
Zwischen Zwängen, Ansprüchen und Wünschen
Die 62. Internationalen Filmfestspiele von Venedig
16.09.2005, 10:26, Text:
Stefan Rambow,
Stefan Rambow
31.08. - 10.09. Venedig
Auf dem spätsommerlichen Lido di Venezia fand bis zum Wochenende im Rahmen der interdisziplinären Kultur-Biennale wieder einmal das traditionsreichste (A)-Filmfestival der Welt statt. Wohl auch das schönste, ruft man gedanklich kurz den zugigen Potsdamer Platz oder Cannes Beton-Bunker vors geistige Auge, auf der fast einstündigen Boots-Tour vom Ferrovia über den Canale Grande an den grandiosen Palästen, dem San Marco, den Biennale-Arealen Arsenale und Giardini vorbei zum vorgelagerten Strand- und Villen-Vorort.
In diesem Jahr hatte Direttore Marco Müller, der vor 2 Jahren den bei Berlusconi wenig beliebten Moritz de Hadeln ablöste (und früher dem kleineren Filmfest in Locarno vorstand) dabei wieder einen Spagat zu meistern : nämlich den national(istisch)en Erwartungen der Italo-Presse einerseits, Hollywood-Marketing-Zwängen und –Glamour-Wünschen andererseits, sowie dem Anspruch, die aktuell relevantesten Entwicklungen im Welt-Kino zu präsentieren, gerecht zu werden.
Im Vorfeld ging es schon ordentlich zur Sache: der nicht berücksichtigte Tinto Brass, Chefästhet des 80er Italo-Soft-Pornos und noch im letzten Jahr vor Ort bei Tarantino & Dantes langer Genre-Retro-Nacht hofiert, schimpfte Müller als "Höfling und Regierungs-Lakaien".
Die Polizei-Hundertschaften langweilten sich also schnell auf dem halbherzig abgeriegelten Mostra-Gelände. Wegen Terror-Risiken relativ streng bewachte Metalldetektor-Sicherheitsschleusen und eine an einigen Stellen völlig verwaiste ca. 1,10 m hohe Alibi-Umzäunung verlängerten die Wege auf dem eigentlich überschaubaren Festival-Terrain, gemurrt wurde dennoch wenig. Hatte es im Vorjahr noch arg bei der Organisation gehapert (verzögerte Vorführungen, vertauschte Filmrollen etc gingen durch die Presse) fiel diesmal der im Gegensatz zu den Hochsicherheitsaufbauten draussen stehende laxe Umgang mit Elektronik im Kino-Inneren auf. Millionen Diskussionen mit italienischen (Foto-)Handybesitzern wollte sich wohl dann doch kein Offizieller aussetzen.
Filme gab es übrigens auch zu sehen: Das asiatische Kino bildete einen Schwerpunkt, was auch die Wahl des leider konventionell-spannungsarm ausgefallenen Eröffnungsfilms "7 Swords" von Tsui Hark unterstrich (wie ein von Müller höchstselbst - nur auf Italienisch - herausgegebener Extra-Katalog), eine Geste zum 100-jährigen Jubiläum des chinesischen Films. Zwei akribisch vorbereitete Retrospektiven präsentierten in Europa bisher nie Gesehenes aus China und Japan: La Storia Segreta del Cinema Asiatico. Eine Woche klug ausgewählte Yakuza- und Samurai-Filme zuhauf. Hier konnte jeder, ob Kenner oder Kurosawa- & Ozu-Ignorant, staunen und feststellen, dass die Kitanos und Wong Kar-Wais dieser Welt nicht eben aus dem filmischen Nichts aufgetaucht sind. Zum zugehörigen Empfang in einem schönen alten Kloster auf der etwas abgelegenen Insel San Giorgio fand sich dann sogar Björk mitsamt Künstlergatten Matthew Barney nach der Präsentation ihres gemeisamen japanophilen Kunst-Molochs "Drawing Restraint 9" entsprechend gewandet zum Plausch ein.
Noch nicht genug der Huldigungen für die Söhne Nippons – der Anime-Grandseigneur Hayao Miyazaki erhielt einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk und Takeshi Kitanos neuer Film, eine surreale Begegnung von Beat mit Mr.Kitano à la "Being John Malkovich", wurde als Überraschungscoup des Festivals in Anwesenheit des leicht ungesund wirkenden Multitalents als "Film Sorpresa" präsentiert.
