×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

»Du bist nicht allein«

Solidarität mit Gina-Lisa Lohfink

Paula Irmschler über den Fall Gina-Lisa, die Solidaritätsbekundungen während des Prozesses und die gesellschaftlichen Folgen der immer mehr zum Politikum werdenden Angelegenheit.
Geschrieben am
Gina-Lisa Lohfink wurde vergewaltigt. Das sagt sie, das gab sie zur Anzeige, das glauben wir ihr. Wir, das sind Frauen, Transpersonen und auffallend, aber leider nicht überraschend, sehr wenige Männer auf der Demonstration für Solidarität mit Gina-Lisa der »Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt«. Unter dem Motto »Nein heißt Nein« treffen sich ein paar hundert Menschen am 27. Juni ab 8.30 Uhr vor dem Amtsgericht Tiergarten, um ihr bei dem Prozess gegen sie beizustehen. Prozess gegen sie? Richtig. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihr nämlich nicht, dass die sexuellen Handlungen, um die es geht, nicht einvernehmlich waren und nun muss sie sich selbst verantworten.

Der Fall


Im Juni 2012 feiert Gina-Lisa gemeinsam mit zwei Männern, Pardis F. und Sebastian C., in Berlin. Sie hat am nächsten Tag einen Filmriss, kurze Zeit später tauchen, ohne ihr Wissen und damit auch ohne ihre Zustimmung, Videos dieser Nacht auf, auf denen sexuelle Handlungen mit den beiden Männern zu sehen sind. Gina-Lisa kann sich nicht an das Geschehene und somit auch nicht an die Aufnahmen erinnern. Im Video hört man sie mehrfach »Nein« und »Hör auf« sagen. Sie erklärt sich den Filmriss damit, dass ihr K.o.-Tropfen verabreicht wurden und ihr Anwalt erstattet Strafanzeige. Die Staatsanwältin jedoch sieht im Video keine Vergewaltigung, die Tropfen waren nicht mehr nachweisbar und Gina-Lisa soll wegen Falschbeschuldigung 24.000 Euro bezahlen. Da sie die Zahlung ablehnt, soll heute vor dem Amtsgericht ein Urteil gefällt werden. 

Täter-Opfer-Umkehr


Der Fall ist nicht einfach, vieles noch ungeklärt und aus allen Ecken des Internets erscheinen plötzlich selbsternannte Experten, die genau wissen, wie eine Vergewaltigung abzulaufen hat, wie »Opfer« auszusehen und vor allem wie sie sich zu verhalten haben. Es gibt offenbar nicht wenige Menschen, die sich über die Integrität der Betroffenen hinweggesetzt haben, sich Zugang zu dem Video (es ist noch immer im Netz zu finden) und damit auch ungefragt zum Körper von Gina-Lisa verschafft haben. Sie wollen sich ihr eigenes Urteil bilden und zwar in einem umfangreichem Maße. Das möchte die Betroffene verständlicherweise nicht, aber um den Status Quo zu erhalten, scheint jedes Mittel recht. Der Status Quo in der hiesigen Gesellschaft sieht so aus, dass die Beweispflicht einer Vergewaltigung noch immer bei der Betroffenen liegt, dass ein geäußertes »Nein« nicht ausreicht, dass sie sich erkennbar gewehrt haben muss.
 
In vielen Artikeln wird unterdessen noch immer von »Sex« gesprochen, das Video als »Porno« bezeichnet, das von ihr Erlebte als »Sex-Krimi« bagatellisiert. Es wird auf das Äußere von Gina-Lisa hingewiesen oder womit sie ihr Geld verdient, um ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Die Darstellung: Ein It-Girl mit vermeintlichem Schmuddel-Image, das sich Schönheitsoperationen unterzogen hat und unter anderem mit Erotik bekannt geworden ist – ganz so, als würde das bedeuten, dass sie damit das Selbstbestimmungsrecht auf ihre Sexualität verwirke. Atze Schröder erntete unlängst einen Shitstorm, weil er in einem Wurst-Werbespot einen Vergewaltigungswitz mit Bezug auf Gina-Lisa machte, doch er erhielt auch sehr viel Solidarität von verharmlosenden Fans. Der Twitter-Hashtag #teamginalisa ist vollgespammt mit misogynen Angriffen gegen Gina-Lisa und andere Betroffene sexueller Gewalt. So passiert es oft mit feministischen Hashtags, die von Maskulisten gekapert werden. Selbstverständlich kann sich auch Jörg Kachelmann an der Stelle seinen Beitrag zur Debatte nicht verkneifen und fühlt sich in seinen Verschwörungstheorien bestätigt. Und der allseits beliebte Jan Böhmermann rappt in »Ich hab Polizei«: Mund auf, Augen zu, da fliegen Deine Goofies / Liegst schneller flach, als Gina-Lisa auf Roofies«. Vergewaltigungen – für viele offenbar nichts anderes als ein richtig lustiger Spaß. Das alles in Kombination mit fragwürdigen juristischen Entscheidungen und der allgemeinen Problematik des unzureichenden Sexualstrafrechts hat den Fall von Gina-Lisa zu einem Politikum gemacht.

