
Musique nonstop!
So war's beim Trans Musicales 2004
07.12.2004, 19:05, Text:
Matthias Hörstmann & Eike Wohlgemuth,
Matthias Hörstmann & Eike Wohlgemuth
[Foto: Laurent Guizaro]
Morgens halb zwölf in Deutschland. Eigentlich wollten wir uns jetzt schon in einem Café in der Brüsseler Straße zu Köln treffen, doch als alte Verfechter der akademischen Viertelstunde muss man schließlich seine Prinzipien wahren. In dem Café ist die Hölle los, was in Anbetracht der Tageszeit ein wenig erstaunt. Im Belgischen Viertel muss offenbar kein Mensch arbeiten.
Da Fliegen nicht unbedingt zu den leidenschaftlichen Dingen im Leben gehört, sondern eher Leiden schafft und übermäßige Mengen Kaffee auch nicht gerade der Beruhigung dienen, sind wir erleichtert, als wir aus der Propellermaschine klettern und die heiligen Hallen des in Sachen Architektur und Größe wahninnigsten Flughafen Europas, dem Pariser Charles De Gaulle, betreten.
Im Zentrum der bretonischen Landeshauptstadt angekommen, müssen erst einmal nach immerhin achtstündigem Trip unsere ausgezehrten Mägen versorgt werden. Für einen Vegetarier, der der französischen Sprache nicht mächtig ist, kann das auf jeden Fall zu einem ernsthaften Problem werden. Insofern entscheiden wir uns für die italienische Küche. Gut Ding, bzw. lecker Essen will Weile haben und so kommt es, dass wir vom Restaurant aus direkt in ein Taxi springen müssen, um es noch bis Akkreditierungsschluss um 22.00 Uhr zum Festivalgelände zu schaffen. Nachdem in den vergangenen Jahren das Transmusicales über die Club-Landschaft der Stadt verteilt stattgefunden hat, sind wir ein wenig enttäuscht ob der Zentralisierungsmaßnahme auf drei Hallen des Parc Expo Rennes Aeroport, einem Bastard aus Hangar und Viehauktionshalle. Dieser Ort kann zwar mit dem eigentümlichen und originären Charme der Veranstaltungs-Venues der letzten Jahre nicht mithalten, bietet allerdings Vorzüge hinsichtlich der Größe (circa 16.000 Besucher hatten ausreichend Platz) und schneller Erreichbarkeit aller Veranstaltungen.
Da die 26. Auflage des Festival bereits am Mittwoch begann, verpassten wir leider Acts wie Dizzee Rascal, Yann Tiersen, Kaizers Orchestra oder auch Shantal. Erster begutachteter Auftritt ist somit Lars Horntveth aus Norwegen. Unterstützt von einem Streichorchester hat er sich im weitesten Sinne auf eine Mischung aus Modern Jazz und Filmmusik spezialisiert. Der sympathisch-scheue Lars ist ein echtes Mastermind, spielt Gitarre, Klarinette oder Saxophon und dirigiert auch noch die Streicher. Was mit beschaulich zarten Themen beginnt und durch große Melodien besticht, endet nicht selten in einem orchestralen Klangspektakel.
Es folgen die Hidden Cameras, alte Hasen im Geschäft und immer wieder eine sichere Bank für Freunde des Protestsongs in melodischem Kleid. An dieser Stelle fängt nun auch die Stimmung in der Halle an zu kochen, was nicht zuletzt ein Verdienst des Sängers und Songwriters Joel Gibb ist, der seine Selbstsatire mit großartiger Stimmkraft nur so ins Publikum rotzt und schlussendlich mit erstklassiger Reaktion einem Schuhwurf ausweicht, souverän verbal kontert und die Bühne verlässt. Allein wer zum Beispiel Ban Marriage noch nie live gehört hat, sollte zusehen, dass er für den nächsten Auftritt Karten bekommt.
Rüber in die große Halle Neun: Nach dem eher für Schmunzeln sorgenden Worldmusic-Act Jaojoby aus Madagaskar und der an Prince erinnernden Funk-Bestie Plant Life kommt der Headliner des Abends: die Beastie Boys. Eingestimmt von einem Battle zweier französischer Turntable-Profis werden sie dieser Rolle auch durchaus gerecht. Die Halle ist kurz vorm bersten, als die vier New Yorker die Bühne betreten und Mixmaster Mike das Set beginnt. Die Franzosen können bis in Reihe 100 feiern, das wurde eindrucksvoll unter Beweis gestellt und mutete zuweilen an, als wären 10.000 mehr oder weniger erwachsene Menschen in einer Hüpfburg. Das präsentierte Repertoire reicht vom ersten Block mit frühen und nur vom DJ begleiteten Hits über einen funky-groovenden Instrumental-Part (mit in die Jahre gekommenen Rappern die an ihren Instrumenten so aussehen, wie die Kids beim Cure-Video von 'Boys Don't Cry') bis hin zu brandneuen Tracks. Dann folgt der US-Rap-Clan von Wylde Bunch und in der Halle gegenüber steigt bei den feierwütigen Iren von Republic Of Loose die Party.
