
Naive Malerei
Graham Coxon live
25.11.2004, 17:23, Text:
Markus Hockenbrink,
Markus Hockenbrink
24.11.04, Köln, Gloria
Als Blur vor fünf Jahren auf dem Hurricane spielten, konnte man Graham Coxon ansehen, dass er am helllichten Tage bereits glorios betrunken war. Seinem Gitarrenspiel, das seit jeher artikulierter wirkte als sein Gesang, tat das keinen Abbruch, im Gegenteil, es machte alles nur umso attraktiver. Mit Britpop großgezogene Jugendliche dachten, was nicht nur in der Metalszene als Nummer-Eins-Kompliment gilt: Hey, der Typ ist ja WIRKLICH so!
Nach der Trennung konnte man noch umso mehr in den scheuen Brillenträger reinprojizieren. Wie er da seine Ex-Band out-veröffentlichte, mit Alben, die so nah an die popkulturelle Totalverweigerung grenzten, wie es Leadgitarristen nur möglich ist, mit Texten, die in groben Strichen ungefilterte Emotionen aus seiner Kinderseele preisgaben! Ein schlampiges Genie, das \\\"dafter\\\" mit \\\"happily after\\\" reimte.
Wer immer das Gloria als Veranstaltungsort wählte, sei zu dieser sensiblen Wahl beglückwünscht. Streng genommen sollten eigentlich alle Kölner Konzerte in diesem unerträglich perfekten Saal stattfinden, in dem man sich einmal nicht fühlt, als wäre man als Konzertgänger gleichzeitig immer ein Trümmerfetischist. Sei's drum. Angewärmt wird die zivilisierte Twenty-Something-Crowd von den behutsam angehypeten Features, deren melodieseliger Poprock an diesem Abend wie eine Provokation wirkt. Denn heute geht es um \\\"Coxo\\\", der nach einer gediegen langen Umbaupause die Bühne betritt. Seine Band scheint mindestens zwei Mitglieder zu viel zu haben, und beim Opener 'Spectacular' zeigt sich warum: Sie wollen den totalen Rock. Graham Coxon springt über die Bühne, dass Axl dagegen wirkt wie ein Rheumatiker. Er stottert seine Reime in breitestem Akzent ins Mikrofon. Er nuschelt Songtitel vor sich hin. Mein Gott, er hat Spaß. Das Set ist zu Anfang dekoriert mit den leicht bräsigen Anti-Rock-Nummern, die mit einigem Getöse intoniert werden. Beim fulminanten 'I Wish' vom ersten Album ändert sich der Tonfall, und der alte Graham kehrt zurück. Er zieht sogar die Brille aus. Es ist einer von diesen Songs, die bis in alle Ewigkeit einfach hinhauen mit ihrer lakonischen Mischung aus Verzweiflung und zero Selbstmitleid, und hier ein erster Höhepunkt. Es gibt 'Escape Song', 'Bottom Bunk' und 'Big Bird', und langsam kristallisiert sich ein Muster heraus - Pop-affine Songs wie das Charts-getaufte 'Bittersweet Bundle of Misery' kommen weniger zur Geltung als die sperrigeren Stücke. Aber: Sobald es besinnlich wird, entfaltet sich eine Magie, die man dem Schutzpatron des Ringel-T-Sirts so nicht unbedingt zugetraut hätte. Das zauberhafte 'All Over Me' einmal so zärtlich live vorgetragen zu bekommen, ist eine erhebende Erfahrung. Genau wie die Idee, das Set mit einem gutgelaunten 'Bitter Tears' zu beschließen. Kann man machen, schließlich hatte er da Mission of Burmas (eins der sinnvollsten Comebacks der letzten Jahre übrigens) 'That's when I reach for my Revolver' schon gespielt.
Die viel beschworene Interaktion mit dem Publikum, die Medienprofis wie Damon und Alex mit links draufhaben, beschränkt sich bei Graham Coxon zwar nur auf gelegentliches Murmeln (\\\"This next song is 'Life it Sucks'\\\"), doch für die hierzulande obligatorische Zugabe ist der Mann zu haben. Der schnoddrige Punk von 'Freakin' Out' kommt aber live nicht so prall, auch wenn Graham Gitarre spielen kann wie Levan Kobiashvili Fußball - schnörkellos, aber der Gegner weiß genau, was gemeint ist. Als sich das Publikum danach in der kalten Nachtluft zerstreut, ist Graham Coxon immerhin gelungen, wovon John Frusciante zum Beispiel nur träumen kann. Ein Konzert, das neugierig macht auf das sechste Soloalbum eines Gitarristen.
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