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Liebe deutsche Popkultur ...

Wo sind die Frauen?

Wir schreiben das Jahr 2016. Trotzdem herrscht in vielen Bereichen noch immer ein riesiges Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Auch und vor allem im Bereich der Popkultur. Kürzlich wurde es mal wieder überdeutlich, als in Berlin der Preis für Popkultur verliehen wurde. Leonie Scholl hat überlegt, welche Stellschrauben gedreht werden müssten, um dieses Problem zu lösen. 
Geschrieben am
In diesem Jahr wurde in Berlin zum ersten Mal der »Preis für Popkultur« verliehen. Statt auf Verkaufszahlen will der Preis sein Augenmerk auf möglichst vielfältige und innovative Acts in Deutschland legen. Ausgezeichnet wird er von einem eigens gegründeten Verein, der aus verschiedenen Vertretern der Musikbranche besteht. Doch schon im Vorfeld der Veranstaltung kam es zum Eklat: Abgesehen von der Kategorie »Lieblings-Solokünstlerin« fanden sich unter den Nominierten nur zwei Acts mit offensichtlichem Frauenanteil. Feministische Blogs gingen auf die Barrikaden und Stefanie Sargnagel, selbst nominiert in der Kategorie »Schönste Geschichte«, boykottierte die Veranstaltung. 

Das liegt nicht daran, dass die Männer immer gewinnen, sondern dass es in Deutschland gar keine Frauen in der Popkultur gibt! Zumindest keine, die von einer breiten Mehrheit wahrgenommen und als eigenständige Künstlerinnen akzeptiert werden. Nicht etwa, weil es hierzulande wirklich keine kreativen, innovativen Frauen gibt – sie werden schlichtweg nicht ausreichend gefördert und ernst genommen.

Frauen in der Öffentlichkeit haben es grundsätzlich schwerer, daran ist nichts schönzureden. Wer einen Eindruck davon haben möchte, mit welchen degradierenden und sexistischen Beleidigungen es Frauen tagtäglich zu tun haben, muss nur mal einen Blick unter die Videos und Facebook-Beiträge des vielversprechenden Hiphop-Duos SXTN werfen. Kommentare wie »Die Hübsche von den beiden soll mal solo was machen!« oder »Die Weiße könnte Pornos drehen!« sind noch die harmloseren Beispiele. 
Viele meiner kreativen Freundinnen arbeiten unter einem Pseudonym, weil sie den Anfeindungen nicht mehr standhalten wollen. Davor sind natürlich auch männliche Künstler nicht gefeit, gerade wenn Social Media noch immer als eine Art Gegenrealität aufgefasst wird, in der Moral und Respekt keinen Geltungsbereich finden. Doch Frauen trifft es viel häufiger unter der Gürtellinie und besonders in der Popkultur werden viel höhere Maßstäbe angesetzt: Als Frau muss man gut aussehen, perfekt gestylt sein, eine grandiose Stimme haben, dazu am besten noch alle Instrumente gleichzeitig spielen und möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Wie oft ich in meiner aktiven Musikerkarriere gefragt wurde, »ob ich das auch wirklich alles selbst mache«, kann ich kaum noch zählen. Und dann schlage ich ein Interview mit einem männlichen US-Rapper auf, der sich damit brüstet, dass an seinem neuen Song 16 Produzenten beteiligt waren. Aber klar, double standards sind kein Problem der Musikbranche. 

Natürlich darf man nicht ausklammern, dass eine gewisse narzisstische Ader und ein Hang zur Selbstdarstellung für den Erfolg im Popbusiness unausweichlich sind. Ich will gar nicht sagen, dass dieser Charakterzug eher bei Männern auftritt. Es scheint gesellschaftlich aber einfach akzeptierter, wenn ein Mann dieser Neigung nachgeht und sich ohne Rücksicht auf Verluste in den Vordergrund drängt als eine Frau. 
Denn was in den meisten Diskussionen über das Thema totgeschwiegen wird: Es ist nicht so, dass nur die Männer für das ganze Problem verantwortlich sind.

