Seitenscheitel und Bier

Tocotronic live in Essen

17.10.2005, 10:23, Text: Thomas Markus, Thomas Markus
[7 Kommentare]

14.10.05, Essen, JZE

Ein erster Blick in den Konzertsaal lässt längst vergessene Gefühle aufsteigen. In kleinen Gruppen sitzen die Leute im Schneidersitz auf dem Boden. Wann sieht man diese systemverweigernde Geste heute noch in so geballter Form? Außer natürlich bei stundenlangem Warten vor Robbie Williams Konzerten. Ich bin beeindruckt.

Zwei Personen erscheinen auf der Bühne. Einer setzt sich hinter ein Miniatur-Schlagzeug am vorderen Bühnenrand, der Andere, mit einer übergroßen Brille und einem Bandana verkleidet, greift zur Gitarre. Beide haben rote Umhänge an, auf denen am Saum mit dicken gelben Buchstaben \\"Staff\\" gestickt ist.

Eine Rockshow im Lo-Fi-Format? Sympathisch. Und dann kommt die Flöte ins Spiel. Zu den ersten Beats bläst Gitarrist Tim Prudhomme schrille Flötentöne direkt ins Mikro. Ein weirdes Gesamtbild, das da geliefert wird. Der Song mit dem Titel \\"George W. Hitler\\" am Ende des Sets, bei dem sich Drummer Geoff Soule ganz unverblümt einen kleinen Hitlerbart anklebt, rundet die ganze Angelegenheit ab. Mit provokativen Elementen wird hier nicht gegeizt, nur ist das Essener Publikum damit etwas überfordert. Die Frau rechts von mir sieht so aus, als hätte sie sich in Essen-Kray bis kurz vor Beginn noch den Fön mitten in die Stirn gehalten und schlägt sich wahrscheinlich mit wichtigeren Problemen rum, als plumpen Bush-Politisierungen. Die einzigen beiden Punks im Saal grölen, weil der Name Hitler fällt. Der Rest steht da und guckt. Als dann am Ende des Gigs demokratisch abgestimmt wird, ob der letzte Song noch einmal gespielt werden soll, wird immer noch mehr geguckt als sich beteiligt und Staff gehen.

Choräle im Intro, das Licht gedämpft und \\"Wir kommen um uns zu beschweren\\" als Opener. Ein alter Einstieg mit neuem (wenn auch nicht mehr ganz so neuem) Mann an der Gitarre. Gerade in den ausufernden, jammigen Passagen, die oft etwas zäh wirkten, setzt Rick McPhail Akzente. Die oft minutenlangen, monotonen Parts haben bei Tocotronic-Konzerten immer wieder zu Kontroversen geführt. Für manche sind sie einfach nur langweilig, andere erleben hier ihre Offenbarung. Hatte ich Tocotronic zuvor immer nur auf großen Bühnen gesehen und immer der ersten Meinung zugestimmt, kann ich mich jetzt im kleineren Rahmen von den Qualitäten der Tocs überzeugen und auf die Offenbarung hoffen. \\"Aber hier leben, Nein Danke\\" von der letzten Platte und erstaunlich viele ältere Songs wie \\"Drüben auf dem Hügel\\" und \\"Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen\\" sind im Programm. Hätte ich die blaue Trainingsjacke doch nicht aussortieren solle? Auf blumfeldiges Rumstehen braucht man sich aber bei der Herbst-Tour der Tocs nicht einzustellen, wenn auch die letzten beiden Platten so etwas vermuten ließen. Doch es wird wunderbarst, unsteril geschrammelt und sich bewegt und sich freudig bedankt und es wird ein kompaktes, rundes Set abgeliefert. In manchen Momenten klopft einem sogar ganz unverhofft die Offenbarung auf die Schulter. Im Zugabenteil geht es dann noch mal in Urbesetzung zu Werke: \\"Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss\\", \\"Ich bin drei Schritte vom Abgrund entfernt\\", \\"Hi Freaks\\" und \\"So jung kommen wir nicht mehr zusammen\\" als finales Statement. Nostalgie- und pathosgeschwängert betrete ich den neonbeleuchteten Vorraum und wünsche mir die \\"Seitenscheitel und Bier\\"-Zeiten zurück.



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  • popstar 18.10.2005 | 11:39:58
    Senior Besserwisser
    Die Band Staff scheint dann wohl aus "Fuck" hervorgegangen zu sein, die dieses m.E. unselige George W. Hitler schon vor (mehr als?) einem Jahr auf ihrer Homepage veröffentlicht hatten. Fuck waren ja vor einigen Jahren schon mal Vorgruppe von Tocotronic auf einer halben Deutschlandtour (und vice versan dann auf der Fuck-Tour in den USA).

  • popstar 18.10.2005 | 11:39:58
    Senior Besserwisser
    Die Band Staff scheint dann wohl aus "Fuck" hervorgegangen zu sein, die dieses m.E. unselige George W. Hitler schon vor (mehr als?) einem Jahr auf ihrer Homepage veröffentlicht hatten. Fuck waren ja vor einigen Jahren schon mal Vorgruppe von Tocotronic auf einer halben Deutschlandtour (und vice versan dann auf der Fuck-Tour in den USA).

  • deadschool 18.10.2005 | 17:27:35

    http://www.supermegacorporation.com/staff/staff.html

    "Die Musiker haben auch mal bei FUCK gespielt. Die Band-Biographie liest sich folgendermassen:

    "The saga begins: Geoff and Tim are super-musicians. They work at Supermegacorporation. They consider themselves to be part of the STAFF, laboring over musical matters often with the help of other super-heroes Sean (of Quickspace), Tripp (of the Grifters), Matteo (of Yuppie Flu), and many others. All take their work quite seriously. As STAFF, they spend time calculating the placement of notes in such a way as to imbue 'pure bliss' in the ears of patrons. The first track on their new album ("Hey Sister" from CDrec2033 "If it ain't STAFF..." on Homesleep records, Bologna, Italy) will spellbind you." www.tocotroniC.de

  • deadschool 18.10.2005 | 17:27:35

    http://www.supermegacorporation.com/staff/staff.html

    "Die Musiker haben auch mal bei FUCK gespielt. Die Band-Biographie liest sich folgendermassen:

    "The saga begins: Geoff and Tim are super-musicians. They work at Supermegacorporation. They consider themselves to be part of the STAFF, laboring over musical matters often with the help of other super-heroes Sean (of Quickspace), Tripp (of the Grifters), Matteo (of Yuppie Flu), and many others. All take their work quite seriously. As STAFF, they spend time calculating the placement of notes in such a way as to imbue 'pure bliss' in the ears of patrons. The first track on their new album ("Hey Sister" from CDrec2033 "If it ain't STAFF..." on Homesleep records, Bologna, Italy) will spellbind you." www.tocotroniC.de

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