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Irgendwie Indie

Taiwan

Seit einigen Jahren gilt Taiwan aufgrund seines angeblich lebendigen Indie-Umfelds als exotisch-musikalischer Geheimtipp. Doch beim Blick hinter den Vorhang erkennt man, dass sich nahezu die gesamte Musikszene in einer Identitätskrise befindet – genau wie das kleine Land selbst. Christian Schlodder hat sich für Intro dort umgesehen.
Geschrieben am
Jeden Abend gegen 22:00 Uhr frisst sich eine seltsame Melodie durch die belebten und aufgeräumten, von grellen Neonreklamen erleuchteten Straßen von Taiwans Hauptstadt Taipeh. Je näher sie kommt, umso mehr erinnert diese Melodie an einen Klang, den man seit seiner Kindheit nicht vergessen hat: den eines Eiswagens. Nur dass dieser sonore Geräuschteppich verdächtig nach Beethovens »Für Elise« klingt – und sich der vermeintliche Eiswagen bei näherem Hinsehen als Mülllaster entpuppt. Nun könnte man es für eine dieser typisch asiatischen Seltsamkeiten halten, dass ausgerechnet in Taiwan, dieser kleinen Insel im chinesischen Meer, Menschen spät abends auf die Straße rennen, um ihren Müll bei einem großen, orangefarbenen Müllwagen loszuwerden, der wahlweise Beethoven oder Tekla Bądarzewskas »Gebet einer Jungfrau« im Stile eines Eiswagens zum Besten gibt. Man kann daran allerdings auch erkennen, dass Taiwanern etwas an Musik liegt und Musik hier so allgegenwärtig ist, dass nicht mal Müllwagen darauf verzichten können.

Der für seine Tier-Dokus bekannte Channel National Geographic kommt in Taiwan mit eigenem Musiksender daher. Das kleine Land von der Größe Baden-Württembergs und der Einwohnerzahl Nordrhein-Westfalens ist zudem Hauptexporteur von Mando-Pop-Interpreten, dem chinesisch-sprachigen Äquivalent des koreanischen K-Pop oder, einfacher gesagt: der ostasiatischen Variante des Helene-Fischer-Rummel-Pop-Schlagers. Daneben entwickelte sich außerdem eine vitale Indie-Szene. Fast jeder Taiwaner kennt jemanden, der in mindestens einer Indie-Band spielt – wenn er es nicht gar selbst tut. Unter der Woche spielen lokale Bands sogar in den großen Clubs Taipehs, die an Wochenenden regelmäßig zu EDM-Feierhöllen mutieren. Doch der Schein trügt.

Zwischen wahrem Niedergang und falschem Fatalismus

»Taiwans Indie-Szene ist eine Lüge. In zehn Jahren wird davon nichts mehr übrig sein, außer ein paar scheiß Bands vielleicht«, sagt Yeh Wan Ching, die alle nur KK nennen, trocken. Dabei hätte die 36-Jährige auf den ersten Blick gar keinen Grund für diese Einschätzung. Mit ihrer Band Aphasia spielte sie 2011 auf dem SXSW. Seit zwölf Jahren betreibt sie neben einem eigenen Label den Recordstore White Wabbit. Er ist sozusagen ihr Leben. Seit jeher hört sie viel Musik. Doch anders als viele ihrer Freunde, die sinnbildlich für den durchschnittlichen taiwanischen Musikkonsumenten stehen könnten, begnügte sie sich nie mit den einheimischen Künstlern, sondern richtete ihren Blick nach Übersee. Bis heute merkt man das am Aufbau und Angebot des White Wabbit. Ein kleiner, so aufgeräumter wie charmanter Laden, der allein von der Einrichtung her das europäische Hipsterherz höher schlagen lässt. Ein säuberlich geordnetes Angebot, mit einem eigenen Regal für taiwanische Bands neben der Kasse. Die Auswahl an heimischen Bands ist groß – und Teil des Problems, wie sie sagt: »Da hier eigentlich jeder eine Band hat, ist es schwer, aus der grauen Masse herauszustechen.« 
Bild: Yitang Chen
Doch kann das wirklich die Erklärung dafür sein, dass die alternative Musikkultur in Taiwan tot sein soll? Schließlich ist ebendiese noch relativ jung: Eine wirklich freie Musikszene gibt es erst seit knapp 25 Jahren. Davor war die kleine Insel lange Spielball höherer politischer Interessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Taiwan, das in den 50 Jahren zuvor japanische Kolonie gewesen war, wieder China zugesprochen. Im Zuge des chinesischen Bürgerkriegs waren die unterlegenen Nationalisten, die Kuomintang (KMT), auf die Insel geflohen. In der Hoffnung, Festlandchina den Kommunisten unter Mao wieder entreißen zu können, installierten sie dort eine Diktatur. Traditionelles Chinesisch ersetzte das Taiwanische. Der Gebrauch der Sprache war lange stark eingeschränkt und als Folge dessen auch taiwanische Musik. Generell war es nur denen möglich, Musik zu machen, die auf Parteilinie der KMT lagen. All das änderte sich, als 1987 das Kriegsrecht abgeschafft und das Land demokratisch umgebaut wurde.  Jetzt, mehr als 25 Jahre später, ist von dem einstigen Aufbruch nicht mehr viel übrig.

