Mehr als Malkovichs Oneliner

Das 58. Festival Internazionale del Film Locarno

16.08.2005, 10:04, Text: Stefan Rambow, Stefan Rambow

"Buona serata e buona visione..." Dieses rituelle Moderations-Mantra klingt alljährlich an 11 Abenden im August über die mit 7000 Sitzplätzen zum riesigen Open-Air-Kino umfunktionierte Piazza Grande di Locarno. Das mittlerweile viertgrösste europäische Filmfest am Tessiner Lago Maggiore, seit 1968 in der vor Ort allgegenwärtigen gelb-schwarzen Leopardenfell-Optik gestylt, wirbt neben einem künstlerisch anspruchsvollen Mix aus Autorenfilmen, Dokumentationen und filmischen Experimenten vor allem mit der einmaligen, mediterranen Altstadt-Atmosphäre vor der 26 x 14 Meter grossen Mega-Leinwand. Die sichert Locarno denn auch seine beachtlichen Zuschauerzahlen von an die 200.000 Besuchern.

Im Wettstreit mit der Berlinale, Cannes und insbesondere Venedig, das Locarno zu dicht folgt, um den Schweizern nicht regelmäßig die leckersten Filme abspenstig zu machen, müssen sich die Festivalmacher denn auch einige Fantasie-Preise einfallen lassen, um medienwirksame Stars wie John Malkovich, Terry Gilliam oder Susan Sarandon anzulocken. Celebrities, die sich dann am Lago recht entspannt und publikumsnah geben, ihre neuen Filme im Zweifelsfall aber dennoch am Lido zeigen. Geboten wurde aber weit mehr als Malkovichs one-liner, Sarandons leicht überreifes Dekolletee oder beider Bush-bashing : Ohne bei ca. 250 gezeigten Filmen vollständiges Namedropping leisten zu können, hier also ein kurzer 'Giro di Locarno 2005':

Nach einem fulminanten Bollywood-Opening (das Historienspektakel "The Rising", in dem Star-Komponist A.R. Ramahn dennoch diverse genre-typische Gesang- und Tanznummern untergebracht hat) auf der Piazza folgerichtig vor allem Aufführungen älterer Filme der Promi-Preisträger (darunter partiell Lohnendes wie Nagisa Oshimas unrundes, aber mit Pop-Kult gespicktes Kriegsgefangenschafts-Drama "Merry Christmas Mr. Lawrence" (David Bowie vs Ryuichi Sakamoto vs "Beat" Takeshi Kitano...zum legendären Score von Sakamoto) mit dem der Produzent des Films, der Brite Jeremy Thomas (u.a. "The Last Emperor") geehrt wurde. Gilliams´ alte "Time Bandits", weil die neuen "Brothers Grimm" eben schon am Lido gebucht sind - "Dick Tracy" wegen der bunten Bilder von Preisempfänger, Jury-Chef sowie Bertolucci- und Coppola-Kameramann Vittorio Storaro.

Dann doch mal was fordernd Neues wie der durchgeknallte Thailand-Import "Citizen Dog" (incl. Protagonist namens "Pod" auf der Suche nach seinem abgeschnittenen Finger) oder die Yellowpress-Groteske "Rag Tale" (u.a. mit Jennifer Jason Leigh , Malcolm McDowall) und seinen sujet-gerecht bis zum Ende konsequent hektischen Zooms, Cuts und Schrägen. Am letzten Tag lief mit Robert Altmans "Nashville" noch ein Abschluß-Oldie, weil die scheidende, einigermaßen beliebte Festivaldirektorin Irene Bignardi noch einen Wunsch frei hatte.

Nicht zu vergessen der Massenauflauf für die gar von der halbprivaten Kanzler-Visite geadelte Wim Wenders-Leo-Ehrung vor der mit mehr als 8500 Seh-Süchtigen rappelvollen Piazza Grande-Rekord-Kulisse, die den fast übermütig aufgelegten Meister (Wenders, nicht Schröder) für sein schön fotografiertes, aber matt erzähltes "Don´t Come Knocking" feierte. Warum die nachfolgende Vorstellung des bereits in München gezeigten "Rize" von Video-Clip-Star David La Chapelle zum "Clowning"/"Krumping"-Ghetto-Tanz-Phänomen als "International Premiere" deklariert war, bleibt indes ein Geheimnis des Tessiner Teams, das wie gesagt beruflich bedingt, immer mal wieder mit Superlativen um sich werfen muss:

15 Filme aus 13 Ländern starteten im internationalen Wettbewerb - wenn das nix is, darunter der spätere Gewinner des goldenen Leo : ein "südamerikanischer Episodenfilm, in dem verschiedene (weibliche) Charaktere in unterschiedlichen Szenen mehrmals auftauchen" - Rodrigo Garcías "Nine Lives" mit Glenn Close, Holly Hunter, Sissy Spacek, Robin Wright Penn u.a. (alle ex aequo auch Beste Darstellerinnen). Weitere Längen featurten auch die Träger unterschiedlicher Preise wie "The Piano Tuner of Earthquakes" der Trickfilm-Spezialisten Quay Brothers (u.a. mit Gottfried John) oder der dunkeldunkle "Un Couple Parfait" des Japaners Nobuhiro Suwa (mit Valeria Bruni-Tedeschi). Auch der von der Schweizer Presse schon als missglückt abgeschriebene deutsche Beitrag von Florian Hoffmeister kann da gut mithalten und erhielt einen silbernen Leo für das beste Debüt: "3 Grad kälter" - gemeinsam mit dem iranischen Film "We Are All Fine" von Bizhan Mirbaqeri - noch mal Silber für "Fratricide" von Yilmaz Arslan , einen Film über Asylbewerber in Deutschland.

Kein Preis für "Mirror Mask", aber dennoch merken - ein fantasievoll gestylter Film aus der Produktion der Jim Henson Group mit einer vielversprechenden jungen Schauspielerin des klingenden Namens Stephanie Leonidas. Die verdienstvolle, wenn auch leicht ausufernde Orson-Welles-Retrospektive, die aufgrund deutscher Beteiligung ab September zunächst im Münchner Filmmuseum (und in der Folge wohl weiteren deutschen Kinematheken) weiterverfolgt werden kann, bot neben diversen restaurierten Fassungen, Dokus, Work-Shops und Film-Einführungen internationaler Welles-Forscher und Orson-Afficionados dem Rezensenten u.a. eine erstmalige Begegnung mit der brillianten und von Henry Mancini kongenial vertonten Startsequenz von "Touch of Evil" (1958) sowie die meisterhaft mit Licht- und Schatten operierende Version von "Macbeth" (1948) - letztere flankiert von lauer Piazza-Abendluft und einem voluminösem Eisbecher als Abschluß eines für Schweizer Verhältnisse erstaunlich moderat bepreisten Menüs. (Ganz ähnliche Diäten müssen die Statur des Universalgenies Welles von den 1948er Proportionen in die des Jahres ´58 überführt haben...) In solchen Momenten ist Locarno at its best - da kann weder ein Treppenplatz in der 2. überfüllten Pressevorführung am Potsdamer Platz, noch das Schlangestehen vor dem ausgebuchten Betonbunker an der Cote oder eine stundenlang verspätete Chaos-Vorstellung am Lido mithalten.

Es geht uns also gut hier. Mal am Festival Merchandising-Zelt vorbeigeschlappt und tatsächlich gibt es eine Extra-Orson Welles-Original-Krieg der Welten-Swatch zur diesjährigen Retro mit einer uninspirierten Alien-Comic-Optik !? "Die Schweiz engagiert sich" halt, wie es gleich daneben auf einer einsamen, noch nicht aus dem Ständer geräumten Alt-Broschüre unter lauter festivalbezogenen Werbekarten heisst. Support your local retrospective.

Traditionell im offenen Austausch mit anderen Kunstdisziplinen außerdem in der vom kürzlich verstorbenen Ausstellungsmacher Harald Szeemann ins Leben gerufenen in.progress-Reihe z.B. Panel mit Christo & Jeanne-Claude, dem Architekten Mario Botta, eine von der Schirn Kunsthalle Frankfurt produzierte Präsentation 3-minütiger Video-Clips von Isaac Julien, Doug Aitken und anderen sowie eine Arbeit der Fotografin Nan Goldin. Der oben bereits erwähnte Bildfachmann Vittorio Storaro tauchte diverse Bauwerke der Stadt in Lichtinstallationen und David Lynch präsentierte seine bisher wenig bekannte Malerei am Rande des Festivals. Wer dann noch nicht genug hat, kann sich der passenderweise im verwitternden und von der Schliessung bedrohten Grand Hotel, dem ehemaligen Festival-Zentrum mit dem Gros der Branchenempfänge, abgehaltenen Endzeit-Lesung der nationalen IFPI hingeben, O-Ton : "Piraten durchkreuzen das Schweizer Film- und Musikschaffen. Wir zeigen Medienvertretern mit konkreten Beispielen und einer Lifedemonstration, dass auch der Schweizer Film und die Schweizer Musik piratiert wird. Die Folgen spüren Kulturschaffende direkt." Wie wahr - der alarmierte lokale Tonträgerhandel in Gestalt des wackeren Herrn Sandro Jaeger vom Soldini Music Shop an der Piazza kriegt angesichts solcher Gefahren inmitten seines mässig sortierten Mainstream-Sortiments schon bei von der Kundschaft gezückten Schreibgeräten ernste Herzrhythmusstörungen, auch wenn das Objekt seines Unmuts nur staunend notiert, dass der deutsche Club der Freunde des Tessin es tatsächlich geschafft hat, 17 Lago Maggiore-(Schrott)Schlager auf einer Cd zu versammeln.

Gar nicht nebenbei bemerkt ist Locarno, zumal bei wolkenlosem Himmel und um die 30° im Schatten mehr als ein Filmfestival. Die (dünn besuchten) Pressevorführungen gegen 9.00 oder auch das öfter mal langatmige Wettbewerbs- oder Video-Kunstprogramm konkurrieren nun mal mit mediterranen Tagesaktivitäten wie im & am Lago oder den pittoresken Felsenpools der nahegelegenen Maggia-Schlucht zu (sonnen)baden, weiter per pedes in malerische Bergdörfer vorzudringen, sich zur Zeitungslektüre ins luftige Spazio-Café abzusetzen oder Schweizer Spezialitäten zu shoppen - zumal die nächtlichen Verpflichtungen der meisten Festivalgäste (Orsonianer ausgenommen) noch Party-Hopping vorsehen. Ein "Apero" folgt dem nächsten und zwar ist die Milchserum-Limo Rivella Blau "als Nr. 2 der Softdrinks der Schweiz offizieller Festival-Durstlöscher", aber in stimmigen Villenpark-Locations wie Palazzo Morettini, den Gewächshaus-Ruinen des Theatro Paravento, in den Grand Hotel-Salons oder in der Zeltstadt der Rotonda am anderen Ende der Innenstadt werden doch bewiesenermaßen stärkere Rauschmittel verkonsumiert. Dort gibt es passenderweise auch nonstop "Tuned" von Oliver Pietsch zu sehen, einen sehr gelungenen Zusammenschnitt von Szenen meist bekannter Filme, in denen Schauspieler Rauschzustände spielen. Was uns wiederum nahtlos zum vielgehypten Schweizer Wettbwerbsbeitrag "Snow White" von Samir bringt, der die Geschichte einer 21-Jährigen erzählt, deren Leben durch Züri-Parties, Sex und Drogen etwas auf die schiefe Bahn gerät. Auch eine Art Nr. 2 der Schweiz, denn dafür gabs letztendlich keinen Leoparden; evtl war der möglicherweise ebenfalls im Drogenrausche entstandene Name der Produktionsfirma schuld : Dschoint Ventschr.

In der kulturell dreigeteilten Alpenrepublik (bis zu drei verschiedene Kinostarttermine...) ist das grösste Kino-Festival stets ein Politikum gewesen. Nach 5 Jahren Italo-Regentschaft übernimmt der Westschweizer Frédéric Maire ab dem nächstem Jahr - A la prochaine edition du festival... Locarno befindet sich im Umbruch. Es lebt also. Leo, wir danken Dir.

Text: Stefan Rambow von cinesoundz.



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