Irgendwann muss aber nach so einem langen Tag auf den Beinen auch mal Schluss sein und so geht's per Shuttle zurück in die Stadt. Dies wird noch zu einem wahren Vergnügen in einem überfüllten und üppig zugekotzten Bus. Annähernd ausgeschlafen sind wir am Samstag in der Lage, das Zentrum von Rennes einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. In Rennes´ Altstadt geht auf jeden Fall so einiges. Der Großteil der Jugendlichen scheinen hier entweder frankophile HipHopper und/oder Punks zu sein, die in Sachen Politik und Musik aufgeschlossen und aufgeklärt scheinen. So wundern wir uns über das Repertoire in unscheinbar wirkenden Plattenläden der Stadt. Nischenthemen sind Standard, in einem Hinterhof der Altstadt scheint Digital Hardcore wichtigster Bestandteil des Programms zu sein. Von europaweit erfolgreichen deutschen Labels wie Kompakt weit und breit keine Spur, lediglich ein kleines Bpitch- und MorrMusic-Fach bildet die Schnittmenge mit den uns bekannten Läden. Dafür ist das Sortiment reichhaltig mit den Genres Hardcore, Breakbeat, Industrial, Noise, HipHop und Ambient bestückt und wir machen eine Entdeckung der besonders kranken Art: DJ Sickboy, ein 180-bpm schwerer Vertreter (vermutlich aus Belgien) versorgt uns mit einem höchst aggressivem Sample-Gebräu irgendwo zwischen Aphex Twin / Squarepusher und Atari Teenage Riot, lässt selbige allerdings verdammt alt aussehen!
Nach kurzem Hotel-Break mit französischem Live-Fußball (Marseille hätte nicht gewinnen dürfen!) geht's wieder Richtung Festivalgelände. Hier werden wir gleich mit einem klasse Auftritt begrüßt: Modey Lemon aus Pittsburgh, USA sind mit Nachdruck zu empfehlen. Dieses Trio versteht es nur zu gut, die Stimmung des vergangenen Abends mit einer Mischung aus Indie, Punk und Rock erneut zu entfachen. Auf keinen Fall vergessen möchten wir DJ AÏ, einem als Pausenclown in Halle Vier fungierendem, und wie ein besessener Hool dreinblickendem DJ mit Entertainment-Qualitäten. Zu seinen Hit-Sets von Metal über Punk bis Indie ist er mit erstklassiger Luftgitarrenakrobatik und seinen Gesangseinlagen einmal mehr in der Lage, die Zuschauer zum Toben oder Weglaufen zu animieren. Herrlich!
Den passablen Kasabian-Auftritt haben wir dann aufgrund eines schlechten Essens und nur 40-minütigen Sets fast komplett verpasst. Fest steht: Die Jungs haben das Zeug zu Stars und die Songs kommen bei unterschiedlichstem Publikum erstaunlich gut an. Überhaupt bewiesen die Zuschauer eine bemerkenswerte Offenheit.
Eindeutiger Headliner des Samstags sind Kraftwerk, die nach dem belgischen DJ Morpheus vom Publikum geradezu devot gefeiert werden und somit nach 90-minütigem Set hinter der Bühne einen würdigen Tour-Abschluss feiern. Dass die Herren aus Düsseldorf in die Jahre gekommen sind, scheint niemanden gestört zu haben. Nicht nur bei Klassikern wie 'Tour de France' (ähem, na klar ...), 'Autobahn' oder 'Model' tobt die Halle. Die wenig aufregende Show (vier Männer in schwarzen Anzügen, beinahe regungslos hinter ihren Computern und vor einmal mehr ästhetischen Visuals) erfährt einen kleinen Break nach der Umkleide dank der bekannten Neoprenanzüge mit Leuchtlinien, die nicht gerade typgerecht den ein oder anderen Fettring offenbaren.
Im Anschluss an Kraftwerk sollte eigentlich der Party-Rave durchstarten, was allerdings ob der zu hellen Halle nur langsam funktioniert. Die DJ-Sets von DJ Optimo und Tim Wright schaffen mit soliden Tracklists allmählich steigende Stimmung. Endlich stellt sich heraus, dass auch in der Bretagne die uns so vertrauten House-Klänge funktionieren und die Welt hier nicht nur aus Hardcore-Techno besteht. Nachdem unsererseits Englands Proll-Rock-Hopper von Goldie Lookin Chain und die schwedische Party-Institution Teddybears STHLM (vergleichbar mit den H-Blockx) nur mit einem Auge und halbem Gehirn wahrzunehmen waren, erscheint es uns an der Zeit, um halb fünf den Weg ins Hotel anzutreten.
Diesmal riecht der Shuttle Gott sei dank nicht nach Erbrochenem und wir entschließen uns noch auf einen Absacker in die kochende Altstadt zu gehen, wo wir allerdings zu unserer Verwunderung auf Polizeibarrikaden treffen. Bürgerkriegsähnliche Zustände mit Straßenschlachten zwischen Hunderten von feiernden Punks und Hippies und in voller Montur angerückten \\\\\\\\\\\\\\\"Sicherheitskräften\\\\\\\\\\\\\\\" sorgen dennoch kaum für Panik, da dies \\\\\\\\\\\\\\\"ohne klaren Grund zumindest an jedem Wochenende\\\\\\\\\\\\\\\" so sei, wie uns Passanten berichten. Offenbar spielt neben klassischen Protest-Motiven gegen die Staatsgewalten auch ein Unabhängigkeitsstreben der Bretonen eine Rolle. Als schließlich Tränengasgranaten in unsere Richtung geschossen werden, beschließen wir dann doch die Flucht hinter unsere Hotelmauern. Am Sonntagmittag geht es dann wieder heimwärts und somit geht ein eindrucksvolles Festivalwochenende für uns zu Ende.
Und hier noch ein kurzer Rückblick:
Trans Musicales 2003 - Tag 1
Trans Musicales 2003 - Tag 2
Trans Musicales 2003 - Tag 3
Trans Musicales 2002 - Tag 1
Trans Musicales 2002 - Tag 2
Trans Musicales 2002 - Tag 3
Trans Musicales 2001
Trans Musicales 2000
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