This is Munich!

Ein London-Tourtagebuch von Cosmic Casino

14.09.2005, 14:05, Text: Richard Görlich / Cosmic Casino, Richard Görlich / Cosmic Casino

14.09.05, London, Brixton Windmill:
Schon Frühabends sammeln sich die ersten Sportfreunde-Fans vor der Windmill. Die Musiker verausgaben sich am nahe gelegenen Bolzplatz, ein Sauerstoff-Zelt wäre von nöten, ist aber leider nicht vorrätig. Zwangsauswechslungen en masse. Das Spiel endet so ungefähr 12:3 für eine Auswahl mit Sportreunde-Flo und CC-Basser Markus als wandelnde Blutgrätsche im Mittelfeld. Etwas später, vor der Windmill - Fans und Bands, ganz nah beieinander, unterhalten sich vor allem über eins: Wie Wahnsinn das hier eigentlich alles ist. So nah werden SFS-Anhänger ihre Idole so schnell wohl nicht wieder erleben.

Backstageraum? Es gibt nur einen versifften Garten hinter dem Club, in dem man schnell mal ungestört eine rauchen kann. Catering? Entschuldigung, Fish & Chips können wir uns vorne beim Bangladeshi um die Ecke kaufen. Bier? Bitte an der Bar ablatzen, auch die Bands. Egal - knapp einhundert vor, und drei auf der Bühne machen so manch ungewohnte Londoner Clubunzünfigkeit locker wett. \\\"Fast wie von selbst sind wir hierher gekommen\\\". Es liegt so etwas wie, mit Verlaub, Magie in der Luft. Die Luft im Club ist so stickig, dass vereinzelt Bandmitglieder und Zuschauer angezählt werden müssen. K.O.'s werden Gott sei Dank keine registriert, bis auf einen Beinahe-Crash zwischen einem der drei anwesenden Bandmanager und dem Chef der Windmill, dem der teutonische Trubel dann gegen Ende doch zu viel zu werden scheint. Bevor die Dinge eskalieren setzt sich der Bandtross dann aber in Bewegung, ab ins Nachtquartier - den Parkplatz vor dem morgigen Club, der Garage. Sleep tight.

15.09.05, London, Garage
Das Garage, ein angesagter Live-Club am Bahnhof Islington, ist mit fast 500 Zuschauern fast \\\"sold out\\\". Arte filmt, Cosmic Casino sind nervös, aber dafür sehr laut. Monta spielen ein sehr großartiges Konzert, in dem die Langsamkeit und Stille (\\\"Long live the quiet\\\") gefeiert werden. Auch ein Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung ist hier. Wie sich später herausstellen wird, zeigt er sich erregter ob des hier stattgefundenen Auftritts der Babyshambles vor ein paar Monaten als ob des erstaunlichen Treibens am heutigen Abend. Dafür sieht er großzügig über Spielfehler und Holprigkeiten im Arrangement hinweg. Darüber sind wir froh. Weniger freudig erregt zeigen wir uns, als spätnachts zwei 16jährige, offenbar unter Einfluss narkotischer Mittel stehende Hänflinge ungezügelt gegen den Nightliner trommeln. \\\"Fucking Germans\\\" rufen sie, und \\\"gonna fukin' kill ya!\\\". Die Verfolgung der Nachwuchsgangster durch eine Zehnergang einsererseits bringt nichts. Der eine trägt Schlagring und Eisenhandschuh und versetzt CC-Bassist Markus Schäfer einen unsanften und blutigen Schlag ins Gesicht. Die Polizei erscheint, wenn auch spät, die Jungganoven werden festgenommen und Markus verbringt eine Nacht auf der Londoner Polizeiwache. Fast schon Pete-Doherty-Style, will man dem Babyshambles-Fan der Süddeutschen zurufen. Doch der ruht um diese Zeit schon im Hotelbett.

16.09.05, London, BlowUp Metro:
Was für ein Tag. Morgens Dreharbeiten für Cosmic Casino mit \\\"Arte Tracks\\\". Die Jungs fühlen sich geehrt und geben die falschen Antworten auf Fragen, die sie nicht verstehen. Leider hat niemand Make Up dabei. Die Nächte auf Tour haben uns ganz schön ruiniert, so what? Das BlowUp Metro liegt direkt an der Londoner Oxford Street, neben dem legendären Mean Fiddler. Alle, Publikum und Bands, geben nochmals alles, leider schon etwas schwach auf der Brust. Der guten Stimmung tut's keinen Abbruch. Nach Beendigung des Konzerts, auch das ein eher leidiger Londoner Brauch, werden die Bands genötigt, innerhalb 15 Minuten ihr Equipment aus dem Raum zu schaffen, alle Fans müssen den Club sofort verlassen. Schließlich ist Indie-Disco, Friday Night, und es ist guter Brauch hier, nach dem Konzert noch mal 7 Pfund Eintritt zu kassieren. Wir stehen mit einem Berg von Kisten und Gitarrenkoffern auf der Oxford Street, neben uns wird gekokst und uriniert, dass einem ganz schwindlig wird. \\\"Is' halt nicht München\\\", hören wir uns leise sagen und beißen benommen in eine Falafel. Noch 24 Stunden bis nach Hause, dann hat uns Indiekuscheldeutschland mit Backstagebier, Wurscht- und Käsesemmel vor der Show und freundlichen Veranstaltern wieder. Wir wollen trotzdem wieder nach London, keine Frage.



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