Melodien erahnen

Pinback live mit The Dudley Corporation und Seaside

21.07.2004, 20:19, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink
[3 Kommentare]

20.07.04, Münster, Gleis22

Man sollte wirklich viel öfter Konzerte in der Provinz besuchen. Denn während man davon ausgehen kann, dass die Pinback-Gigs in Hamburg und Berlin knackevoll sein werden, blieb im beschaulichen Münster an den Rändern der besten örtlichen Konzert-Location, dem Gleis 22, eine Menge Platz. Genau die richtigen Rahmenbedingungen für ein Konzert von Pinback, Amerikas kompromißlosester und standhaftester Indieband. Doch zunächst boten Seaside aus Münster gefühligen Folk mit reichlich akustischer Gitarre. Bestimmt nicht schlecht, aber ich werde bei solcher Musik immer ungeduldig, wenn ein solch lang erwarteter Gig kurz bevor steht.

Danach verlangte die irische Dudley Corporation aber jegliche Aufmerksamkeit mit ihren Songs, die Mathrock, Hardcore und Energie im Stile von Mclusky zum Vorbild hatten. Teilweise standen ihre Stücke aufgrund von zu viel verarbeiteten Ideen pro Song zwar ein bißchen quer, aber wenn sie sich auf eine Harmonie plus ausgefeilte Rhythmusparts konzentrierten, machten ihre Songs eine Menge Spaß. Doublebass-Einsätze nicht zu knapp taten ihr übriges.

So verging die Zeit bis zum Pinback-Gig in ansprechender Untermalung, und als die Helden dann auf die Bühne kamen, hielten sie alles, was ihre Alben und besonders die Eps versprachen. Sie verließen sich weitestgehend auf traditionelles Rockinstrumentarium, Keyboard- oder gar Laptop-Sounds spielen immer noch nicht die große Rolle in der Welt der San Diego-Boys. Pinback’s große Stärke sind sensibel ausgearbeitete Songs mit göttlichen, teilweise nur zu erahnenden Harmonien. Man wird nicht mit Melodien zugeballert. Denn Pinback setzen auf den mündigen Konsumenten, der in der Lage ist, zuzuhören und die Songs auf sich wirken zu lassen. Ihr Set umfasste in ca. 1 ½ Stunden einen Mix aus den bisherigen Veröffentlichungen, alle auf den feinsten amerikanischen Indielabels erschienen, plus eine Fülle von Zugaben, die ich gar nicht mehr alle zählen konnte. Sicherlich nur ein Indiz für den Spaß, den die sonst eher schüchterne Band am Münsteraner Publikum hatte. Pinback’s Atmosphäre ist nicht nur energiegeladen oder nur hymnisch, wie es mir manchmal bei den Weakerthans übel aufstößt, sie agieren stattdessen sehr zurückgenommen und kennen Stilmittel, die beim Zuhörer Emotionen verschiedenster Art ganz ausgezeichnet verstärken können. Verdammt talentiert halt, die Typen. Ich traue mich zu sagen: Sie sind die beste Indie-Popband der Welt. Und wenn ich mich noch mal über irgendeine Gruppe derart äußern sollte, darf man mich gerne schlagen und mir Aufschneiderei vorwerfen.

Die weiteren Pinback-Daten:
21.07.04 - Hamburg, Knust
23.07.04 - Berlin, Magnet
24.07.04 - Dresden, Starclub
25.07.04 - Pilzen, Fluff Fest
26.07.04 - Wien, B72
28.07.04 - München, Orangehouse
29.07.04 - Darmstadt, Oettinger Villa



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  • User: binary
  • binary 22.07.2004 | 13:10:57

    ob es berechtigt ist, münster und provinz in einem atemzug bzw. satz zu nennen möchte ich mal in frage stellen. schließlich gibt es in dieser doch schon großstadt (was man besonders den studenten anrechnen muss) häufig genug gute konzerte. man müsste halt einfach manchmal, wie früher, als man noch jung war, ein wenig weiter fahren (meinetwegen auch eigens deshalb fahrgemeinschaften bilden), um eben in den genuss einer grandiosen band in einer netten atmosphäre (ohne das zwanghafte zur schau stellen der eigenen persönlichkeit, wie das in so mancher großstadt zu beobachten ist) zu kommen. und für manche gute liveerfahrung ist kein weg zu weit.

  • User: kriesse
  • kriesse 22.07.2004 | 19:46:07

    ich kann die beste indie-pop-band zwar nicht ganz unterstreichen...aber doch gut nachvollziehen. super war's. sehr schön: die zusammengenähten live-eps am verkaufsstand.

    by the way: was ist mathrock?!

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