Ehrfurchtsvoll bestaunt

Richard Hawley und Petra Jean Phillipson live

29.09.2005, 12:58, Text: Klaas Tigchelaar, Klaas Tigchelaar

28.09.2005, Bonn, Harmonie

Tourauftakt für Richard Hawley, ausgerechnet in Bonn. Glück für uns Kleinstadtbewohner, die Anfahrt nach Köln entfällt, aber außer den üblichen Thirtysomethings, die anscheinend jedes Konzert in der Bonner Harmonie besuchen, haben lediglich eine Handvoll junge Pulp-Fans in den bestuhlten Konzertsaal gefunden. Hätte ein Konzert in Köln mehr Leute gezogen? Oder ist Hawley tatsächlich so heimlich ins Land geschlüpft, dass keiner davon Notiz genommen hat? Den \\\"Ex-Pulp-Gitarrist\\\"-Hinweis auf dem Plakat hat man sich gespart, trotzdem, Schande über alle, die Bonns musikalische Ödlandschaft beklagen.

Hier habt ihr was verpasst.

Als wir um 20 Uhr 30 eintreten, packen Petra Jean Phillipson & Band gerade zusammen, da wurde überpünktlich angefangen. Der Umbau wird mit Jazzrock berieselt, meine Begleiterin und ich können uns sogar noch einen Tisch aussuchen, da nur schätzungsweise vierzig Besucher in kleinen Häufchen über den Saal verteilt sind. Um kurz vor neun Uhr betritt Hawley unter Applaus die Bühne und vom ersten Akkord an beginnen die Zuschauer ehrfurchtsvoll in die Stühle mit Plastik-Rattanbezug zu schmelzen. Tosender Applaus nach jedem Song, ansonsten Totenstille. Auch Hawley scheint das ein wenig unheimlich, er versucht die gespannte Atmosphäre mit Interaktion zu lockern, doch die mit reichlich Sheffieldschem Akzent vorgetragenen Fragen wie \\\"Do you know any good bars here?\\\", oder \\\"Anyone here likes motorbikes?\\\" verhallen im schüchternen Schweigen. Egal. Hawley und Band haben Spaß, wirken in ihren bügelfrischen Anzügen zwar etwas steif, doch der intensive Augenkontakt und der Austausch von Grinsemienen zeigt, dass sie sich auch von einem so verklemmten Publikum nicht die Laune verderben lassen wollen. Der Sound ist glasklar, Hawleys fantastische Stimme mit der Mischung aus Sinatra, Roy Orbison, Elvis und einer Prise Balladen-Billy-Idol wirkt live noch durchdringender. Und auch die künstlichen Streicher aus dem Keyboard können die saubere Darbietung kaum trüben. \\\"Where romance collides with coarseness\\\" fasst der Guardian zu einem früheren Konzert in der Londoner Scala treffend zusammen.

Hawley und Band spielen nahezu das komplette aktuelle Album Coles Corner und den nach oben genannter Publikumsfrage angestimmten Motorcycle Song vom Album Lowedges, wobei der Chef zwar eine elegant-zurückhaltende Gitarre schwingt, hin und wieder auf seinem mit Textblättern beladenen Notenständer spicken muss. Erneute Lockerungsübung für das Publikum, nachdem der Roadie eine anscheinend nicht bundreine Akustikgitarre nach erneutem Stimmvorgang zurückbringt - anscheinend ohne jegliche Verbesserung. \\\"What have you been doing all the time? You tuned it, but to what?\\\" nuschelt Hawley dem geduckt die Bühne verlassenen Roadie nachdenklich hinterher. Zum Ende hin wird es lauter, hier und da treten Hawley und Gitarrist Shez Sherdian ihre Zerrpedale und huddeln ein wenig herum. Die Band ist jetzt endgültig locker, ganz im Gegensatz zum Publikum.

Nach einer knappen Stunde der letzte Song. Als Zugabe ein zuckerwatteweiches Lullaby aus Hawleys Kindertagen, der Chef zupft beherzt die Gitarre und Sheridan rutscht vorsichtig auf der Pedalsteel herum. Dann ist Schluss und die Zuhörer schleichen betreten nach Hause. Nur ein graumelierter Herr nimmt allen Mut zusammen und klaut für seine erheblich jüngere Begleitung eine Setlist vom Bühnenrand. Aber vielleicht war diese Stimmung doch genau dir richtige für Hawleys Musik. In einem ausgelassen-prallgefüllten Großstadtclub wäre das wohl nur halb so bewegend gewesen.



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