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Reportage: E-Sports in Deutschland

Sperrfeuer auf dem Holodeck

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der in Ligen und Meisterschaften ausgetragene Wettkampf verschiedener Videospiel-Disziplinen zu einem globalen und milliardenschweren Phänomen expandiert ist, das Millionen begeisterte Fans verfolgen. Doch während E-Sports in den USA und weiten Teilen Asiens nach und nach in der breiten Masse ankommt, tut man sich in Europa damit noch immer schwer. Philip Fassing hat sich auf die Spur der hiesigen Szene begeben, die ihn schließlich zur ESL One in Köln führte – dem weltweit größten »Counter-Strike«-Turnier.
Geschrieben am
»Ganz ehrlich? Die ESL One ist alles zusammen: Champions League, Meistertitel, Pokal. Es ist das wichtigste und größte Turnier aller Zeiten«, betont Fatih mit Nachdruck und lässt seine Worte eine Sekunde wirken. Der herzliche Deutsch-Türke ist Team-Kapitän und Coach der »Counter-Strike«-Sektion von Mousesports, einem führenden E-Sports-Clan mit Dependancen in Köln und Berlin. Es sind noch drei Tage, bis er sein Team in dieses bombastisch inszenierte Symposium der Pixelkrieger führen wird – neben dem ruhmvollen Titel winken ein Preisgeld von 250.000 US-Dollar und jede Menge zufriedene Sponsoren. 

Jetzt lehnt der Hesse allerdings noch bequem in dem schwarzen Ledersessel des kompakt geschnittenen Mousesports-Konferenzraums in der Kölner Südstadt und nippt an seiner Cola. Fatih hat bereits vor zehn Jahren seinen ersten Profi-Vertrag unterschrieben und genießt einen gewissen Legendenstatus in der hiesigen »Counter-Strike«-Szene. Während Freunde und Schulkameraden anfingen zu studieren oder ihre Ausbildungen antraten, verdiente der damals 18-Jährige bereits sein erstes Geld als »Counter-Strike«-Profi. Eine ungewöhnliche Karriere, die nicht immer nur auf Zustimmung stieß. »Viele glauben es einem nicht mal, wenn man ihnen erzählt, dass man Profi-Gamer ist. Denen ist häufig gar nicht klar, dass es so etwas überhaupt gibt. Oder sie raten einem dazu, lieber etwas Richtiges zu machen«, erinnert sich Fatih, räumt aber ein, dass ihm auch viel Interesse und Neugierde entgegengebracht werde, wenn das Gespräch auf seine außergewöhnliche Profession komme. 
Bild: Marcus Becker
Dass es hierzulande mit der allgemeinen Akzeptanz noch etwas hapert, während E-Sport-Profis andernorts längst wie Mario Götze oder Thomas Müller gefeiert werden, hat für Fatih viel mit der deutschen Mentalität zu tun. Hier gebe es kein so extremes Fantum wie in den USA oder in Asien, man wird nicht einfach so Fan von irgendetwas. Cengiz Tüylü, Team-Manager und CEO von Mousesports, sieht in der hiesigen Skepsis ebenfalls ein dezidiert deutsches Phänomen: »Andernorts wundert sich kaum noch jemand über professionelle Videospieler. Im Vergleich zu Korea liegen wir da locker zehn Jahre zurück.« 

Granaten-Regen im Basiscamp

Das fünfköpfige Team um Fatih hat sich für die Vorbereitungen auf das Turnier provisorisch in einem Nebenraum des Kölner Büros niedergelassen. Die Vorhänge sind zugezogen, unzählige Pokale zieren die Regale. Irgendwo im Hintergrund blubbert eine Kaffeemaschine. Den Jungs knurrt der Magen, eigentlich wollten sie gerade aufbrechen und sich etwas zu essen holen, Fatih besteht allerdings auf einer letzten Videoanalyse vor der Pause. Er lässt den Mitschnitt eines alten Matches laufen und deutet auf den Monitor: »Siehst du, Chris, du bist ständig am Zielfernrohr. Du musst mehr mit den Granaten arbeiten. Weißt du überhaupt, was Granaten sind?« witzelt er und klopft seinem niederländischen Team-Kameraden feixend auf die Schulter. 
Bild: Marcus Becker
»Counter-Strike: Global Offensive« mutet auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Egoshooter an, offenbart bei näherer Betrachtung aber eine derart taktische Tiefe, dass die Popularität im E-Sport nur wenig überrascht. Im Kern ist das Spielprinzip dagegen denkbar simpel: Die Spieler stehen sich in Teams aus je fünf Mann gegenüber. Die eine Partei muss zu einem von zwei festgelegten Punkten auf der Karte durchdringen und eine virtuelle Bombe platzieren. Die Gegenspieler versuchen, dieses Vorhaben mit Waffengewalt zu verhindern. Da unter den Profis das reine Reaktionsvermögen am Abzug inzwischen derart hochgezüchtet ist, entscheiden vor allem Faktoren wie Strategie, Spielintelligenz und der blitzschnelle Austausch von Informationen über Sieg oder Niederlage. Inzwischen schreitet das Team eine Map ab, bespricht die taktischen Vorteile der Umgebung, sichtet Deckungsmöglichkeiten, erörtert die Platzierung von Rauchgranaten und geht potenzielle Laufwege durch. »Wir gelten vor allem in strategischer Hinsicht als starke Mannschaft«, verrät Fatih und erklärt, dass es ihre Kombination aus klassischen Spielzügen und spontanen Variationen vielen Gegnern schwer mache. Man spiele selbst nicht gerne gegen Teams, die solch einen Ansatz verfolgen. 

