
A Nightmare Before Christmas
All Tomorrow's Parties
09.12.2005, 17:15, Text:
Thorsten Schmidt,
Thorsten Schmidt
02.-04.12.05. UK, Sussex, Rye
Das Meer peitscht bedrohlich nahe an die Gleise auf der Zugfahrt entlang Englands Südküste. Nur gut dass \\\\\\\\\\\\\\\"All Tomorrow's Parties\\\\\\\\\\\\\\\" ein Indoor-Festival ist: Das Feriendorf \\\\\\\\\\\\\\\"Camber Sands\\\\\\\\\\\\\\\" im leicht schmuddeligen 50er Jahre Motel-Stil bietet Betten, Dusche und Kochmöglichkeiten in Chalets für 4 bis 8 Personen. Wo sonst Familien ihre Sommerferien verbringen, tummeln sich am ersten Dezember-Wochenende etwa 3.000 Musikbegeisterte aus aller Welt. Eine einzigartige Atmosphäre, Festival-Feeling auf WG-Niveau mit Strand, Hallenbad, Minigolf, Go-Kartbahn und Supermarkt.
Bereits die Opener Battles überraschen am Freitag mit einem spannenden Set und tanzbaren Jazz-Grooves mit Noise-Ausbrüchen. Das ist derart heiß, dass nach der letzten Band nachts um 1.00 Uhr gleich noch einmal gespielt wird. Die famosen Jaga Jazzist aus Norwegen schwelgen in ihren Epen, The Locust ziehen einem fieses Brett über den Schädel und Diamanda Galas lässt einem sozusagen den Mund offen stehen: Die Diva am Flügel hat ihre Opernstimme mit jeder Menge Blues getränkt und schafft auch im Sitzen mehrere Oktaven tadellos und fast beängstigend intensiv. Grenzüberschreitend. Dagegen kommen Blonde Redhead fast bieder daher, und The Kills wie ein leeres Versprechen. Eine Treppe tiefer gibt es derweil an- und aufrührende Poetry von Saul Williams, Post-Punk-Reggae von Jai-Alai Savant und fett-triefende HipHop-Beats von Subtitle. Extrem unterhaltsame Stilbrüche. Und soviel davon bereits am ersten Tag!
Am Samstag geht es entsprechend weiter: 400 Blows sind kompromisslos wie erwartet, lediglich gestoppt vom Feueralarm, den irgendein Bekloppter ausgelöst hat. Bitte alle das Gebäude räumen - soviel Zeit muss sein. Lydia Lunch bringt ihre Parolen über Menschen- und Frauenrechte anschließend auch in fortgeschrittenem Alter mit Stil und Niveau, begleitet lediglich von einem Saxofonisten. Dann wird es hart: Dem Powertrio High On Fire folgen Mastodon mit technisch brillantem Metal. Haareschütteln und Fäuste gen Hallendecke gereckt! Kommen The Mars Volta da noch gegen an? Natürlich kommen sie, auch wenn die Show in Manchester zwei Tage zuvor noch kurzfristig wegen \\\\\\\\\\\\\\\"Stimmbandproblemen\\\\\\\\\\\\\\\" bei Sänger Cedric Bixler Zavala abgesagt wurde. Heute Abend hat die Band ein echtes Heimspiel. \\\\\\\\\\\\\\\"Roulette Dares\\\\\\\\\\\\\\\" als Einstieg, \\\\\\\\\\\\\\\"Take The Veil\\\\\\\\\\\\\\\" mit ersten Jams, und recht früh jüngst ins Live-Repertoire gerückte \\\\\\\\\\\\\\\"L'Via L'Viaquez\\\\\\\\\\\\\\\" mit betörenden Latino-Rhythmen á la Santana. Spätestens jetzt ist klar: Die Band brennt, in diesen Monaten wohlmöglich in der Form Ihres Lebens! Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez hat seine Brille ob der körperlichen Gefühlsausbrüche schon längst abgesetzt, und auch Cedric tanzt sich langsam ein. Vielleicht letztlich doch gut, dass er seine Stimme in Manchester geschont hat - heute ist sein Gesang klar und deutlich. Erfreulich sind die viele neuen Parts, in denen er sich mal ein, zwei Meter vom Mikfrofon entfernt hinstellt und in hohen Lagen intoniert, dann wieder schreiend umherspringt und die Töne auch beim Improvisieren meist sauber trifft. Eine grandiose halbstündige Variante von \\\\\\\\\\\\\\\"Drunkship Of Lanterns\\\\\\\\\\\\\\\" bildet den Höhepunkt dieser Show. Durchatmen bei \\\\\\\\\\\\\\\"The Widow\\\\\\\\\\\\\\\", dann \\\\\\\\\\\\\\\"Cassandra Geminni\\\\\\\\\\\\\\\". Hier wird in 35 Minuten noch einmal alles auf die Spitze getrieben: Omar wendet sich Saxofonist Adrian zu (an dieser Stelle fühlt man sich an das \\\\\\\\\\\\\\\"Omar Rodriguez-Lopez Quintet\\\\\\\\\\\\\\\" erinnert, das jüngst durch Europa tourte) und liefert sich ein packendes Frage-Antwort-Duell. Bei tiefer Stille und filligranen Flöten- und Gitarrenläufen ist dieses Konzert ganz weit draußen. Und endet dann ganz plötzlich auf den Punkt schlagartig in einer gemeinsamen Eruption. Keine neuen Songs, keine Gastspiele anwesender Musiker - und dennoch hinterlässt diese \\\\\\\\\\\\\\\"Family\\\\\\\\\\\\\\\"-Show von The Mars Volta beim ATP nach über 2 Stunden ausnahmslos glückliche bis fassungslose Gesichter.
