Die Antithese

Stereloab live

12.03.2004, 13:58, Text: Pascal Blum, Pascal Blum
[16 Kommentare]

11.03. Köln, Gebäude9 (mit Four Tet)

Ich gebe es zu. Ich habe Stereolab gerade mal bei ’Sound Dust’ (2001) entdeckt. Ich war für das Konzert im Gebäude9 auch nicht auf der Gästeliste, weil da irgendwas falsch lief, und da stand ich draußen und hab mir das schöne ’Margerine Ecplise’-Plakat angeschaut, wo frech ’ausverkauft’ draufgemalt war, und hatte gar kein gutes Gefühl. Wer bin ich denn eigentlich?!

Ich hab dann das ’Emperor Tomato Ketchup’-Losungswort gesagt und war drin. Wie also geht Stereolab live? Und für all die anwesenden Nerds natürlich: Wie geht Stereolab minus Mary Hansen? Das Gebäude9 war eine Kathedrale gestern, der Londoner Laptop-Sampler Four Tet stand an der Kanzel und lieferte die elektronische Blaupause für das, was Stereolab danach in echt nachholen würden.

Four Tet sah aus wie der kleinere Bruder von Christoph Schlingensief und performte ein Set, als würde er live und hochkonzentriert seine Spam-Mails löschen. Das war aber auch egal, weil das Publikum seine Synthie-Linien, seine Gitarrensamples und seine modulierten Breakbeats jeweils mitsummen konnte, bevor er sie im Samplewahnsinn auflöste. Großartige Sache und eigentlich ziemlich gewagt.

Stereolab live straften danach all die Klugscheißer Lügen, die jeweils todernst behaupten, von der Londoner Gruppe gäbe es in letzter Zeit keine neuen, sondern immer nur weitere Alben. Stereolab live war die Antithese zur Reduktion auf die Routine: Misstrauen gegenüber den eigenen Melodien, Tempiwechsel, Experimente und Improvisation, mit jedem Ton neu erfunden. Stereolab ohne Mary Hansen war Stereolab mit etwas weniger warmen Harmonien und vor allem eine fast durchs ganze Set französisch singende Band. Laetitia Sadier fragte: ’Are you comfortable?’, irgendjemand sagte ’viel zu eng hier’ und dann ging es los mit fast ausschließlich ’Margerine Eclipse’-Stücken und ohne die alten Hits, die nie richtige Hits waren.

Sie führten ihre detailverliebten Splitter-Arrangements vor, wechselten mühelos das Tempo und die Ebene, schraubten runter und wieder rauf (brillantes Drumming), zeigten in einer Songüberleitung mehr Soundideen und Spielfreude als manch andere Band in ihrem gesamten Backkatalog, schreckten nicht vor Einfachheit zurück, hätten mit einem fliegenden Instrumentenwechsel wohl keine Sau verwundert, wirkten mit Trompete und Posaune (Sadier) stellenweise wie eine konzeptionelle Funk-Brass-Kapelle, an anderen Stellen wie die Reiseführer der ’Making Of-Tour’ ins Stereo-Labor, vor allem dann, wenn sie eine Basslinie aus fünf gleichen Tönen loopten, das Schlagzeug ausbrach, die Orgel durchdrehte, die Stimme von Laetitia Sadier auf ein weiteres Instrument reduziert war, über allem die Trompete die abartig schönste Melodie blies und die Band mit einem zehnminütigen Noise-Experiment, dass sich Sadier die Ohren zuhalten musste, den Sack zumachten, zack, fertig, aus. Ganz großes Kino.



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  • User: 3d
  • 3d 13.03.2004 | 03:25:15

    "..und dann ging es los mit fast ausschließlich ’Margerine Eclipse’-Stücken und ohne die alten Hits, die nie richtige Hits waren.."
    also wirklich!!