Die Wunschvorstellung, dass alle Frauen Hand in Hand gemeinsam für ihre Rechte kämpfen, wäre ein Traum, existiert in der Realität aber leider nicht. Gerade weil es so wenige Frauen gibt, die in der Öffentlichkeit Gehör finden (dürfen), konzentriert sich Neid und Missgunst auf diese wenigen Personen umso mehr, und zwar ausgehend von allen Geschlechtern.
Die standardmäßige Antwort, mit der sich sowohl Labelchefs als auch Personalleiter in technischen Berufen gerne herausreden, ist, dass die männlichen Bewerber halt einfach besser gewesen wären. So hat eine Untersuchung zu weiblichen DJs – die nicht mal 5 % des Bookings bei EDM-Veranstaltungen in den westlichen Nationen ausmachen – herausgestellt, dass die männliche Konkurrenz von den (zumeist ebenfalls männlichen) Bookern als »qualitativ hochwertiger« eingestuft wurde. Selbst wenn das der Fall wäre, was meiner Ansicht nach hausgemachter Unsinn ist: Seit wann wird Innovation ausschließlich an der qualitativen Umsetzung gemessen? Drangsal, der Künstler, der beim Preis für Popkultur in den meisten Kategorien nominiert war, ist nun wirklich nicht der beste Sänger auf Erden. Aber das sind doch gerade die interessanten Acts: die, die nicht perfekt sind, die ihren eigenen Stil durchziehen, die die Entgegennahme ihres Preises mit »Hauptsache nicht AnnenMayKantereit« kommentieren.
Denn die Wahrheit ist: Deutschland findet starke und polarisierende Frauen wie Peaches und Stefanie Sargnagel zwar gut und unterstützt sie ab einem gewissen Punkt – hätte sie im eigenen Land aber selbst nie großgezogen. Dafür ist Deutschland gar nicht mutig genug. Deutschland hat Julia Engelmann und Glasperlenspiel und wenn es ein bisschen alternativer sein soll dann vielleicht noch Jennifer Rostock – alles Acts, die man nicht mit einem Indie-Preis auszeichnen würde, weil sie ja schon beim Echo genug Gehör finden. 

Es braucht also keine Mindestquote bei einer Preisverleihung. Die führt vielleicht dazu, dass für einen Abend händeringend nach weiblichen Acts in Deutschland gesucht wird, um nach außen hin ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu propagieren, das in der Realität gar nicht existiert. 


Aber das ist doch der völlig falsche Ansatz! Stattdessen sollten Leute wie die, die in der Jury des Preises sitzen und in ihrem täglichen Leben mit Musik zu tun haben, ihren Umgang mit weiblichen Acts ändern. Und dann eben auch mal über eigene Befindlichkeits- und Sicherheitsaspekte hinwegsehen und mehr Frauen booken, mehr Frauen signen und Frauen mit Bandmitgliedern, Aufnahmemöglichkeiten, Promo und vor allem Respekt und Unterstützung aushelfen. 
Also liebe Frauen: Seid mutig genug, euch selbst als großartig genug zu empfinden, dass ihr euch nicht von den Unsicherheiten eines Mannes einschüchtern oder seiner individuellen Bewertung abhängig machen lassen müsst! Männern wird das Selbstverständnis, als Person vollkommen ausreichend zu sein, ja auch von klein auf zugestanden. 

Das aber funktioniert nur, wenn eine ganze Kultur dieses Konzept umdenkt, wenn man Mädchen nicht dahin erzieht, sich hübsch zu schminken und nett anzuziehen, sich schön artig im Hintergrund zu halten, nicht auf Bäume zu klettern und überhaupt nichts zu tun was irgendwie risikobehaftet sein könnte. Mit Gitarre und Feuer und dem Recht, sich auch mal nonkonform und unperfekt verhalten zu dürfen. Und Sachen zu sagen, die vielleicht gerade nicht angebracht waren, oder mal angetrunken und laut auf die Bühne zu gehen, ohne für den Rest ihrer Karriere mit dem Stigma der alkoholkranken Schlampe und/oder »Emanze« behaftet zu werden. Denn männliche Prominente dürfen sich das ja auch alles ohne weitere Konsequenzen rausnehmen. 


Liebe deutsche Popkultur, es ist schade, dass man sich im ausgehenden Jahr 2016 noch immer mit dem Thema »Frauenquote« herumschlagen muss und Geschlechter so getrennt voneinander auszählt, als handle es sich um völlig unterschiedliche Organismen. Aber anscheinend sind wir noch immer nicht so weit, uns wirklich als gleichwertig anzusehen. Also lasst uns doch mal nachhelfen und gezielt weibliche Kreative unterstützen, anstatt sie immer nur danach zu fragen, wen sie gerade daten. Die Zeit ist genau richtig und ich bin fest davon überzeugt, das Potenzial ist da – man muss es nur erkennen wollen.

Alle Inhalte zu #25 Jahre Intro findest du hier.

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