Der Sonntag ist mit Fingerspitzengefühl geplant und weitestgehend den ruhigeren und \\\\\\\\\\\\\\\"krautigen\\\\\\\\\\\\\\\" Tönen gewidmet. Cinematic Orchestra werden ihrem Namen gerecht und spielen ihren Soundtrack zu Dziga Vertovs Film \\\\\\\\\\\\\\\"Man With A Movie Camera\\\\\\\\\\\\\\\" live ein. Holger Czukay hatte leider kurzfristig abgesagt, so dass nach den sphärischen Ambient-Klängen von Michael Rother (NEU!) Damo Suzuki der einzige Ex-Canler dieses Festivals bleibt. Jelly Planet aus Dortmund plus Omar Rodriguez-Lopez an der Gitarre als Backing Band spielt auf der zweiten, kleineren Bühne. Derlei Jams hatte man sich im Vorfeld mehr versprochen, aber egal: Damo Suzuki gibt eine Stunde den Ton an und lässt seine jungen Gäste abwechselnd darüber improvisieren. Krautrock mit viel jazzigen Elementen - hier ist nichts niedergeschrieben und die Verständigung funktioniert mittels Intention und Blickkontakt. Der Fünfzigjährige ist bereits seit 2002 in wechselnden Formationen auf \\\\\\\\\\\\\\\"Never Ending Tour\\\\\\\\\\\\\\\" ,um die Verständigung zwischen Menschen zu fördern, für eine Welt ohne Gewalt. Ein echter Hippie eben. Und der wahre Host an diesem wahrlich außergewöhnlichen Wochenende! Kurz vor Ende des Tages entführenden Bianca und Sierra Casady alias CocoRosie alle Wissenden eine Treppe aufwärts in ihre ganz eigene Klangwelt aus Harfe, Flügel, Gitarre und Effekten. Die beiden Schwestern mit den aufgemalten Bärtchen singen und wirken fragil wie gerade erst aus dem Ei geschlüpft, so liebenswürdig, dass man sie am liebsten vorsichtig umarmen würde. Da ist es kein Wunder, dass die zahlreich anwesenden Zuschauer aufgrund der fließenden und letztlich so starken Songs in den Pausen in wahre Euphorie ausbrechen... emotional am ehesten vergleichbar mit einem ersten Sigur Rós-Konzert. Im Laufe der Show tritt Beatboxer MC Spleen immer mehr in den Vordergrund, bis am Ende fast ein echter \\\\\\\\\\\\\\\"HipHop-Battle\\\\\\\\\\\\\\\" erreicht ist. CocoRosie, die heimlichen Helden des Festivals? Antony & The Johnsons schließen dann offiziell gepflegt das Programm ab. Obwohl der Mann auf \\\\\\\\\\\\\\\"I Am A Bird Now\\\\\\\\\\\\\\\" seinen Weg vom Mann zur Frau-Werdung schildert, trotz aller lyrischer und musikalischer Dramatik, erweist sich Antony Hegarty mit dem ungewöhnlichen Timbre als sehr humorvoller und sympathischer Künstler: Nachdem ein Zuschauer einfach mal \\\\\\\\\\\\\\\"Fish & Chips\\\\\\\\\\\\\\\" in den stillen Raum ruft, macht Hegarty daraus spontan eine Ballade, die letztlich in einem feinen Rap endet und in allseitigem Gelächter ausartet. Keine Angst also vor Antony & The Johnsons. Hier geschieht Großes für diejenigen, die ein Ohr oder Herz dafür haben. Niemals hat man soviele authentische Künstler und grenzüberschreitende Musik auf einmal erlebt wie bei \\\\\\\\\\\\\\\"All Tomorrow's Parties\\\\\\\\\\\\\\\" - ein echtes Juwel unter den Festivals!
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