 Und KK verzweifelt an ihrem musikalischen Umfeld. Man ist versucht, dies als den typischen taiwanischen Fatalismus abzutun, der einem an jeder Ecke begegnet: Wenn morgen die Welt nicht voller Konfetti liegt, geht sie spätestens übermorgen unter. Doch tatsächlich hat KK nicht komplett unrecht, denn vieles, was nach Platin aussieht, ist nicht mehr als Plastik. So, als hätte Taiwans Indie-Musikszene es verpasst, nach dem schnellen Höhenflug um die Jahrtausendwende wichtige Fundamente zu setzen. »Indie ist in den letzten Jahren ein Label geworden, das man auf alles klebt«, sagt KK. Und wer sich auf ein paar Konzerten und Partyreihen herumtreibt, wird ihr dabei zustimmen müssen. Postrock wird als Metal angekündigt. Singer/Songwriter bezeichnen sich in Taiwan gern mal als Indierocker. Die Maßstäbe scheinen andere zu sein – und dem Publikum ziemlich egal. »Wir haben noch ganz viel andere Arbeit vor uns. Vor allem brauchen wir ehrliche Kritik. Wir sind zu nett zueinander und finden alles und jeden toll und merken dabei nicht, dass das mitunter der größte Schwachsinn ist. Manchmal wünschte ich mir, dass das Publikum auf Konzerten Flaschen Richtung Bühne schmeißt. Dann würden die Leute zumindest zeigen, dass sie sich damit auseinandersetzen, was auf ihr gerade passiert«, sagt KK einigermaßen verzweifelt.

Subversion aus dem Plattenladen

»Auf den ersten Blick wirkt es so, als hätte sich die Situation in den letzten zehn Jahren verbessert. Tatsächlich ist es ein Zustand permanenter Stagnation. Die meisten Bands haben sich dem Pop so sehr angebiedert, dass sie zu Pop-Bands wurden, ohne es zu merken«, erklärt Po Wei. Wie KK ist auch er 36 Jahre alt und betreibt seinen eigenen Musikladen. Das Liberated Rhythms liegt in Sichtweite des markanten Wahrzeichens der Stadt, dem Taipei101. Man muss ein paar Hinterhofgänge und Straßendurchbrüche passieren, bis man den kleinen Laden gefunden hat. Die Mieten seien teuer, da müsse man eben in die Nebenstraßen ausweichen, sagt Po Wei mit ruhiger Stimme. Im Verkaufsraum findet man eine Ansammlung aller möglichen Band-Devotionalien, dazu ein paar T-Shirts, die er selbst im Hinterzimmer druckt. Auf den Wandregalen steht seine private Plattensammlung zum Verkauf – die Sex Pistols neben Bauhaus und Danzig. Da aber absolut niemand in Taiwan LPs kauft, sind sie mehr Schmuck als ernsthafte Warenauslage. Sein Privatleben und der Laden gehen nicht nur bei der Plattensammlung Hand in Hand: Po Wei wohnt in einem kleinen Raum hinter der Kasse des Liberated Rhythms. Eine Matratze auf dem Fußboden, ein paar Bücher im Regal. Das war’s. In seinem eigenen Laden zu wohnen ist nichts Ungewöhnliches in Taiwan. Wenn man mit Musik zu tun hat, noch viel weniger. 
Bild: Yitang Chen
Po Wei ist zudem Teil von Bazooka, einer der wenigen Metal-Bands des Landes, die sich nicht nur so nennen. Das Label sitzt in Deutschland. Ein paar Mal schiebt er seine Prinz-Heinrich-Mütze zurecht, erzählt von seinen Touren ins Ausland, dem nicht existenten Stellenwert von Metal in Taiwan und sagt dann doch: »Wir sollten einfach alles kurz und klein schlagen und das, was wir Musikszene nennen, neu aufbauen.« Sein Urteil kommt nicht von ungefähr. Er selbst begann mit 27 mit dem Musikmachen. In diesem Alter lösen die meisten taiwanischen Musiker ihre Bands schon wieder auf. »Neben dem unkritischen Publikum sind das eigentliche Problem die Bands selbst. Nicht einmal sie hören wirklich aufmerksam Musik. Das führt dazu, dass wir musikalisch ein Dritte-Welt-Land sind, ohne das wahrhaben zu wollen«, sagt er. 

Taiwans musikalisches Selbstverständnis ist tatsächlich arg verzehrt und macht auch vor der Indie-Szene nicht halt. Das Publikum besteht zumeist aus Freunden von Freunden. Musikalisch kocht man im eigenen Saft. »Alle reden von Indie. Der Großteil weiß allerdings gar nicht, wie Indie klingt, und kann von daher auch nie Indie spielen«, sagt er. Das ist vielleicht das große Indie-Dilemma Taiwans: Ein junger Mensch, der sich auf die Suche nach alternativer Musik macht und schlussendlich bei taiwanischem Indie landet, wird im Endeffekt irgendetwas finden – nur nicht Indie. Und das Schlimmste: Er weiß es noch nicht einmal, denn obwohl in Taipeh und Taiwan so vieles »indie« und »alternativ« ist, sind wirklich gute Bands und Adressen entweder rar gesät oder etwas anderes, als sie versprechen.
Wer das in Taipeh nicht hinnehmen will, muss sich einen Rückzugsraum nach eigenen Vorstellungen erschaffen. Da die Mieten in den letzten Jahren aber rasant gestiegen sind und die Löhne seit etwa 15 Jahren stagnieren, ist das gar nicht so einfach. Einer, der es trotzdem gewagt hat, ist Chi Wang. Auch er betreibt einen kleinen Plattenladen, der schlicht Vinyl Shop heißt. Ob es sich überhaupt um ein Geschäft im klassischen Sinne handelt, darüber kann man sich streiten. Vor mehr als einem Jahr eröffnete Chi Wang seinen Shop, den man über seine Küche betritt. Die Trennwände der Toilette daneben sind schulterhoch. Er selbst schläft auf einer Matratze zwischen den Plattenregalen. Platten verkaufe er sowieso so gut wie nie, gibt Chi Wang zu. Mehrmals pro Woche kommen alte Freunde und Musikinteressierte vorbei, legen ab und zu eine Scheibe auf und machen aus dem kleinen Laden einen Treffpunkt der »anderen Musikkonsumenten«. Hier kann man wahlweise über Free Jazz oder holländischen Gabba philosophieren, der richtige Ansprechpartner ist schon da. Das Bier geht aufs Haus. Den 58-prozentigen Hirseschnaps mischt man hier mit 20-prozentigem Likör, damit er nicht zu stark wird. »Es ist ein Ort, den wir brauchen«, sagt Dato, ein enger Freund Chi Wangs. Mit einigen anderen hat er Geld zusammengelegt, um den Vinyl Shop, der irgendwie alles ist außer ein Shop, möglich zu machen.

Vor allem in den südlichen Stadtteilen Taipehs wie Daan und Xinyi gibt es sie, diese kleinen Läden wie Chi Wangs Vinyl Shop; so unsichtbar und an derart unauffälligen Adressen, dass selbst einheimische Taxifahrer sie kaum finden. Läden, die selbstverständlich nicht stellvertretend für eine ganze Musiknation stehen können, die aber auf ihre eigene Art zeigen, dass KK und Po Wei vielleicht doch falsch liegen und Taiwan auch eine musikalische Zukunft haben könnte.