Unverhoffter Niederschlag

Nur wenige Tage später soll der Griff nach dem Pokal ein jähes Ende finden. Nachdem Mousesports bereits am Abend zuvor eine herbe Niederlage gegen den US-amerikanischen Rivalen Cloud 9 einstecken musste, startet auch das Match gegen den tschechischen Wackelkandidaten Flipsid3 Tactics alles andere als gut. Die Gruppenphase wird in den Studios der Magic Media Company unter Ausschluss des öffentlichen Publikums ausgetragen. Normalerweise werden hier Sendungen wie »Germany’s Next Top Model« oder »Das Supertalent« gedreht. Heute ist die Studiolandschaft in Köln-Ossendorf – nach eigenen Angaben eine der größten und modernsten Europas – fest in der Hand der internationalen Profispieler-Riege. 

Um die Partie verfolgen zu können, muss ich notgedrungen die Perspektive des durchschnittlichen Fans einnehmen und mir die Übertragung mithilfe des Livestreaming-Dienstes Twitch auf meinem Smartphone ansehen. Das populäre Gaming-Portal ist ein weiterer Indikator für das fast schon irrationale Wachstum der Branche: Im vergangenen Jahr von Amazon für rund 970 Millionen Dollar aufgekauft, sollen hier angeblich 100 Millionen Zuschauer pro Monat einschalten. Auf dem »Counter-Strike«-Kanal der ESL One bin ich aktuell einer von 500.000 Zuschauern. Ähnlich müssen sich die Samstagabende für »Wetten, dass ...?«-Zuschauer in den Achtzigerjahren angefühlt haben. Gut, vielleicht ohne die grollenden Stakkatos der Sturmgewehre und das erregte Crescendo der atemlosen Kommentatoren: »Four AWPs, they are ready to shot, they cross the middle, it’s gonna be a challenge, apEX! Not in THIS lifetime! HE IS DESTROYED!«

Zerstört sind inzwischen auch die Chancen meines neuen Lieblingsteams auf das Viertelfinale. Der tschechische Clan hat Mousesports inzwischen ordentlich aufgemischt und schließlich in seine Schranken verwiesen. Während die einen ihre superergonomischen Headsets vom Kopf reißen und jubelnd aus ihren superergonomischen Raumfahrer-Sitzen aufspringen, steht Fatih und Co. eine Mischung aus Rat- und Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Und ich? Ja, ich stehe plötzlich ohne einen Favoriten da, über den ich vor Ort kenntnisreich hätte fachsimpeln können. Schöner Mist.
Bild: Marcus Becker
Alles auf Anfang

Ein Blick auf meinen klingelnden Smartphone-Wecker verrät: endlich Samstag. Endlich unter Zehntausenden »Gleichgesinnten« kleine Fähnchen schwingen, viel zu teures Bier aus Plastikbechern in mich hineinkippen und unter frenetischem Jubel gelandete Headshots feiern. Mich erwartet also in etwa das, was routinierte Dauerkarten-Besitzer jedes Wochenende machen. Während ich hastig meine Sachen zusammensuche, sind die Rechner in der Kölner Lanxess Arena schon hochgefahren. Dort, wo normalerweise Madonna, U2 oder Westernhagen ihre Konzerte spielen, wird heute das Viertelfinale der ESL One ausgetragen. Mehr als 10.000 Gäste sollen hier im Laufe des Tages unterkommen.

