
Rockposen für perfektes Entertainment
Coldplay mit Ashcroft und Kettcar live
20.06.2005, 17:30, Text:
Ines Sundermann & Christian Steinbrink,
Ines Sundermann & Christian Steinbrink
[5 Kommentare]
17.6., Köln, Fühlinger See.
Kritisches, schwüles Wetter am Fühlinger See bei Köln. Die Veranstaltung verspricht, brisant zu werden. Immerhin gibt sich die \\\"zur Zeit erfolgreichste Band der Welt\\\", so das HeuteJournal unlängst, ein Stelldichein. Mit allem, was dazu gehört: Vielen Tausend Fans, einer übergroßen Bühne, jeder Menge technischem Schnickschnack und einer Festivität der zuständigen Plattenfirma EMI, die den kommerziellen Erfolg des neuen Albums 'X&Y' sicherlich auch mal wieder sehr gut gebrauchen könnte. Aber es ist nicht sicher, ob das Wetter mitspielt: Die Wolken verharren bedrohlich über dem Naherholungsgebiet.
Über Richard Ashcroft kann ich eigentlich nur sagen, dass er sich auf der Bühne so unerträglich gebärdet, als wäre er der Xavier Naidoo des UK. Aber dass ich keine Ahnung habe, ist bekannt, und deshalb springt hier zu meiner Ehrenrettung Ines Sundermann, anerkanntermaßen eine der profiliertesten Ashcroft-Expertinnen der Republik, ein. Here she goes:
Richard Ashcroft bestreitet seinen Part des Vorprogrammes mit Akustikgitarre und Keyboarder, hin und wieder unterfüttert durch diverse Instrumentenspuren vom Band. Dass in diesem großen Rahmen eine Band fehlt, kommt etwas überraschend und enttäuscht mich leicht. Denn zu so früher Stunde eines noch langen Abends ist die allgemeine Stimmung noch nicht so recht für ein sentimentales Unplugged-Set bereit. Dagegen glänzt der ehemalige The Verve-Frontmann mit einer so jugendlich klingenden Stimme, die bei seinen langgezogenen Ah's und Oh's immer noch herrlich vibriert, als sei nicht mal ein Jahr seit dem Ende seiner früheren Band vergangen. Zudem spielt er sich quer durch 'Urban Hymns', bedient sich aber kaum aus seinem späteren Solorepertoire, so dass man sich tatsächlich in die späten 90er zurückversetzt fühlt. Leider wissen nur wenige Besucher etwas mit Ashcroft bzw. The Verve anzufangen. Die Gesichter der \\\"Coldplay'az\\\"-Gang neben mir starren apathisch in alle möglichen Richtungen, aber selten zur Bühne. Der Spieß wendet sich erst mit dem hymnischen Finale: 'Bittersweet Symphony' in der Karaoke-Version. Ernsthafte Fans hätten gewiss mehr Anspruch erwartet, aber die Mehrheit will den Song gar nicht anders als gewohnt, stemmt die Fäuste in die Höhe und stimmt lauthals mit ein. Und so gibt es zum Schluss doch noch \\\"richtiges\\\" Entertainment.
Soviel Entertainment also, und der Hauptact kommt erst noch. Man fragt sich, was denn wohl für Eintrittspreise von 55 Euro noch zu erwarten ist. Als Coldplay auf die Bühne kommen, springen auch die Leinwand hinter der Band und die großen Videowände links und rechts an. Aber anstatt kunstvollen Mehrwertes wird auf den Videowänden nur die Band in verschiedensten Liveposen gezeigt - immerhin gekonnt arrangiert. Ist ja auch töricht, etwas anderes zu erwarten, bei einer Stadionrockband. Ich habe es mir leider zur Gewohnheit gemacht, meinen Notizblock während meiner Konzertbesuche zuhause zu lassen, deshalb müssen diejenigen, die es brauchen, auf eine Tracklist leider verzichten. Was ich aber sagen kann, ist, dass sich die Band, die ihre Tour ohne Gastmusiker bestreitet, sich trotz der vielen sinnlich in sich gekehrten Momente ihrer Stücke um amtliche Rockposen bemüht. Chris Martin hat sich gemausert, er geht mittlerweile sehr gekonnt und routiniert auch mit großen Menschenmassen um, ohne dabei zu exaltiert zu wirken. Stattdessen versinkt er in den richtigen Momenten lieber in seinen Songs, egal, ob er gerade am Klavier sitzt oder mit Gitarre in vorderster Front am Mikrophon steht. Verblüffend ist, wie sehr die Wahrnehmung der Band auf ihn ausgerichtet ist: Während ich bei z.B. Travis wohl alle Bandmitglieder erkennen würde, könnten die anderen Coldplay-Typen minutenlang neben mir im Supermarkt stehen, ohne von mir belästigt zu werden. Vielleicht hilft ihnen dieser Umstand, Martin auch in solch geringer Gruppenstärke einen Background zu liefern, der nichts anderes als professionell ist und dem Frontmann alle Freiheiten bietet, um die Sympathien des Publikums auf sich zu ziehen. Aber das ist sowieso hin und weg. Das Wetter hat gehalten, Coldplay bietet ihm Ohrwürmer am Stück, also alles, was die vielen Tausend Leute sich erhofft und wofür sie bezahlt haben. Dementsprechend bemühen Coldplay gar keine endlos langen Spielzeiten, sondern geben nahezu alle Hits und viel Material vom neuen Album, halten ihr Set schön kompakt und sind nach ca. 80 Minuten wieder von der Bühne verschwunden. Und das Publikum ist selig. Nur mir fehlt,auch beim Schreiben dieses Textes, ein wenig die Seele. Aber man sollte nicht dumm sein, in dieser Größenordnung nach den schrulligen Eigentümlichkeiten von 200er-Gigs zu suchen. Denn in dieser Größenordnung gewinnt nur eines: Nämlich perfektes Entertainment.
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UlrichAnton 20.06.2005 | 20:36:45
ready at dawn
ich war gestern auf dem berliner gig und fands sehr gut. weil die band jetzt neuerdings vor 15.000 leuten auftreten von stadionrockband zu sprechen, na von mir aus, ich hab ja auch keine probleme mit u2. ich hab coldplay bis jetzt nur so am rande wahrgenommen und war sehr angetan von der postiven stimmung, die sie aufgebaut haben, kleinere witze wie der kraftwerk-sample von dem lied auf der neuen cd oder "we all living in america/america ist wunderbarrrr" zitate á la rammstein gestern lockern das ganze auf.
irgendwo sind die stilistischen grenzen etwas zu eng gesteckt, aber das gefühl, was sie aufbauen, kommt mit so einer schönen leichtigkeit daher... .
so, und außerdem ist die neue cd keineswegs schlechter als die ersten beiden. so eine song wie "yellow" schüttelt keine band zweimal aus dem ärmel.
sherpa 21.06.2005 | 09:08:53
die setlist für solche die sie brauchen:
Square One
Politik
Yellow
God Put A Smile Upon Your Face
Speed Of Sound
Low
A Message
Everything's Not Lost
White Shadows
The Scientist
Til Kingdome Come
Don't Panic
Clocks
Swallowed In The Sea
---
What If
In My Place
Fix You
hasihh 24.06.2005 | 18:51:33
gut war ja, dass man in hamburg wunderbar vom parkplatz aus frontal auf die bühne und die leinwände schauen konnte - guter sound, kostenlos und bei strahlendstem sonnenschein war DAS perfektes entertainment.
UlrichAnton 24.06.2005 | 19:01:51
ready at dawn
besser ist aber in berlin umsonst rein kommen.
ätsch!
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