We jam econo

Premiere der Minutemen-Doku

01.03.2005, 14:52, Text: Thomas Venker, Thomas Venker
[4 Kommentare]

25.2.2005, San Pedro, Los Angeles, Warner Grand Theatre

Das schöne am Reisen sind die Zufälle und Überraschungen. Eine kleine Seitennotiz in der Los Angeles Times, nicht größer als fünf Zeilen, kündigte die Premiere der Dokumentation 'We jam econo' über The Minutemen im Warner Grand Theater in San Pedro an. San Petro, für eine ganze Generation von Indiekids war das ein magischer Ort, an dem einige der spannendsten Fäden der generell kollossal fesselnden SST-Szene zusammen liefen (in unserer tausende von Meilen entfernten Vorstellungswelt zumindest). Hier wohnte u.a. Mike Watt, Gründungsmitglied der Minutemen, später mit Minutemen-Drummer George Hurley bei fIREHOSE und zuletzt als eigener Imprint aktiv in der Mission des Bass (und als der neue Mann auf der Stooges-Reunion-Tour an der Seite von Iggy Pop).

Natürlich war San Petro damals keineswegs der Hot Spot der Szene, schaut man 'We jam econo', erfährt man, dass in diesem Hafenviertel von Los Angeles, in dem die local working class angesiedelt war und ist, so gut wie kein Punkrock passierte - bis zu jenem Tag als Black Flag mal im Viertel spielten und The Minutemen als Support einluden. Der Beginn der SST-Verflechtungen - und eine zu lange Geschichte für das Internet. Wen sie aber interessiert, und das sollte sie alle, die mehr erfahren wollen über die Wurzeln von Indierock und Hardcore, dem sei das Buch von Michael Azerrad (passenderweise nach dem Minutemenslogan 'Our Band could be your life' betitelt) empfohlen.

Und nun auch die bald erscheinende DVD 'We jam econo'. Die Premiere im wunderschönen, im spanischen Stil des frühen 20. Jahrhunderts gebauten und sehr gut erhalten Warner Grand Theatre wurde auch ohne große Presseankündigung zum Happening des Abends - und das weit über San Petro hinaus; beim Warten vor der Kino traf man Leute aus Seattle, Washington und New York. Sie waren alle noch mal zusammengekommen, um einer der wichtigsten Bands der frühen Achtziger, deren Einflusslinie bis heute noch erkennbar ist, zu würdigen: Die Musikerveteranen der SST-Zeit genauso wie jene, die frühe im Pit rumpogten. Es hatte schon was von einem Klassentreffen. Aber zumindest bis zum Filmende im positiven Sinne - die anschließende Fragen-Antworten-Veranstaltung uferte für mein Befinden zu sehr in Nostalgie und Betroffenheit aus - Betroffenheit, da natürlich auch 20 Jahre nach dem tragischen Autounfalltot des Minutemen-Sängers- und Gitarristen D. Boon am 22. Dezember 1985, unmittelbar nach dem Ende einer Support-Tour für REM, dessen Fehlen allgegenwärtig war.

Der Film selbst ist hingegen einfach nur grandios gelungen. Sehr viel Originalmaterial wurde aufgetrieben, so dass die Minutemen selbst für die eindringliche Wirkung der Dokumentation sorgen. Ergänzt werden die diversen Live-Mitschnitte um ein langes Interview, das die Band kurz vor D. Boons Tod einem TV-Sender gaben und aktuellen Interviews mit den Bandmitgliedern Watt und Hurley sowie jeder Menge Promis jener Tage. Die Leinwandappereance von Leuten wie Thourston Moore (das Sonic Youth-Mitglied war auch extra aus New York angereist), Flea (Red Hot Chili Peppers), Ian MacKaye (Fugazi), Joe Baiza (Universal Congress of), Richard Meltzer, Raymond Pettibon (der Bruder von Gregg Ginn hat so gut wie alle frühen SST-Cover gezeichnet) und jeder Menge Lokalberühmtheiten wurde im Saal gröhlend gefeiert. Lediglich SST-Labelbetreiber Gregg Ginn und Dead Kennedys-Frontmann Jello Biafra wurden ausgebuht.

'We jam econo' ist ein anekdotenreicher Film geworden, der bei aller Nostalgie (die einem solchen Unterfangen immer anhaftet, besonders, wenn die Band so tragisch auseinander gerissen wurde) aber nie einen staubigen Geschmack bekommt, sondern ganz im Gegenteil für leuchtende Augen sorgt. Beispielsweise wenn Watt erzählt, dass er Boon mit 13 kennenlernte, als dieser einfach so im Park aus einem Baum auf ihn runterfiel. Oder dass er, Watt, am Anfang gar nicht wusste, dass ein Bass nicht einfach nur eine Gitarre mit 4 Saiten ist (man kann sich das Gelächter vorstellen, so ein Statement aus dem Mund von Mister US-Indie-Bass schlechthin zu hören).

Das Regie-Duo von 'We jam econo', Tim Irwin und Keith Schieron, beide Anfang 30, ist übrigens durch Zufall am gleichen Tag auf die Band gestoßen. Und das erst vor drei Jahren. Der eine in den Credits zu einer Skatedokumentation, der andere, da ihm die Leute immer wieder gesagt hatten, dass 'Double Nickels On The Dime' eine der wichtigsten Platten aller Zeiten ist - worauf sich auch alle für 'We jam econo' interviewten einigen konnten. Manchmal reichen fünf Zeilen in der Zeitung um einen Tag zu retten. Ein andermal ein Album, um ein Leben zu ändern. Und beides ist gut so



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  • User: Klaas Tigchelaar
  • Klaas Tigchelaar 01.03.2005 | 21:35:01

    Wow, Herr Venker, der alte Glückskeks! Hoffentlich kriegen wir das hier in good ol' Germany dann auch mal zu sehen, bin sehr gespannt...

  • Call Me Appetite 01.03.2005 | 22:33:54
    Hobbyprofi
    mein sozialneid kennt keine
    grenzen.

  • User: rekniz
  • rekniz 02.03.2005 | 10:38:41

    das soll doch auf dvd erscheinen, oder?

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