Als ich mich wenig später in freudiger Aufregung dem Nordeingang der Arena nähere, möchte ich auf der Stelle wieder umdrehen und nach Hause fahren: Eine Schlange Berghain’schen Ausmaßes zieht sich über die halbe Strecke des Weges bis vor die gigantische Mehrzweckhalle. Stundenlanges Anstehen war schlichtweg nicht Teil meines Plans. Zu meiner Überraschung endet die Schlange allerdings nicht vor dem Eingang, sondern an einem schmucklosen Merchandise-Zelt davor. Hier harrt das überwiegend junge, männliche Publikum geduldig aus, um Pins zu ergattern – kleine Anstecknadeln, die auf den digitalen »Counter-Strike«-Avatar übertragen werden und auf eBay schnell das Zigfache ihres eigentlichen Kaufpreises erzielen können, wie mir ein hagerer Junge freundlicherweise verrät. Jeglicher Rationalität entbehrender Sammler-Kapitalismus? Count me in. Doch bevor ich das Geschäft meines Lebens in die Tat umsetzen kann, erinnere ich mich, dass ich eigentlich wegen etwas ganz anderem hier bin.

Einige Meter weiter komme ich mit Tobias ins Gespräch. Er ist 16 Jahre alt und aus Essen angereist, um Mousesports anzufeuern. Dass das Team den Einzug in das Viertelfinale knapp verpasst hat, trägt der junge Ruhrpottler mit Fassung: »Wäre schon schön gewesen, sie hier in der Arena spielen zu sehen. Aber was soll man machen?« murmelt er etwas verlegen und zuckt mit den Schultern. Über die Gründe für das Scheitern kann auch er nur spekulieren. Das Team sei eben noch nicht allzu lange in dieser Konstellation aktiv, mutmaßt er. Die gute Tagesform der Rivalen habe dann vermutlich ihr Übriges getan. 
Bild: Marcus Becker
Unter Tage

Inzwischen habe ich immerhin das Foyer der Lanxess Arena erreicht. Es duftet nach Popcorn und Nacho-Käse, die großen Namen der Hardware-Branche haben hier ihre Lager aufgeschlagen und locken mit Virtual Reality, Multi-Screen-Set-ups und hochgezüchteten Headsets. Irgendwo dazwischen lassen sich Besucher die Logos ihres Lieblings-Clans auf Unterarm, Schulter und Handrücken airbrushen. Schöne neue Welt. Auf einem der zahlreichen Live-Monitore erkenne ich Fatih, der hier irgendwo ein Interview zu geben scheint. 

Im Inneren der Arena bietet sich mir ein beeindruckendes Panorama: Die im Halbkreis um eine megalomanische Bühnenkonstruktion geschwungenen Ränge formen ein futuristisches Dionysostheater. Grelle Laser zucken majestätisch durch die Luft und werden von aufgepumpten Trance-Hymnen getaktet, während die aufgeregten Wort-Salven der Kommentatoren durch die Arena peitschen, als wäre schon wieder englische Woche. Im Zentrum dieses illuminierten Schreins sitzen akkurat aufgereiht zwei der rivalisierenden Teams und nageln sich virtuelles Blei in die virtuellen Gliedmaßen.

Viel beeindruckender als die für mich kaum nachvollziehbaren Spielzüge sind die Ruhe und Disziplin, mit der die zumeist auffällig jungen Männer ihr Ding durchziehen. Wer schon mal einem öffentlichen Online-Match von »Call Of Duty« beigetreten ist, weiß, dass dort für gewöhnlich mehr Mütter beleidigt werden, als es jemals geben wird. Doch hier keine Spur von affektiven Ausfällen.
Bild: Marcus Becker
Schwer vorzustellen, dass diese doch eher unscheinbaren Zirkel inzwischen genauso mit Dopingskandalen zu kämpfen haben wie die großen Institutionen des Hochleistungssports. So ist die ESL One in Köln das erste Turnier, bei dem stichprobenartige Kontrollen auf leistungssteigernde Substanzen eingeführt wurden. Ein Aspekt, der auch bei Mousesports in der jüngeren Vergangenheit zu einem erhöhten Interesse der Presse geführt hatte, wie mir Geschäftsführer Cengiz Tüylü bereits vor einigen Tagen verriet: »Die Amis haben sich halt Speed reingezogen und ein paar gute Turniere gespielt.« Die langfristige Effektivität solcher Praktiken zweifle er allerdings an, schließlich lasse die Wirkung solcher Aufputschmittel irgendwann wieder nach – ganz abgesehen von den unerwünschten Nebenwirkungen der Stimulanzien. Durch solche Skandale sollen vielmehr die Organisatoren der großen Turniere profitieren, die sich von den strengen Kontrollen natürlich auch positive Schlagzeilen versprechen. Tüylü selbst nervt der Wirbel dagegen eher, weshalb er Anfragen zu dem Thema eigentlich kategorisch ablehnt.