Lasse Hallströms in Venedig gedrehter "Casanova" konnte nicht auf dem Campo San Polo gezeigt werden, weil Disney aus Sicherheitsbedenken ein Veto einlegte. Die Venezianer, von denen ca. zweitausend als Komparsen mitgewirkt hatten und tagelang für Dreharbeiten Häuser, Gassen und Kanäle freigeräumt hatten, revanchierten sich und nahmen ihre Zusage für den Dogenpalast als Premierenort zurück. Schließlich beschäftigten bei diesem mit Spannung erwarteten, so ur-venezianischenen Thema Gerüchte um die beiden Hauptdarsteller (der trotz Festivalbeiträgen völlig unglamourös-gelangweilte Heath Ledger & Sienna Miller) mehr als das Filmergebnis.
Etwas zusammengefahren wurde auch die im letzten Jahr von Joe Dante und Quentin Tarantino beschirmherrte Retro des italienischen Genrekinos fortgesetzt, was den Rezensenten immerhin in den Genuss solcher Kultstreifen wie "Cosa Avete Fatto a Solange" (Blacky Fuchsberger ermittelt zu Morricone-Musik) und "Terrore Nello Spazio", mit Mario Bavas innovativen B-Movie-Space-Vampiren brachte. Außerdem zu sehen eine charmante Rolle der Werbefilm- und Zeichentrickpioniere Nino & Tony Pagot, bei denen einst "La Linea"-Schöpfer Cavandoli in die Schule ging.
Der sich in Pressezentrums-Gesprächsfetzen dokumentierende ganz normale Festivalwahnsinn nimmt seinen Lauf. Zwei Leibeigene einer deutschen Klatsch-Trash-Postille retuschieren an einem Foto des leicht verquollenen Harrison Ford herum, der hier lediglich als Begleitung seiner wegen Rundumlift nur noch zu eingeschränkter Mimik fähigen Partnerin, "Fragile"-Aktrice Calista Flockhart eingeflogen und dennoch wohl der einzige Grund sein dürfte, warum dieser unterdurchschnittliche Geister-Schlock den Weg auf ein Festival gefunden haben hat. Abgerundet wird der Tag durch ein desorientiertes und schwitzendes japanisches TV-Duo, das aus dem Yakuza-Retro-Dunkel ins Tageslicht tappende Zuschauer so absurd-radebrechend wie hartnäckig zum am anderen Ende des Festivals gezeigten, zur Abwechslung unblutigen neuen Takashi Mike-Film interviewt.
Höchste Zeit für einen Break, ob per Barke in die Altstadt übersetzen oder am Lidostrand in Kolonialatmosphäre zu Füssen des alten Excelsior-Hotels chillen, entscheidet die freundliche Wetterlage und die Länge der jeweiligen Filmpause individuell. Und während am roten Teppich und im Pressesaal die George Clooney-Mania von der Russell Crowe-Mania abgelöst wird, verdichten sich angesichts der im letzten Drittel jeweils schwächelnden Beiträger von Gilliam & Turturro bereits die Meinungen, dass sich hier vor allem ein Film den Goldenen Löwen verdient hat, Ang Lees sensibler "Brokeback Mountain", starring Heath Ledger & Jake Gyllenhaal als gay sheep-boys see for yourself (Musik übrigens von Oscar-Preisträger Gustavo Santaolalla - u.a. Juanes-Producer und Bajofondo Tangoclub-Mastermind). Die Restlöwen sind, mit Ausnahme des Preises für den besten Darsteller an David Strathairn aus Clooneys Publikumsfavorit "Good Night & Good Luck" paritätische Konzessionsentscheidungen der Jury um Produktions-Designer-Star Dante Ferretti.
Und wie geht’s weiter mit Venedig? Kein auch nur halb so grosses europäisches Filmfestival leistet sich eine vergleichbar uninspirierte und kaum des Englischen mächtige Pressebetreung (vom alljährlich vorgeschalteten Akkreditierungschaos ganz zu schweigen) oder eine durchweg stümperhafte TV-, Premieren- und Event-Moderation wie die der RAI-Riege diesen Jahres. Im Wettstreit des sich stetig verdichtenden Wettbewerbs unter den Festivals (Toronto, San Sebastian und gleich zweimal Montreal in unmittelbarer Nähe) ist Venedig trotz der vielen US-Stars in Gefahr, branchentechnisch ins Hintertreffen zu geraten – man kann der leicht selbstherrlichen Serenissima-Mannschaft nur zu etwas mehr Internationalität raten.
Ciao, Venezia - Good Night and Good Luck...
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