Jahren war es dort zu einer so auffälligen Häufung grässlicher Penisverletzungen gekommen, dass ein Medizinstudent stutzig wurde und sich veranlasst fühlte auf rund 30 Seiten seine Promotion über das peinvolle Thema zu schreiben (und im übrigen daran bis dato nichts Humoristisches ausmachen kann!). Jahre später gelangte die Arbeit dann irgendwie in die Hände von Charlotte Roche, die - nach Testen des Materials in privater Runde - auf die Idee kam, daraus eine Lesung zu machen. Nachdem mit Christoph Maria Herbst (\\"Stromberg\\") der perfekte Mitstreiter gefunden wurde, machte man sich an die nötige Aufbereitung des Materials. Die medizinischen Fachbegriffe wurden ins Deutsche übersetzt, das Bildmaterial gesichtet und so wurde die Idee dann letztendlich Wirklichkeit.

Am Anfang des Vortrags stand zunächst die für wissenschaftliche Arbeiten übliche Begriffsklärung. Während Herbst das Kapitel zur Anatomie des Penis vorlas, wurden zeitgleich von Charlotte Roche die bildlichen Entsprechungen auf der Leinwand angezeigt, was zu ersten amüsierten Äußerungen im Publikum führte. Im Anschluss gab es statistische Informationen über die Masturbation beim Mann und die Häufigkeit ihrer Anwendung je nach Alter und Schulbildung. Dann die Erläuterung zu dem betreffenden Staubsaugermodell \\"Kobold 116\\" der Marke Vorwerk. Hierbei fühlten sich die ersten Zuschauer dazu veranlasst, ein staunendes, aber eher entsetztes, als freudiges \\"Uaaaaa!\\" auszustoßen. Eine negativ-vorausahnende Reaktion, die Vorwerk-Vertreter beim Vorstellen der Leistungsdaten ihrer Staubsauger an der Haustüre nicht unbedingt erwarten würden. Denn die Vorgehensweise der Patienten wurde mit Dias unterlegt mehr als deutlich gemacht. \\"Entfernt man die Saugdüse, trennt ein 11 cm langer Ansaugstutzen die Staubsaugerspitze vom Propeller.\\" Also: Saugdüse abmachen, reinstecken, anschalten, völlig überraschend vom Sog bis an den rotierenden Propeller ziehen lassen, sehr klein rausziehen und ab zum Arzt. Je nach Motorleistung und Abwehrreflex war der Penis dabei - so wörtlich - \\"unterschiedlich traumatisiert\\". \\"Auaaaa!\\"

Angespannte Haltungen und reflexartiges Zusammenkrümmen bei den Zuschauern gab es auch bei den weiteren Angaben: Mehr als ein Dutzend Patienten waren für die Arbeit untersucht worden und die Krankenakten wurden nun von Charlotte Roche und Christoph Maria Herbst abwechselnd vorgelesen. Dem Aufzählen der jeweils persönlichen Daten über den Familienstand und den Beruf der Staubsaugeropfer hörten die Zuschauer noch ruhig zu. Während der teilweisen Bebilderung und Schilderung der Wunden (z.B. \\"Nach dem Abwaschen des Penis zeigte sich, dass die Umgebung der Harnröhrenmündung nahezu schwarz war. Sparsames Abtragen der zerfetzten Hautteile (…)\\" oder \\"Wegen der zahlreichen teils längs, teils winkelig verlaufenden Verletzungen waren ca. 30 Nähte bei sparsamem Fassen der Wundränder erforderlich. Bei Druck auf den Penis entleerte sich wiederholt etwas Blut neben den Katheter, so dass mit einer Harnröhrenverletzung gerechnet werden musste.\\") erhöhte sich allerdings schlagartig die Frequenz von verschiedensten Ausrufen wie: \\"Uaaaaaah!\\", \\"Oh, neeeee!!\\" oder \\"Ach, du Scheiße!!\\".

Große Heiterkeit hingegen erregten die Erklärungen der Patienten, wie es zu dieser Verletzung hatte kommen können. Nur die wenigsten gaben das innige Verhältnis zu ihrem Staubsauger direkt zu und kamen stattdessen mit den wunderbarsten Ausreden an. Da machte sich der Staubsauger beim Wechseln der Düse selbständig, als man gerade keine Hose trug, oder beim Rückenmassieren mit dem dafür gewählten Staubsauger war zufällig der Ansaugstutzen in andere Regionen geraten.

Die Reaktionen des Publikums ließen sich insgesamt wohl am ehesten mit einer Mischung aus Staunen, Ekel und Heiterkeit beschreiben. Staunen über die Tatsache, dass es Männer gibt, die sich zum Lustgewinn an Staubsaugern vergreifen, Ekel über die Bebilderung der geschilderten Vorfälle und Heiterkeit über die abstrusen Aussagen der Männer zum Unfallhergang. Alles in allem ein sehr origineller, kurzweiliger und manchmal sogar ziemlich witziger Abend mit einem hervorragend aufeinander abgestimmten Lektorenpaar Roche/Herbst.

Weitere Termine:

16.01.2006 Hamburg, Tivoli, C & C
09.01.2006 Bonn, Bundeskunsthalle, C & C
23.01.2006 Tübingen, Mensa der Uni, C & C
21.03.2006 Ludwigsburg, Scala, C & H
22.03.2006 Saarbrücken, Garage, C & H

(C&C = Charlotte liest mit Christoph-Maria Herbst; C&H = Charlotte liest mit Heinz Strunk)



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  • Erzkanzler 26.12.2005 | 23:30:08

    Wie lange wollen die (bzw. Charlotte Roche und jeweiliger Co-Leser) eigentlich noch damit touren? Das geht mittlerweile seit zwei Jahren quer durch die Republik.

  • Erzkanzler 26.12.2005 | 23:30:08

    Wie lange wollen die (bzw. Charlotte Roche und jeweiliger Co-Leser) eigentlich noch damit touren? Das geht mittlerweile seit zwei Jahren quer durch die Republik.

  • User: BriiA
  • BriiA 27.12.2005 | 11:39:15

    Pleiten Pech & Pannen für kulturell Interessierte, das kann Frau Roche besser!

  • User: BriiA
  • BriiA 27.12.2005 | 11:39:15

    Pleiten Pech & Pannen für kulturell Interessierte, das kann Frau Roche besser!

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