Inflammatory Songs

Joanna Newsom live

15.11.2004, 17:15, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink
[3 Kommentare]

13.11.04, Köln, Gebäude 9

Selten ärgerte ich mich mehr über meine oberflächliche Lektüre von Programmzetteln als an diesem Abend. Denn im Gebäude 9 war für 23 Uhr eine Party angesetzt, und dementsprechend früh war Joanna Newsom auf die Bühne gegangen, ohne dass ich ihr dabei hätte zuschauen können. Die Hälfte der Show muss vergangen sein, bis ich eintraf und nach vergeblicher Suche nach einem Sitzplatz in der bestuhlten Halle hinten an der Wand lehnend zur Ruhe gekommen war. Erst dann konnte ich die subtile Schönheit dessen, was sich da auf der Bühne tat, gebührend wahrnehmen. Joanna Newsom ist ein zierliches Persönchen, vor der die ohnehin schon große Harfe noch deutlich gewaltiger erschien.

Eine Harfe! Gerade beweisen In Extremo via des im Hintergrund laufenden Fernsehgerätes mal wieder, wie geschmacksfrei und ärgerlich dieses Instrument oft genutzt wird. (Auch wenn deren Ding kleiner ist, vielleicht nennt man das auch Leier oder so.) Und bisher habe ich auch noch keine Harfenaufnahme im Pop gehört, die den Aufwand wirklich berechtigt hätte. Joanna Newsom beschränkte sich an diesem Abend ganz auf dieses Instrument, um ihre außergewöhnliche Stimme und ihre Songminiaturen in Szene zu setzen.

Wie aufwändig muss es eigentlich sein, so ein Ungetüm eine ganze Tour lang mit sich herum zu schleppen? Wie teuer ist es, so was zu leihen? Mit wie viel Mikrophonen nimmt man das überhaupt ab? Und gibt's überhaupt passende Koffer? Diesen und einigen weiteren Fragen haben sich die Veranstalter stellen müssen, um ein Konzert mit der 22jährigen Frau aus San Francisco zu realisieren. Aber die Schönheit der dieses Jahr erschienenen Platte 'The Milk-Eyed Mender' machte eine solche Realisation zum ehrenvollen Auftrag. Auf der Bühne wirkte das dann alles so einfach. Abgesehen davon, dass die Newsom schon sehr kräftig zupfen musste, um ihre Saiten in die richtige Schwingung zu bringen.

So andächtig habe ich das Gebäude-9-Publikum noch nie erlebt, wie an diesem Abend. Sonst geschieht das meistens bei Kammermusik oder elegischer Pop- oder Folk-Trägheit. Diese Bühnenshow hat nichts davon. Man muss sie als spritzig, humorvoll und ehrlich überwältigt bezeichnen. Auch angesichts des Faktes, dass Newsom zum ersten Mal in Deutschland auftrat. Ihre Show war frei von Effekten, die von musikalischen Defiziten hätten ablenken können, ohne jede offen zur Schau gestellte Künstlichkeit, gedankliche Abwesenheit oder Distanz. Jede Ansage oder Reaktion auf Publikumszurufe wirkte unmittelbar wie sonst nichts. Umso höher muss man einschätzen, dass sie die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums gewann. Dazu gehört wohl ein gehöriges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Kunst, die man darbieten will. Trotzdem war hier nichts professionell im Sinne von abgebrüht.

Dazu passt auch, dass sie 'Sprout And The Bean', einen der Hits des Albums, erst spielte, als sie von einem Zuruf daran erinnert wurde und ihre Vergesslichkeit auch ganz frank und frei zugab, weil sie wusste, dass ihr an diesem Abend alles vergeben werden würde. Zuvor hatte sie schon 'Sadie' gespielt, auch 'Peach, Plum, Pear' und eine Menge Neues aus ihrem unerschöpflichen Fundus, der noch weitere tolle Platten verspricht. Joanna Newsom ist im Singer/Songwriter-Kontext so outstanding wie schon lange keine andere Künstlerin mehr vor ihr. Und das nicht nur wegen ihrer Harfe. Die Euphorie des Publikums nötigte sie dazu, für eine zweite Zugabe auf die Bühne zu kommen. Nach eigener Aussage tat sie das zum ersten Mal in ihrer Karriere. Ob man ihr das glauben sollte, spielte keine Rolle. Sie freute sich einfach und das Publikum auch, denn es endete einer dieser Abende, die man lange nicht mehr vergessen wird. Auch wenn das pathetisch klingt, aber ich möchte mich eigentlich nur bedanken.



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  • User: Lilly
  • Lilly 15.11.2004 | 19:57:50

    und ich war nicht da. der autor klingt so überwältigt wie ich vom feist-konzert war.

  • User: ferriswheel
  • ferriswheel 16.11.2004 | 10:00:47

    Gestern in HH.... ich muss gestehen ich bin ein wenig verliebt.... Wunderbare Dame mit wunderbaren songs. Wieder 2 Zugaben und diesmal eine von America aus dem Last Unicorn Soundtrack! Wie toll! Und als dann Leute gelacht haben hat sie nur gesagt:" This is no laughing manner". Wunderbar!

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