Viel Musik, viel Politik, viel heiße Luft

Die politische Zukunft des Landes zumindest könnte mit dem Wahlsieg der charismatischen Tsai Ing-Wen und ihrer demokratischen Fortschrittspartei DPP eine andere werden. Und auch dabei hat die Musik einen nicht zu unterschätzenden Anteil. »Musik und Politik gingen in Taiwan schon immer Hand in Hand. Vor allem im Wahlkampf«, sagt Brandin Ko Yang. Der 26-Jährige ist Komponist von Filmmusik und war als Musik-Beauftragter des Wahlkampfs der oppositionellen DPP mitverantwortlich dafür, dass die Abo-Wahlsieger der KMT erstmals seit mehr als 65 Jahren ihre Macht abgeben mussten. Im Wahlkampfbüro der DPP in Taipehs Innenstadt arbeitete er mit Grafikern, Filmemachern, Redenschreibern und anderen Kreativen am politischen Wechsel. Kaum einer von ihnen ist älter als 30. Der hochemotionale Wahlkampf stellte selbst Obamas »Change«-Kampagne in den Schatten – und wurde trotzdem außerhalb Taiwans kaum wahrgenommen. Brandin Ko Yang versammelte die gesamte taiwanische Pop-Elite für den Kampagnen-Song »Light Up, Taiwan«, ein eingängiges und mitreißendes Stück Pop, das sogar radiotauglich ist. Privat schwärmt er von der Musik Blumfelds und von Wir Sind Helden.

Er ist einer, der die komplexen Mechanismen von Musik verstanden und sie sich zunutze gemacht hat. Das Wahlkampf-Album umfasst Tracks von unbekannten und bekannten Künstlern aller Musikrichtungen, die sich politisch für die DPP positionieren wollten. In Zeiten des Wahlkampfs kommt man in Taiwan an politischen Songs nicht vorbei. Die Inhaltsebene reicht von »Fuck The Government« bis hin zur intelligenten Anprangerung sozialer Missstände. Die Indie-Szene mischt dabei fleißig mit. Das freut nicht alle: »Alles hier ist so schrecklich politisch, dass es schon wieder uninteressant wird«, kommentiert KK die Allianz aus Musik und Politik, die brüchiger ist, als man vermutet, und ein weiteres Problem der Szene offenbart: Alles ist zwar irgendwie politisch, wenn es dann aber doch mal ernst wird und Musik und Kontext nicht nur an der Oberfläche kratzen, bleibt das Publikum gleich ganz weg. So politisiert Taiwans Musik stark, doch sie verbindet nicht, und sie tauscht eigentlich keine Ideen aus. 
Die Dpp-Wahlkampf-Songs

Indie sucht Identität

Wer von dieser Oberfläche zu viel hat, der flieht in den Faetong, einen Probekeller und Musikertreffpunkt – und macht mitunter tatsächlich gute Musik. Hier spielen gerade Touming Magazine, eine der wenigen ernst zu nehmenden Punk- und Crossover-Bands des Landes. Ihre Musik ist kraftvoll und wütend – und verzichtet so gut es geht auf Politik. Man könnte denken, dass taiwanischer Punk subversiv ist, weil er pragmatisch ist, politische Slogans entlarvt, die nur ein cooler Anstrich sein sollen, um Verkäufe anzukurbeln – was sowieso fast nie gelingt.

