Fünf Reihen Glück

Rogue Wave live

08.03.2005, 18:12, Text: Vanessa Romotzky, Vanessa Romotzky

07.03.05, Köln, Underground

Wenn man das Album kannte, konnte man es sich denken. Und vorstellen sowieso. Dass Rogue Wave erste zarte, anschmelzende Frühjahrsvorboten in das dunkle (mittlerweile ausgebaute) Underground tragen würden und das gefühlt vielleicht sogar zum ersten Mal überhaupt in diesem Jahr. Die noch frische, da 2002 gegründete Band aus Californien, zwar ganz und gar nicht Vertreter eines ungebrochen sonnigen Gemüts, vermögen es trotzdem, Assoziation an ihren Herkunftsstaat zu erwecken. Ich denke an die vor einigen Jahren laufende prägnante Werbung für californische Rosinen, unterlegt mit Eric Burdons 'San Franciscan Nights'.

Rogue Wave sind jedoch weit entfernt von jeglicher Schwülstigkeit. Nicht aber von Leidenschaft. Zach Rogue, Sänger und Gründer der Band, kündigte seinen Job, hatte schlechte Laune, flog nach New York, um gegen diese etwas zu tun und bei einem Freund ein, zwei Lieder aufzunehmen. Schließlich hatte er genug Songs für ein ganzes Album. Das Debut 'Out Of The Shadow' wurde zunächst Anfang '03 auf dem eigenen Label Responsive Records und später dann, 04 in neu gemischter Version auf Sub Pop veröffentlicht. Ein Album voller liebenswerter, hochmelodiöser Songs, die, wenn man Vergleiche anstellen sollte, etwa einer Kombination aus Labelkollegen The Shins und Elliott Smith entsprächen. Songs über Alltag und Liebe, mit klugen wie hübschen Metaphern (\\\"in this postage stamp world / you get what you want / you can all get in line / and lick my behind\\\"), so unaufdringlich wie berührend, über die Unzulänglichkeiten der Welt.

Das Underground ist wie zu erwarten nicht übermäßig gefüllt. Die etwa fünf Reihen allerdings, die im Laufe des Abends um eintrudelndes Partyvolk erweitert werden, sind mehr als bereit, ihrer Verzückung Ausdruck zu verleihen: wir klatschen, schnalzen, gurren und rufen dazu. Und Rogue Wave spielen. Anfangs wirken sie noch ein wenig irritiert, vielleicht angesichts der wenigen Leute oder doch auch verwirrt vom Mix aus Billardtischen und Folterkammer-Schick im Barraum nebenan? Doch zusehend spielen sie sich selbst und das Publikum glücklich. Ihre Musik euphorisiert mit brillanten Melodien, in Reduzierung wie Ausufern (kalifornisches Flair versprühen auch die beachmäßigen, mehrstimmigen Harmoniegesänge). Der Schlagzeuger kümmert sich nebenbei um Sampling und Effekte, vor jedem Mitglied steht zu Recht ein Mikrophon und die Instrumente werden reihum getauscht. Anstelle von Bassistin Sonya Westcoast ist hier ein männlicher Vertreter dabei, dem verdienten Intro-Mitarbeiter Hendryk Martin optisch nicht unähnlich.

Die Songs sind gemessen an ihrem Euphorisierungswert (in deren Wirkung man sie beinahe als Indie-Folk-Version von Weezer bezeichnen möchte) intelligente, perlende, unaufdringliche Hits, keine Frage: 'Every Moment', 'Kicking The Heart Out', 'Perfect'. Vorstellungen werden plastisch und die Rechnung geht auf. Es macht Sinn, dass die Verzauberung genau von diesen Leuten und ihrer Musik ausgeht. Die 4 Jungs, optisch heterogen und wenig style-ergeben, versprühen eine Art sensiblen Arbeiter-Charme. Wie befreundet sein mit einem echten Freund. Oh ja. Eine Mischung aus Ninetofive-Leben und genau dessen Aufgabe. Zum Glück reizen Rogue Wave auch die Underground-Party-Start-Begrenzung aus und geben Zugaben. Ihre Version des Nirvana-Songs 'On A PLain' erklingt so roguewavig, dass man es tatsächlich nur noch am Text erkennt. \\\"I'm on a plain / I can'tcomplain.\\\" Ich kann mich sowieso nicht beschweren. Diese gefühlten 25 Grad mit lauem Wind gab es lange nicht.

Übrigens sind die ehemals hinfälligsten, weil festivalähnlichsten, Toiletten Kölns keine Ausrede mehr, im Underground stattfindende fantastische Konzerte wie dieses nicht zu besuchen. Die Klos wurden komplett saniert. Ja, hätte man das vorher gewußt.



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