Authentischer Schwulst

Elbow live

01.12.2005, 20:00, Text: Oliver Minck, Oliver Minck
[21 Kommentare]

30.11.2005 Köln, Bürgerhaus Stollwerck

\\"´Proteinsurfer`, oder so\\", sagt Kai. Nicht ganz: Photonensurfer lautet der Name der Vorband korrekt, wie einem später dank massiv verbreiteter Aufkleber aufs Auge gedrückt wird. \\"Neue Weltordnung\\", so der Titel des im Februar auf Motor erscheinenden ersten Albums. Es ist leicht und billig, auf die Vorband einzudreschen, aber Photonensurfer sind selbst für mich zu viel: Extrem verkrampfte Typen, wie frisch von der Mannheimer Popakademie gecastet. Brit-Rock total falsch verstanden und mit deutschen Hohltexten versehen. Ein Sänger, der die Hemdsärmel so weit hochgerollt hat, dass sie den Fitnesscenter-gestählten Bizeps umspannen.

Die vielen Engländer im Publikum werden sich leider bestätigt fühlen in ihrem Vorurteil, dass Pop und Germany einfach nicht zusammen gehen.

Als Elbow dann gegen zehn die Bühne betreten, hat sich das Stollwerck angenehm gefüllt, wenngleich von Fan-Hysterie nicht viel zu spüren ist. Elbow sind eben nicht Arctic Monkeys. Ihre Musik ist zeitlos und hyperesistent, was die Ü-30 Quote im Publikum merklich anschwellen lässt. Sänger Guy Garvey betritt die Bühne mit Krückstock, mit dem er während der ersten beiden Nummern immer wieder hektisch ins Publikum fuchtelt. Er sei in London auf der Straße hingefallen, erklärt er auf Zuruf. Es habe sehr weh getan und er habe laut geschrien. Generell sei er ja ein ziemlich wehleidiger Typ, im Gegensatz zu Keyboarder Craig Potter, der auf Schmerzen stehe. Garvey ist schon ein sympathischer Kerl, das Gegenteil von arrogant - und überhaupt das Gegenteil von dem, was Britpopsänger sonst so auszeichnet. Kein blasiertes Gehabe, kein Style-Alarm, stattdessen eine eher bärige Erscheinung und freundliche Kommunikation mit den Zuschauern.

Es ist genau diese bodenständige Attitüde, die die Musik von Elbow so besonders macht. Auf der einen Seite geizt die Band weder mit Pathos noch mit Bombast, transportiert ihren Schwulst aber so authentisch, dass kein fader Nachgeschmack bleibt. Die Melancholie, der Weltschmerz von Elbow ist herzerwärmend ohne Hollywood-Kalkül. Garvey singt nicht einfach nur schön, sondern zugleich rau und unverstellt, wie ein Mann, der auch die Täler des Lebens schon einige Male durchschritten hat. Irgendwie möchte man die Jungs knuddeln, jeden für sich: Den schüchtern lächelnden, schmächtigen schwarzen Bassisten Pete Turner; den Keyboarder Craig Potter, der aussieht wie ein freundliches dickes Mädchen; den fast kahlköpfigen Drummer Richard Jupp, der eine unglaublich Freude am Spielen zu haben scheint; den Gitarristen Mark Potter, einziger Styler des Quintetts mit Anzug und Mod-Frisur; und den lonely Leitwolf Guy Garvey ja sowieso. Garvey hat übrigens eine weibliche Stage-Hand, eine Seltenheit im Rockbiz. Klar, dass sich der Charmeur die Chance nicht entgehen lässt, während der Gitarrenwechsel immer wieder dezent zu flirten oder sogar kleine Paartanzeinlagen zu absolvieren.

Ca. zwei Drittel des Programms bestehen aus Songs vom großartigen aktuellen Album \\"Leaders Of The Free World\\", der Rest verteilt sich auf die beiden Vorgänger. Sehr sauber, sehr präzise kommt der Sound, die Lightshow ist eher minimal, aufwändige Visuals, wie früher schon mal gerne bei Elbow eingesetzt, fehlen diesmal - es soll halt ganz um die Musik gehen. Am allerbesten sind Elbow, wenn sie auch ihren prog-rockigeren Einflüssen freien Lauf lassen, gerade die machen sie ja so besonders. Krumme Takte, verschrobene Choräle, abwegige Songdramaturgien - Elbow dürfen das, ohne dass gleich die Muckerpolizei gerufen werden muss. Natürlich sind die schlichten Balladen auch wundervoll, hier müssen sich Elbow die Meisterschaft aber mit zu vielen anderen Bands von der Insel teilen. Den allergrößten Applaus ernten Elbow übrigens, als Garvey bei einer besonders komplizierten Nummer zwischendrin abbricht, weil er die Akkorde auf der Gitarre vergessen hat. Es wird ein bisschen rumprobiert und dann sind Melodie und Harmonien auch schon wieder im Einklang. Nein, nicht Zeuge eines Fehlers ist man da, sondern eines magischen Momentes.

Nach drei Zugaben leuchten die Augen, pochen die Herzen und alle sind restlos zufrieden. Weiter gehen soll es trotzdem noch: bei der Aftershow-Party im Stereo Wonderland, wie Basser Turner noch vor dem Abgang verkündet. Da hab ich es leider nicht mehr hingeschafft. Wer da war, soll doch hier mal bitte posten, was ich verpasst habe und welchen Shit die Elbows so aufgelegt haben. Danke sehr.



