
Deine Zitrone
Stereo Total + Electronicat live
08.04.2005, 15:02, Text:
Thomas Markus,
Thomas Markus
06.04.05, Köln, Stollwerk
Sonore Elektro-Klänge empfangen mich, als ich den Saal betrete. Darunter langsame, fast sterile Beats und darüber eine bluesige Gitarre, die in jeder verruchten mexikanischen Pinte kein Aufsehen erregen würde. Aus diesen Versatzstücken setzt sich das Soundgefüge des Label-Kollegen von Stereo Total, Electronicat, zusammen. Seit 1997 treibt sich der Franzose Fred Bigot unter diesem Namen schon auf diversen Labels (Mute, Kitty-Yo) rum und hat in seiner frühen Phase eher durch Kollaborationen mit Videokünstlern von sich Reden gemacht als durch One-Man-Entertainer-Konzerte. Die Tatsache, dass Bigot für Beatbox, Rechner, Gitarre und obendrein den Gesang allein verantwortlich ist, lässt ihn zwischenzeitlich in Bedrängnis geraten.
Für soviel Schwelgerei bleibt bei Stereo Total natürlich keine Zeit. Die quirlige Musique-Melange aus \\\\"Elektronique, Roque, Pünk, 'Eavy Metal, Rockabilly, etc.\\\\" (O-Ton Francoise Cactus) lässt nicht viel Raum für Sperenzchen. \\\\"Alors, un, deux, trois, quatre\\\\" - und los gepunkt. Doch halt, der Gitarrengurt macht Zicken und Partner Brezel Göring eilt seiner Kollegin gentlemanlike zur Hilfe und präsentiert dabei sein Outfit in Gänze: Gewohnt gewagt, komplett in Leder, mit Gelfrisur und Stofftaschentüchern um den Handgelenken - irgendwo zwischen Hanky-Code-Leder-Trutsche und Popper - formidable, monsieur!
Nicht von schlechten Eltern ist auch die erste Auskopplung 'Nackt', die schon zu Beginn verbraten wird. Ohne große Pausen bieten uns die beiden Glanzstücke aus zehn Jahren Stereo Total und dabei fehlen 'Cinémania', 'Vive Le Week-end', 'Helft Mir' oder 'Hunger!' vom aktuellen Album genauso wenig, wie die Klassiker 'Schön Von Hinten' oder 'Holiday Inn'. Bei 'Wir Tanzen Im 4-eck', der zweiten von drei(!) Zugaben, folgen einige der Aufforderung Brezels, die Bühne zu stürmen, um mit ihm Arme und Beine in göring'scher Manier (darf man das so schreiben?) zu schwingen. Neben dem ekstatischen Ausdruckstanz von Brezel wirkt Francoise fast wie ein scheues Reh. Aber genau diese Gegensätzlichkeit macht Stereo Total so einzigartig - es ist diese unprätentiöse Art von Madame Cactus, ihre lakonischen Bemerkungen, die ganze Figur, fast fremd im Kontext eines wilden Elektro-Pop-Konzertes, ich bin begeistert. \\\\"Alors, was spielen wir? Isch habe den Zettel verbummelt\\\\", bemerkt sie mit breitem, französischen Akzent, und genau dann packt es mich und ich möchte ihr vor Verzückung gerne sagen dürfen, \\\\"Quetsch misch, ich bin ein Citron\\\\", so wie in diesem Popshoppers Song. 'Mothers Little Helper' von den Stones zum Schluss und Stereo Total lassen sich trotz Soundproblemen nicht von der Bühne vertreiben. Vor allem Brezel stürmt immer wieder nach vorne und bewegt Francoise drei Mal dazu, ihre Tasche wieder hinter dem Schlagzeug abzustellen.'(We Hate) Everybody In The Discotheque', ein Cover vom schottischen Electro-Duo Motormark, beschließt den Abend, und zurück bleibt ein tanzendes und euphorisches Publikum, das auch eine weitere Zugabe ohne Kompromisse bejubelt hätte. Neben der ganzen Euphorie denke ich, ganz für mich: \\\\"Oh Francoise, bitte lass mich auch bei der nächsten Tour hoffen, 'dein Citron' zu sein, wenigstens von weitem\\\\".
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