Champagnerlaune im Mutterschiff

Als ich am Sonntag zum großen Finale in die Arena zurückkehre, ist der Vorplatz des Nordeingangs bereits deutlich von den Pixel-Sportlern gezeichnet: Die zusammengeschobenen Berge aus zerdrückten Dosen, Pommes-Schalen und überdimensionalen Schaumstoff-Handschuhen sind noch einmal gewachsen und bieten sich in all ihrer klebrigen Pracht den herumirrenden Wespen-Scharen an. Der Boden ist übersät von den aufgerissenen Plastikverpackungen der heiß begehrten Anstecknadeln, für die noch immer unzählige Besucher anstehen. Ich suche mir schon jetzt einen Platz auf den zentralen Rängen und hätte eigentlich einen famosen Blick auf das Geschehen, würden die Kids vor mir nicht ständig mit ihren sogenannten Klatschstangen herumwedeln. Fun Fact: Wikipedia sagt, diese seien auch unter dem Namen »Jubelwurst« geläufig. Kann man sich echt nicht selbst ausdenken, oder?
Bild: Marcus Becker
Nachdem der viel zu große Pokal viel zu feierlich im Zentrum der Bühne drapiert worden ist, gehen die Lichter aus, und ein dramatischer Countdown beginnt. Darauf folgt ein dramatischer Einspielfilm mit sehr viel dramatischer Zeitlupe, und ein ebenso dramatischer OJ Borg, seines Zeichens umtriebiger Radio- und TV-Moderator bei der BBC, betritt die Bühne und moderiert stimmungsvoll das krönende Duell. Es stehen sich Fnatic und Envyus gegenüber, was man für Ahnungslose wie mich einfach mit »Schweden gegen Frankreich« übersetzen könnte. Der Support von den Zuschauerrängen geht so auffällig oft und laut an Envyus, dass mir die Jungs von Fnatic fast schon wieder leidtun. Hätte ich jetzt ein Paar Jubelwürste zur Hand, ich würde sie energisch für die Schweden klappern lassen. Das scheint zunächst auch bitter notwendig, liegt das Team aus dem hohen Norden doch relativ schnell hoffnungslos zurück.

Während ich die Partie innerlich schon abgeschrieben habe und mir den Kopf darüber zerbreche, durch welchen Ausgang ich wohl gleich am schnellsten aus der übervollen Halle komme, wendet sich das Blatt plötzlich doch noch: Fnatic dreht das Spiel auf eine derart fulminante Art und Weise, dass die lautstarken Supporter der Franzosen mehr und mehr verstummen und schließlich in der Verlängerung die äußerst knappe Niederlage ihres Teams hinnehmen müssen. Die Arena tobt dennoch, allein der temporäre Underdog-Status scheint die Attraktivität der Schweden in kürzester Zeit multipliziert zu haben. Das Raumschiff, pardon, die Bühne fährt noch einmal alles auf, was sie zu bieten hat: Überall zucken und blinken grelle Lichter. Der Pokal wirkt in den schmalen Händen der Schweden noch größer, als er ohnehin schon ist, und wird für die zahlreichen Fotografen, die sich mittlerweile um die Bühne geschart haben, immer wieder triumphierend in die Höhe gereckt. 
Bild: Marcus Becker
Als ich am späten Sonntagabend endlich in mein Bett falle, hallt die aufdringliche Klangkulisse der Lanxess Arena noch immer in meinen Ohren nach. Ich rufe ein letztes Mal Twitch auf, um zu sehen, ob der Pokal noch mit Champagner gefüllt wurde oder irgendjemand in den Nachbesprechungen ausfällig wird. Fehlanzeige. Dennoch staune ich zum wiederholten Mal: Über 27 Millionen Menschen sollen das Turnier in den vergangenen Tagen online verfolgt haben, bis zu 1,3 Millionen davon gleichzeitig. »Zahlen lügen nicht«, hatte Mousesports-Chef Cengiz Tüylü noch vor einigen Tagen gesagt, um die wachsende Relevanz dieses jungen Sports zu veranschaulichen. Alles nur der Anfang? Dann wird es wohl höchste Zeit, ein paar neue Stadien hochzuziehen.

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