
Keep On Livin'
Le Tigre und Lesbians on Ecstasy live
04.04.2005, 17:12, Text:
Sonja Eismann,
Sonja Eismann
03.04.05, Köln, Gebäude 9
Im Vorfeld hatte man ja schon Verheißungsvolles über die Lesbians on Ecstasy aus Montréal gehört, die an diesem Abend als Vorgruppe zu Le Tigre auftreten. Aber was dann im Gebäude 9 über das Publikum hereinbricht, ist schlichtweg der viel bemühte Hammer. Ein dröhnendes Techno-Gewitter wird von einem Set-Up aus Bass, Drumpads, Mac und Keyboards erzeugt, und als Sängerin Fruity Frankie als dominante Lederwesten-Lesbe auf die Bühne stürmt, ist das arschcoole Quartett komplett. Mit dem Rücken zum Publikum und behandschuhten, ausgestreckten Armen grunzt Frankie ihre harsche Anweisung in den Saal: \\"Good evening, Cologne.
Dann, fast auf die Minute genau getreu den Tourrider-Anweisungen, erhellen die Le-Tigre-Visuals mit einer künstlerisch aufgemachten Logo-Sequenz und einer alternativen Variante von 'TGIF' den erwartungsfrohen Saal. Die meiner Meinung nach explosivste Liveband der Welt stürmt in ihren wie immer umwerfenden Stage-Outfits die Bühne und startet den Abend mit 'TKO' - der ersten Single der neuen Platte, ihrem Major-Debüt. Die Stimmung ist gut, der Saal brechend voll, und schon als zweites kommt die Anti-Diskriminierungs-Hymne 'Keep on Livin'', die Kathleen Hanna allen \\"fags, charlies und girls you can't fuck with\\" widmet. Ich bin etwas erstaunt, dass dieses aufwühlende Stück schon so früh kommt, aber dann geht es auch schon weiter mit hauptsächlich neuen Songs. Als 'F.Y.R', eines der besten politisch-feministischen Stücke, die je geschrieben wurden (hey, ich bin Fan, da wird nicht mit Superlativen gegeizt) kommt, falle ich wie stets fast in Ohnmacht vor Begeisterung, kriege aber doch noch mit, dass den Leuten um mich rum der Content nicht so wirklich viel bedeutet. Auch bei 'Hot Topic', zu dem im Hintergrund von Le Tigre verehrte Artists auf der Leinwand vorbeirauschen, gibt es kein begeistertes Gebrüll im Saal wie in anderen Städten bzw. Ländern (ich erinnere mich noch glückselig an die Hysterie, die in Wien beim Anblick von Valie Export ausbrach), sondern nur undifferenzierte Konzertbegeisterung. Während der Anti-Bush-Song 'New Kicks' als Video läuft, verschwindet die Band backstage und kommt in noch glamouröseren, diesmal weißen Kostümen zurück, und nach einer guten Stunde ist der Auftritt vorbei. Als Zugabe gibt es eine aktionsgeladene Version von 'Deceptacon', zu der fast der ganze Saal nach oben springt, und als alle wahrscheinlich auf das Cover von 'I'm so excited' und den süßen Rausschmeißer 'Les and Ray' warten, geht auch schon erbarmungslos die Konservenmusik der Veranstalter an.
Wie stets ein großartiger Abend, bei dem sicher das ein oder andere Euphorie-Tränchen verdrückt wurde, aber im direkten Vergleich zu anderen Auftritten fast ein bisschen steril. Vielleicht ist das der Preis für den Major-Deal - dass das Publikum nicht so wie früher für die gleichen Inhalte brennt, sondern einfach gut unterhalten werden möchte.
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