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  • hansmoleman 01.12.2005 | 22:05:22
    ...behaupte ich mal so.
    [I]wie frisch von der Mannheimer Popakademie gecastet.[/I]
    witzig. könnte zum geflügelten wort werden...

    dieser guy garvey ist schon ein phänomen. jeder, der ihn sieht findet ihn super-sympathisch. sowas nenn ich mal ein einnehmendes wesen. ich hab' es nach jahrelangen mühen gerademal geschafft, dass mich nicht wirklich [I]jeder[/I] für ein arschloch hält... wie macht der das nur?

  • hansmoleman 01.12.2005 | 22:05:22
    ...behaupte ich mal so.
    [I]wie frisch von der Mannheimer Popakademie gecastet.[/I]
    witzig. könnte zum geflügelten wort werden...

    dieser guy garvey ist schon ein phänomen. jeder, der ihn sieht findet ihn super-sympathisch. sowas nenn ich mal ein einnehmendes wesen. ich hab' es nach jahrelangen mühen gerademal geschafft, dass mich nicht wirklich [I]jeder[/I] für ein arschloch hält... wie macht der das nur?

  • Erzkanzler 01.12.2005 | 22:39:13

    Und ich dachte, der Schlagzeuger hätte den Einsatz verpasst. Anyway, das war wirklich ein magischer Moment, denn mit ein bisschen sympathischer Verlegenheit und einem charmanten Lächeln wurde die unfreiwillige Pause im Lied garniert.
    Ich habe immer noch ein leises Grinsen im Gesicht... :)

  • Erzkanzler 01.12.2005 | 22:39:13

    Und ich dachte, der Schlagzeuger hätte den Einsatz verpasst. Anyway, das war wirklich ein magischer Moment, denn mit ein bisschen sympathischer Verlegenheit und einem charmanten Lächeln wurde die unfreiwillige Pause im Lied garniert.
    Ich habe immer noch ein leises Grinsen im Gesicht... :)

  • User: berchnokrat
  • berchnokrat 01.12.2005 | 22:41:34

    elbow-mäßig hat man im stereo nix verpasst, außer daß die da in der gegend rumstanden. aufgelegt haben die auch, vom eindruck eher gelangweilt. nicht unbedingt originell: rolling stones, good vibrations u. love will tear us apart. na ja, haben eh alle getrunken.

  • User: berchnokrat
  • berchnokrat 01.12.2005 | 22:41:34

    elbow-mäßig hat man im stereo nix verpasst, außer daß die da in der gegend rumstanden. aufgelegt haben die auch, vom eindruck eher gelangweilt. nicht unbedingt originell: rolling stones, good vibrations u. love will tear us apart. na ja, haben eh alle getrunken.

  • User: henningway
  • henningway 02.12.2005 | 01:34:37

    Ja, ich hatte auch den schlagzeuger in verdacht den einsatz versemmelt zu haben.

  • User: henningway
  • henningway 02.12.2005 | 01:34:37

    Ja, ich hatte auch den schlagzeuger in verdacht den einsatz versemmelt zu haben.

  • User: CarloCarges
  • CarloCarges 02.12.2005 | 14:23:17

    ganz sicher nicht. "sorry, my fault", hat garvey ja sogar noch genuschelt.

  • User: CarloCarges
  • CarloCarges 02.12.2005 | 14:23:17

    ganz sicher nicht. "sorry, my fault", hat garvey ja sogar noch genuschelt.

  • Erzkanzler 02.12.2005 | 16:03:41

    Das habe ich gar nicht gehört.

  • Erzkanzler 02.12.2005 | 16:03:41

    Das habe ich gar nicht gehört.

  • hansmoleman 03.12.2005 | 23:00:43
    ...behaupte ich mal so.
    zurück vom berlin-konzert. diese band ist immernoch einer der besten livebands, der sänger immernoch der sympatischste. alle drei alben wurden fast gleichermassen bedient (nur [I]any day now[/I] hat gefehlt *sniff*), etwas länger hätte es ruhig sein können.
    die zugabe gab es nur mit gegenöeistung, nämlich das singen eines deutschen weihnachtsliedes ([I] o tannenbaum, o tannenbaum[/I] wurde auch prompt gesungen)!
    insgesamt etwas rockiger als die letzten konzerte, die doch deutlich dichter und hypnotischer rüberkamen (die hallen waren auch kleiner damals).
    fazit: wer nicht da war verdient beileid!

  • hansmoleman 03.12.2005 | 23:00:43
    ...behaupte ich mal so.
    zurück vom berlin-konzert. diese band ist immernoch einer der besten livebands, der sänger immernoch der sympatischste. alle drei alben wurden fast gleichermassen bedient (nur [I]any day now[/I] hat gefehlt *sniff*), etwas länger hätte es ruhig sein können.
    die zugabe gab es nur mit gegenöeistung, nämlich das singen eines deutschen weihnachtsliedes ([I] o tannenbaum, o tannenbaum[/I] wurde auch prompt gesungen)!
    insgesamt etwas rockiger als die letzten konzerte, die doch deutlich dichter und hypnotischer rüberkamen (die hallen waren auch kleiner damals).
    fazit: wer nicht da war verdient beileid!

  • User: Axolotl
  • Axolotl 05.12.2005 | 02:14:33

    Danke für das Beileid. Zumal ich im Moment keinen größeren Song kenne als "Leaders of the free world".

  • User: Axolotl
  • Axolotl 05.12.2005 | 02:14:33

    Danke für das Beileid. Zumal ich im Moment keinen größeren Song kenne als "Leaders of the free world".

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