Mit Donner und Vibraphonen

Tortoise + Salvatore live

09.07.2004, 19:39, Text: Thomas Markus, Thomas Markus

07.07.04, Düsseldorf, ZAKK

Unwetter fegen über das Rheinland am Abend als Tortoise zum Konzert laden. Der deutsche Sommer von seiner besten Seite. Donnergrollen, Regengüsse und Sturm bei siebzehn, gefühlten acht Grad Celsius - Erinnert irgendwie an den düsteren Teil des neuen Tortoise-Covers. Perfekte Voraussetzungen also? Der Opener Salvatore aus Norwegen scheint da mit seiner fluffigen Art nicht ganz ins Gesamtbild zu passen. Die Sechs aus Oslo spielen in gut 50 Minuten ca. fünf Stücke, die in ihrem Aufbau elektronischen Tracks gleichen und größtenteils auf analoge Art umgesetzt werden.

Ein Thema, ein Beat und das Ganze mal sehr markant, mal nur mit Nuancen variiert. Schon krautig aber mit einem entspannten, harmonischen Tenor, bei dem das Tempo auch mal angezogen wird. Dann und wann wird mit Samples gearbeitet, direkt eingespielte Gitarrenparts am Rechner verfremdet und auch folkloristische Instrumente kommen zum Einsatz. Einer der Gitarristen (übrigens aufgrund seiner Frisur ein Prinz-Eisenherz-Verschnitt erster Kajüte), trumpft mit einer bauchigen Laute auf, der er orientalische Klänge entlockt. Vielleicht hätten ein paar mehr Genre-Hüpfer gut getan, obwohl die Skandinavier alles andere als einen schlechten Auftritt absolvieren. Sehr charmant und eine gelungene Einstimmung auf das Folgende.

Was der Himmel bereits versprochen hatte, halten Tortoise dann ohne Kompromisse. Mit einem Donnerschlag eröffnen sie ihr Set mit 'Seneca' von der 'Standards'. Zeitgleich setzen die Videoinstallationen auf der großen Leinwand im Hintergrund ein. Durch den angehobenen Lautstärke-Pegel und dem dominierenden, energischen Schlagzeugspiel von Mr. McEntire wird klar, dass hier eine ganz anderes Kapitel Musik aufgeschlagen wird. Was an den am vorderen Bühnenrand positionierten Drum-Kits geboten wird, wirkt geradezu unmenschlich. Unisono gespielte Fill-Ins, im perfekten Timing direkt aus Jam-Passagen heraus lassen den Unterkiefer nach unten klappen. Durchtechnisiert und durchkomponiert bis ins Detail, doch mit genügend Spielraum für Improvisation. Gerade in diesen jazzigen Parts kreieren Tortoise ein Maximum ihrer zerbrechlich, düsteren Stimmungen. Eine nahezu greifbare Fragilität erzeugen die Vibraphon-Parts in Zusammenspiel mit Bass, Gitarre und flächigen Synthie-Sounds, nur um das Ganze durch krachende Percussion-Einsätze und dumpfe, basslastige Klänge im nächsten Moment wieder einstürzen zu lassen. Die älteren Songs bspw. von der 'Millions Now Living' stellen das imposnat heraus, wobei die aktuellen Stücke live weniger kontrastreich, aber mindestens genauso spannungsvoll daherkommen. Perfekt aufeinander eingespielt und firm an fast all ihren Instrumenten sind sie und fesselnd von der ersten bis zur letzten Minute. An Musikalität macht Tortoise so schnell keiner was vor, was sie an diesem Abend eindrucksvoll beweisen. Bringt uns zu dem Schluss: Man muss viel mehr Tortoise hören.



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