Feministische Solidarität


Diese Umstände haben unterschiedlichste Menschen dazu gebracht, sich spontan zu einer Protestgruppe zu formieren und Gina-Lisa beizustehen. Bei der Demonstration an diesem Montag wird wieder deutlich, wie unterschiedlich und komplex Fälle von sexueller Gewalt sind und dass sie selten in das manifestierte öffentliche Bild von solchen Geschehnissen passen. Immer wieder treten Menschen vor das Mikrofon und erzählen ihre eigenen Geschichten von sexueller Gewalt. Die Hamburger Rapperin Finna tritt auf, es werden Erfahrungsberichte und Gedichte vorgelesen, eine Künstlerin performt am Klavier Lady Gagas Song »Til‘ It Happens To You«, den die Sängerin Anfang des Jahres bei der Oscar-Verleihung allen Überlebenden sexueller Gewalt widmete. Es wird viel geweint, sich umarmt, gegenseitig bekräftigt. Aber es wird auch klar, wie zerrissen auch Feministinnen bezüglich dieser Thematik sind. Zur Demonstration kamen Menschen aus unterschiedlichen Gruppierungen, es gab neben dem Zusammenhalt auch Diskussionen und Anfeindungen. Als Gina-Lisa in einer Verhandlungspause mit ihren Anwälten zu uns herüberkommt und weinend vors Mikrofon tritt, um sich für die Anteilnahme zu bedanken, ist aber klar, was alle hier eint. »Du bist nicht allein« rufen wir gemeinsam und vergegenwärtigen uns, dass es an diesem Tag einzig und allein um die Solidarität mit der Betroffenen geht.

Der Prozesstag


Im Gerichtssaal geht es nicht weniger emotional zu. Eine Beobachterin berichtet später auf der Demonstrationen von den Geschehnissen im Gebäude. Wie beim ersten Prozesstag muss Gina-Lisa sich mit Anfeindungen irgendwelcher Typen konfrontiert sehen, sie muss einem ihrer mutmaßlichen Täter begegnen und weint viel. Der Richterin fällt nichts Besseres dazu ein, als sie zu fragen, ob sie denn ein Taschentuch bräuchte. Schon zu Beginn der Verhandlung gab es einen Befangenheitsantrag gegen jene Richterin, der später noch vor einem Schöffengericht behandelt wird. Von draußen sind sogar im Gerichtssaal die »Nein heißt Nein«-Sprechchöre zu vernehmen, eine Femen-Aktivistin protestiert und wird abgeführt. Es wird von einer »tendenziösen Verhandlungsführung« berichtet, was auch Gina-Lisas Verteidiger kritisiert. Als das berüchtigte Video öffentlich gezeigt werden soll, verlässt sie mit ihren Anwälten aus Protest den Gerichtssaal. Die Verhandlung wird nun am 8. August fortgesetzt.

Worum es geht


Auch für Gina-Lisa Lohfink geht es mittlerweile um viel mehr als ihre eigene Geschichte. Um anderen Frauen zu helfen, plant sie die Gründung eines Vereins. »Women are strong« soll er heißen und in ähnlichen Fällen Betroffene, denen nicht geglaubt wird, unterstützen und beraten. Es ist ein Kampf. Dagegen, dass Frauen Angst haben, anzuzeigen. Gegen das, was mit ihnen passiert, wenn sie es tun. Dagegen, dass der Wert von Frauen an ihrem Tun und Äußeren bemessen wird. Gegen die Art des Umgangs mit Betroffenen in der Öffentlichkeit. Gegen Stigmatisierungen. Gegen Angriffe auf die körperliche Integrität und für Selbstbestimmung. Und dafür, ernst genommen zu werden.

Herbei imaginiert wird stattdessen an vielen Stellen ein Komplott des hinterlistigen, hysterischen Feminismus und seiner Apologetinnen. Auf welch misogynen Ansichten solche Eindrücke entstehen, fällt den tapferen Kämpfern nicht auf, oder es ist ihnen gleich egal. Sie sind die Nüchternen und Sachlichen, während von sexueller Gewalt Betroffene die Flennenden und Übertreibenden sind, die einen Kreuzzug gegen Männer und Rechtsstaatlichkeit planen und denen man jetzt mal schnippisch klarmachen muss, wo es eigentlich langgehen sollte - und zwar auf gar keinen Fall vorwärts.  

Möglich ist das alles, weil wir noch immer und auch in Deutschland in einem Klima der Rape Culture leben, in dem es Alltag ist, dass Frauen auf der Straße oder in vermeintlich geschützten Räumen bedroht, kommentiert, belästigt und körperlich angegriffen werden. In dem insbesondere Frauen Angst haben, das Geschehene anzuzeigen, weil ihnen nicht geglaubt wird, weil sie gefragt werden, was sie für Klamotten trugen, ob sie unter Drogen gestanden hätten, und immer wieder: warum sie sich nicht ausreichend gewehrt haben. Ein Klima, in dem die Schuld immer wieder bei den Betroffenen gesucht wird. Und in dem es immer wieder Witzeleien, Verharmlosungen und kein Sexualstrafrecht, dass ausreichend Wirkung zeigt, gibt.

Dabei sollte es unerheblich sein, was wir tragen, wie wir leben, ob wir gern Sex haben, ob wir mitgegangen sind, ob wir mit dem Täter zuvor oder danach Sex hatten, ob wir Drogen nehmen, ob wir mit bestimmten sexuellen Handlungen einverstanden sind, ob wir es uns währenddessen anders überlegt haben. Sexualität kann nur im gegenseitigen Konsens stattfinden, ein »Nein« ist ein unbedingtes »Nein« und selbst ein »Ja« kann unter bestimmten Umständen nicht frei getroffen werden. Das alles scheint noch immer diskutabel für viele Menschen zu sein – und aus diesem Grund stehen wir alle an diesem Montag an der Seite von Gina-Lisa und vor dem Amtsgericht - und werden es auch am 8. August wieder, wenn der Prozess gegen sie in die nächste Runde geht und der Alptraum für sie hoffentlich endet.

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr