It´s still Rock´n` Roll to me

R.E.M. live

29.06.2005, 18:00, Text: Peter Flore, Peter Flore
[3 Kommentare]

28.06.05 Bonn, Museumsmeile

Nun also R.E.M. im beschaulichen Bonn. Man weiß nie so genau, wo man sie hinpacken soll - sind sie jetzt Rock-Dinosaurier im Maßstab U2 oder die Band, auf die sich auch erklärte Indie-Puristen immer und gerne berufen? Auf dem Vorplatz der Bundeskunsthalle jedenfalls tummelt sich Jung und Alt - um mal in Lokalzeitungsjargon zu verfallen - und etliche versuchen, noch Tickets für die ausverkaufte Show zu ergattern. Und natürlich sind sie wieder alle da, die 'Losing My Religion'-Fraktion und die Zufallskonzertgänger. Also doch altgediente Stadionrocker?

Eines ist bei allen Museumsmeilen-Konzerten immer gleich: Um zehn Uhr muss Schluss sein, da quasi mitten in der Stadt gelegen.

Somit betritt der Support, der mir bis dahin unbekannte Richard Hawley samt Band schon gegen 19 Uhr die Bühne. Der Singer/Songwriter aus Sheffield präsentiert uns ganz nette und minimalistisch-ruhige Popsongs, die recht wohlwollend zur Kenntnis genommen werden - mehr aber denn auch nicht. Das einzige, was mir wirklich hängen bleibt, ist seine Stimme die angenehm raunzt und maunzt.

Pünktlich um 20 Uhr, einer Zeit in der R.E.M. sich sonst wohl erstmal in der Garderobe häuslich einrichten, betreten Michael Stipe und Co. unter fast frenetischem Jubel die Bühne, die recht einfach aber optisch sehr ansprechend durch an Neonröhren gemahnende Lichtinstallationen erleuchtet wird. Electrolites, wenn man so will.

\"Good afternoon, everybody\", grüßt Stipe die Menge folgerichtig. 'Bad Day' ist der Opener. Der Song, der wohl als 'End of the World'-Erbe gedacht war, so frappierend ist die Ähnlichkeit. 'What's the Frequency, Kenneth?' folgt nahtlos und man denkt sich: Adieu Dinosaurier, es wird frisch und jugendlich gerockt.

Unnötig zu sagen, dass sich alle Blicke auf Stipe konzentrieren, der Mann ist R.E.M., so leid mir das für Peter Buck und Mike Mills tut. Der exzentrische Sänger ist der Fixstern im Bühnenbild und auf den Videoinstallationen, seine Bandkollegen die Satelliten, die um ihn kreisen. Mit seiner Waschbär ähnlichen Gesichtsbemalung sieht er längst aus wie ein Fabelwesen, entrückt und nicht von dieser Welt. Er wirkt extrovertierter als in vergangene R.E.M.-Jahren, indes nicht so gesprächig wie auf der vergangenen Tour. Somit beschränkt er sich auf kurze Ansagen und auf die Feststellung, seine Band komme \"from a strange, enourmous and sometimes frightening country\" und gehe nicht unbedingt mit ihrer Regierung konform (beim Protest-Song 'Final Straw').

Die Band spielt sich routiniert aber immer mit Spaß an der Freude durch ein Set, bei dem man erstens mal wieder merkt, wie viele heimliche Singles der Backkatalog vorweist und zweitens, wie viele \"echte Singles\" im Prinzip ohne Refrain auskommen ('Losing My Religion', 'Drive'). Highlights: 'Everybody Hurts', natürlich, sowie die drollig bis naive B-Seite 'I'm Gonna DJ' im Zugabenteil und das längst zu einem Klassiker mutierte 'Walk Unafraid'. Dazwischen gibt's mit 'High Speed Train' und 'Driver 8' unbequemes und nostalgisches, bevor die Andy Kaufman-Hommage 'Man On The Moon' den Abend mit einem großen Seufzer gen Himmel beschließt. Yeah, yeah, yeah, yeah.

Und Michael Stipe bedankt sich, mittlerweile seines Hemdes entledigt, artig persönlich in der ersten Reihe und vergisst auch nicht seine (verbale) Verneigung gegenüber den unzähligen Wohltätigkeits- und Menschenrechtsorganisationen, die er und seine kleine Gruppe aus Athens, Georgia seit Jahren ohne allzu große Lautsprecherei unterstützen. So sind sie, die letzten großen Bands mit Indie-Appeal.



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  • User: chronomancer
  • chronomancer 29.06.2005 | 19:31:24

    Yep, war ein schönes Konzert gestern. Auch mit "Losing My Religion" Leutchen im Publikum. ;)
    Anmerkung am Rande: "I'm Gonna DJ" ist jedoch keine B-Seite, das Ding ist ein gänzlich neuer Song & bisher noch nicht veröffentlicht...

  • User: Gandalf
  • Gandalf 29.06.2005 | 21:15:51
    Graue Eminenz
    schöner bericht, passt sehr gut auch zu dem konzert in hannover, dass ich anfang des jahres gesehen habe

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