»Manchmal glaube ich, dass dieser ganze politische Kram in Songs eine Überkompensation ist, oder im schlimmsten Fall: Promotion«, sagt Jon, der die Jungs von Touming Magazine produziert und mit seiner Band Forests gerade so etwas wie ein musikalischer Hoffnungsschimmer Taiwans ist. Auch er hat diesen Blick von außen, der dem taiwanischen Indie so bitter fehlt. Seine Eltern sind Taiwaner, er selbst wuchs in New Jersey auf und wäre dort wohl auch alt geworden, wenn der 30-Jährige vor ein paar Jahren nicht einen einfachen Ausweg aus immens hohen Kreditkartenschulden gesucht hätte. Nun lebt er wieder im Land seiner Vorfahren – und macht Musik. Seine Band Forests hebt sich mit einem einfachen Mittel vom großen Rest ab: mit englischen Texten. Viele andere entscheiden sich für Taiwanisch oder Chinesisch und verfolgen damit ein großes selbst auferlegtes Ziel: »Die taiwanische Identität ist ein Schlüsselelement der Indie-Szene oder dessen, was davon noch übrig ist«, umreißt KK den Zustand einer Suche, die bisher wenig erfolgreich war, denn diese Identität ist lediglich vage definiert.
»Jede Indie-Band lässt hier gerne raushängen, dass sie irgendwie politisch und für die taiwanische Sache ist. Aber ich glaube ganz oft, dass das nur der Versuch ist, irgendwas zu sagen«, sagt Jon von Forests. Zusammen mit seinen beiden Bandkollegen Kuo Kuo und ZL redet er oft über das, was eine taiwanische Identität sein könnte. Die taiwanische Sache ist nämlich gar nicht so leicht zu begreifen. Begründet in der bewegten Landesgeschichte, bezeichnete sich die Mehrheit der Taiwaner lange Zeit noch als zumindest teilweise chinesisch. Dieses Bild hat sich gewandelt. Der große Nachbar China ist mittlerweile mehr Bedrohung als Freund. Eine Wiedervereinigung befürwortet kaum noch einer. Damit bleibt der weltweit wohl einzigartige Status eines De-facto-Staates, der auf internationaler Bühne nicht als solcher bezeichnet werden darf, und hinterlässt Leere in denen, die dieses »Taiwan« mit Leben füllen wollen.
Die heimische Musikszene im Allgemeinen und Indie im Speziellen sind zum Großteil nicht mehr als ein Abziehbild der orientierungslosen Konsumgesellschaft, die wiederum nicht viel mehr ist als die verzweifelte Frage nach einer eigenen, einer taiwanischen Identität. Eine Frage, auf die niemand wirklich eine Antwort hat – zumindest keine zufriedenstellende. »Vielleicht kann es taiwanischen Sound gar nicht geben, weil taiwanische Identität auch eine Art Label ist, das politisch vereinnahmt und unterschiedlich mit Leben gefüllt wird. Zumindest habe ich noch keine Band gehört, die das Taiwanische in den Vordergrund rückt und darüber hinaus interessante Sachen zu erzählen hat«, gibt sich auch Jon ratlos.
Bild: Yitang Chen
»Wir haben einfach keinen common sense, was dieses Thema angeht«, sagt Po Wei, der in vielen seiner Songtexte die eigene Identitätssuche mit der übergeordneten Sache Taiwans zu verbinden versucht. »Wir glauben oft, dass Taiwan groß genug für eine eigene Identität ist, ohne zu wissen, was das Land für uns überhaupt bedeutet. Vielleicht sollten wir öfter den Blick nach außen richten, über den Tellerrand, nicht nur den musikalischen«, sagt er. 

An einem späten Samstagabend, die Müllwagen mit Beethovens »Für Elise« sind schon vor Stunden ihre Tour durch die aufgeräumte Stadt gefahren, pilgern viele junge Taiwaner, die zumindest über den musikalischen Tellerrand hinausschauen wollen, ins Korner. Ein kleiner Laden mit Schließfächern statt Garderobe. Zum Eintritt gibt es einen Freidrink. Gin Tonic, der so schmeckt, als hätte ihn jemand ins Glas zurückgespuckt, bekommt man hier für 200 Taiwan-Dollar, umgerechnet 5,50 Euro. Im Korner treten des Öfteren internationale Künstler auf. Das Publikum lässt sich von in Klammern gesetzten Herkunftsbezeichnungen locken und weiß dennoch nicht, dass die, die hier aus (UK), (FRA) oder (GER) auftreten, in ihren Heimatländern nicht einmal zur dritten Reihe ihres Genres gezählt werden. Für diesen Abend ist ein Drum’n’Bass-DJ aus England angekündigt, dessen Name selbst den wenigsten Kennern minimalistischer Breakbeats geläufig sein dürfte. Doch ein halbwegs vernünftiges Soundsystem und Strobo reichen, um die Sehnsucht vieler hier nach musikalischer Internationalität oder sogar Identität zu befriedigen. Drum herum ist es eng, etwas stickig und laut. Und der Sound ist tatsächlich irgendwie gut.

Am Ende des rechteckigen Raums, kurz vorm DJ-Pult, tanzt Dato, Sponsor und Freund von Wang Chi, dem Besitzer des Vinyl Shop. Da man im Korner sein eigenes Wort nicht verstehen kann, zückt er sein Smartphone und tippt »Taipeh und Taiwan sind Indie. Was auch immer das heißt ...« in die Notizen-App. Dann lacht er und prostet mit seinem seifigen Gin-Tonic am zappelnden Strobo vorbei in die tanzende Masse. Im Hintergrund scheppert gerade der Bass eines Grime-Tracks aus den Boxen. 

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