  • User: grrr
  • grrr 13.03.2004 | 03:28:04
    Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
    über den satz bin ich
    auch gestolpert. wie
    kann das jemand be-
    haupten, der erst bei
    sound dust eingestiegen
    ist? arg vermessen!

  • User: ThatcherDryden
  • ThatcherDryden 13.03.2004 | 08:56:54

    laetitia hat mir in frankfurt mal die tür aufgehalten. wir hatten blickkontakt. habe mir seit 1997 nicht die augen gewaschen.

  • User: hayes
  • hayes 13.03.2004 | 10:17:13

    na du bist ja ein gentleman...
    ich würde vermutlich über leichen gehen um laetitia ein mal die tür aufhalten zu dürfen !!
    erst recht nach dem gestrigen konzert.

  • User: Reverend
  • Reverend 13.03.2004 | 11:26:01
    war immer aufrichtig
    Sehr schön geschrieben, der Artikel. Allerdings muss man nun wirklich kein Klugscheißer sein, um die Auffassung zu vertreten, dass die letzten Stereolab-Alben vor "Margerine Eclipse" ziemlich schwach waren. Wunderbar zu sehen/hören, dass sich Stereolab offenbar gefangen haben.

  • User: ThatcherDryden
  • ThatcherDryden 13.03.2004 | 16:20:17

    "Allerdings muss man nun wirklich kein Klugscheißer sein, um die Auffassung zu vertreten, dass die letzten Stereolab-Alben vor "Margerine Eclipse" ziemlich schwach waren."

    ???

    @rev: war mir neu, dass das konsens ist. ich persönlich finde die "dots" bis "sound-dust" phase sehr schön.

    "Wunderbar zu sehen/hören, dass sich Stereolab offenbar gefangen haben."

    aha. waren sie vom rechten weg abgekommen, reverend? >g<

  • User: Reverend
  • Reverend 13.03.2004 | 19:58:20
    war immer aufrichtig
    Du vertrittst also die Meinung, dass "Cobra And Phases" oder "Microbe Hunters" genau so gute oder gar bessere Platten sind als "Transient Random Noise..", "Mars Audiac Quintet" oder "Emperor Tomato Ketchup"?
    Kann ich nicht glauben, sowas.

  • User: 3d
  • 3d 14.03.2004 | 01:07:33

    TD:laetitia hat mir in frankfurt mal die tür aufgehalten. wir hatten
    blickkontakt. habe mir seit 1997 nicht die augen gewaschen.

    coool..

    zu dem thema ob alle platten nun geil sind oder ob es schlechte phasen gab,also ich höre wenn dann meistens mehrere stereolabs hintereinander,weil einen das so schön einlullt und oder man sich dabei gut auf was konzentrieren kann..da ich ´fast alles von ihnen habe,wähle ich immer unterschiedlich platten aus,sehr gerne und oft sind aber die switchedons dabei und die abcsessions..


  • User: ThatcherDryden
  • ThatcherDryden 14.03.2004 | 13:42:31

    @Rev: ja. und auch das artwork ist tighter.

  • User: 3d
  • 3d 14.03.2004 | 22:57:56

    artworkmässig finde ich die dotsnloops-phase am gelungensten..

  • User: grrr
  • grrr 15.03.2004 | 12:21:42
    Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
    nö, da fehlte ein
    bisschen das organische,
    was ja auch einen
    großteil von stereolab
    ausmacht. schade, dass
    ich heute nicht nach
    heidelberg kann...

  • User: Vlad
  • Vlad 15.03.2004 | 16:46:06
    losing my edge
    Ab 1997 klang da zu vieles zu stark wie die High Llamas, aber mit ein bischen Geduld kann man sich auch die Cobra Phases ... so richtig schööööön hören. Super Album, nur nicht so eingängig und gewinnend wie Transient Noise Bursts ... oder Mars Audiac Quintet. Vielleicht hätten sie einfach nicht so massiv veröffentlichen sollen.

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