Keine rechten Winkel

Cobra Killer mit Kapajkos live

22.11.2005, 08:00, Text: Thomas Markus, Thomas Markus

19.11.05 - Essen, Unperfekthaus

Cobra Killer gehen mit einem Mandolinen-Orchester auf Tour. Das passt im ersten Augenblick genauso wenig zusammen wie Afrika und Butter. Mandolinen hörte man das letzte Mal in schwülstigen Cinderella-Balladen und nicht in politisch aufgeladenen Electro-Tunes. Allerdings hatten da Kapajkos ihren Heldenzug durch die Punk-Schuppen der Nation noch nicht angetreten. Dass Mandolinen durchaus das Potenzial haben, wüst-übermütiges Liedgut zu transportieren, zeigen die Berliner mit Titeln wie \"Uns geht die Sonne nicht unter\", die selbst in Irokesenschnitt-Hochburgen wie Nürnberg die Punks zum Polkatanz auffordern (nachzulesen auf der Bandpage).

Liegt also gar nicht so fern, die ausschweifenden, Rotwein und Schweiß getränkten Shows von Cobra Killer zu untermalen.

Die leise Befürchtung, doch mit endlos-durchgeschlagenen, zittrigen Mandolinen-Tönen malträtiert zu werden, kann man nach den ersten Takten des Openers \"Heavy Rotation\" ad acta legen. Bassist und Percussionist (Letzterer gibt den Beat auf einer Holzkiste vor und raucht dabei Kette) stellen die Basis, auf die die gezupften Electro-Sound-Adaptionen gesetzt werden. Sehr rhythmisiert und dead-note-lastig in der Umsetzung und durch die legere, fast jazzig-wirkende Vortragsweise der Herren wird eine rauchig-verruchte Hinterhof-Club-Atmosphäre kreiert. Oben drauf die international für Furore sorgenden Präsenzen von Annika Line Trost und Gina V. D'Orio, die ihr Publikum auf High Heels und in sexy hochgeschlitzten Kleidern nicht zu knapp fordern: nämlich mit improtheatermäßigen Ansagen, die sinnentleert scheinen und doch in ihrer Absurdität irgendwie die Brücke zum nächsten Titel schlagen. Sie fordern mit den für Cobra Killer obligatorischen Weinsuhlereien und man fordert das Abschalten eines an den Bühnenhintergrund projezierten Rechtecks, da es auf Cobra-Killer-Konzerten keine rechten Winkel zu geben hat. Anfängliches Schweigen im Publikum löst sich zum Ende des Konzerts in Lachen, Tanz und Begeisterung auf. Die sperrige, gespielte Unnahbarkeit ist für die Anwesenden kein Hindernis für johlenden Beifall und auch Annika Trost kann sich bei manchen der mit lyrischem Ernst vorgetragenen abstrusen Ansagen ihrer Kollegin ein Lächeln nicht verkneifen. Ist es der Wein?

Slawische-Polka Elemente mit aktuellen Musikrichtungen zu vermixen scheint Schule zumachen, denkt man bspw. an Formationen wie Gogol Bordello oder den Bucovina Club, und Polka-Parties sind ja nicht erst seit dem Auftauchen der Quetschkommoden-Mafia in den Regional-Express-Zügen en vogue. Cobra Killer setzen das Konzept allerdings in letzter Konsequenz um. Es wird nicht einfach nur mit Sounds experimentiert, sondern das komplette Material adaptiert - und das Konzept geht obendrein auf. Doch was soll danach noch kommen, mag man sich direkt fragen? Textlich wird es in Zukunft um den Hemd-Knopf von Mandolinen-Zupfer Benjamin gehen, verraten die Cobra Killers. Der, ohne das aufreizende Outfit der Protagonistinnen zu schmälern, einer der schönsten Knöpfe des Abends ist. Alles noch bis Ende des Monats auf den hiesigen Bühnen zu bestaunen.



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