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Voicemail aus Amman

Mit Golf in Jordanien

»Ich leb so viel wie du in einem Jahr an einem Tag.« Die Band Golf aus Köln hat nicht viel mit Wanda gemein. Dieses Wanda-Zitat passt trotzdem – jedenfalls für diesen Tag und diese Nacht, in denen Golf auf Einladung des Goethe Instituts in Amman waren. André Hörmeyer berichtet von gefühlten 72 Stunden, die irgendwie dann doch in einen ganzen Tag passten.
Geschrieben am
Ich stehe zwischen riesigen Steinsäulen in einem römischen Tempel, und Michael Jordan erklärt mir, warum das Tote Meer tot ist. In diesem Moment wird mir klar, dass das alles vielleicht ein bisschen viel ist: zwei Flüge, eine fremde Welt, ein Workshop und ein Konzert – und das alles an einem Tag. Doch genau das ist der Plan. Wir spielen heute mit unserer Band Golf in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Vor dem Konzert haben wir nur ein paar Stunden Zeit. Deshalb stürzen wir uns hinein ins Fremde, durch verwinkelte Straßen bis hoch in die alte Tempelanlage, die die lärmende Stadt überblickt. Hier begegnen wir diesem freundlichen älteren Herrn, dessen Hände gemütlich auf seinem runden Bauch ruhen. Er stellt sich als Michael Jordan vor, ist aber ziemlich sicher kein Basketballer. Er ist Jordanier – und liebt es, Fremden seine Stadt zu zeigen. In schnellen Worten zählt er auf, was wir an diesem einen Tag alles unbedingt sehen, schmecken und besuchen sollten. Dabei sind meine Augen und Ohren jetzt schon überfordert. Mir kommt eine Idee. Ich zücke mein altes iPhone mit dem zersplitterten Display und drücke auf Sprachaufnahme. Das mache ich jetzt immer wieder. Ich höre der Stadt zu und limitiere so meine Wahrnehmung, um nicht im Overkill aus Eindrücken zu enden. Am Ende des Tages sind dort fünf Geräusche gespeichert. Wenn man genau zuhört, erzählen sie einem mehr über die Metropole im Nahen Osten, als man mit den Augen erkennen kann. Sie klingen ungefähr so: »Ohaaa«, »Brrrk«, »Prraaa«, »Wulululu« und »Hihihi«.

»Ohaaa«

Wir stehen also da oben und schauen runter. Flachdächer, Märkte, Minarette. Und irgendwie ist es ein komisches Gefühl. Die Wüstenstadt sieht exakt aus wie die Bilder in der »Tagesschau«. Nur werden im Fernsehen meist die zerstörten Städte im nicht weit entfernten Syrien gezeigt. Hier in Amman sind die sandfarbenen Häuser unversehrt. Zwischen den Krisengebieten ist die Stadt eine Oase des Friedens. Es gibt ganze Palästinensergebiete, und seit ein paar Jahren kommen viele Syrer hierher. Alle finden Zuflucht in Amman. Die Stadt wächst in immer neuen Ringen über ihre sieben Hügel hinaus. Michael Jordan erzählt und erzählt und stoppt: Zwischen den Häuserwänden erhebt sich ein klagender Ruf. Der Muezzin. Aber dann verwischt das Klangbild: Von allen Seiten, aus der ganzen Stadt echot der Gebetsruf zeitversetzt zu uns herauf – eine psychedelische 360-Grad-Klanginstallation. Es klingt, als hätte jemand die Soundtracks aller Arabien-Blockbuster, die jemals produziert wurden, übereinandergelayert und durch einen Space-Echo-Effekt gejagt. Die Soundwände, die sich um uns herum verschieben, lassen uns ehrfürchtig erstarren. Deshalb vergesse ich auch, sie aufzunehmen. Als ich zu mir komme und endlich »Aufnahme« drücke, verstummen die 1000 Muezzine schlagartig. Ich erwische nur noch Nils’ Reaktion: »Ohaaa!«
Bild: Andre Hoermeyer

»Brrrk«

Wir müssen näher ran. Zu fünft in ein Taxi gepresst, geht es vom Tempel hinunter in die staubigen Straßen. Mich überkommt dieses kribbelnde Gefühl, das man bekommt, wenn man zum ersten Mal in einer fremden Stadt ein Konzert spielt. Wenn man weiß, dass diese Leute dort, die jetzt noch so fremd sind, vielleicht später vor der Bühne stehen werden. Und wenn man nicht weiß, ob sie tanzen oder gähnen werden. Das Gefühl hatte ich auch schon in Stuttgart oder Karlsruhe, aber in Amman ist es viel stärker. Auf dem Markt tauchen wir in ein buntes Klangbild: Singvögel zwitschern, Gemüseverkäufer krächzen durch alte Lautsprecher, überall schnattert, raschelt und rauscht es. Mitten in das Dickicht schneidet ein markanter Sound: »Brrrk!« Direkt vor uns startet ein Auto, wie es stilvoller nicht geht. Der himmelblaue Lack des sehr alten Mercedes schimmert durch eine Schicht Wüstenstaub. Das scharfe Motorengeräusch wiederholt sich: »Brrrk! Brrrk!« Was für ein schönes Fahrzeug. Es ist rund, wo es rund sein muss, und hat Kanten, wo Kanten hingehören. Nicht so eine Windkanal-optimierte Schüssel. Eigentlich interessiert sich keiner von uns für Autos, aber das hier ist eine Ausnahme. Uns fallen immer mehr deutsche Oldtimer auf: ein goldener BMW, mehrere Mercedes. Alle wunderschön. »Was in Deutschland nicht mehr über den TÜV kommt, schippern die hier rüber«, erklärt unsere Begleiterin vom Goethe Institut.

Sowieso fühlt sich alles wie eine seltsame Parallelwelt zum Alltag in Deutschland an. Die allgegenwärtigen Porträts des jordanischen Königs, mal mit Kalaschnikow, mal im Anzug, erinnern an den Wald aus Merkel-Plakaten, der zur Wahlkampfzeit zu Hause gerade blüht. Und da vor uns, ist das nicht ein Roof-Top-Garden? Das ist ja wie in Berlin. Auf dem begrünten Dach begegnen wir Machiel, einem 25-jährigen Architekturabsolventen aus Belgien. Er hat den Garten gebaut und hofft darauf, bald ähnliche Gemüsegärten in jordanischen Flüchtlingslagern anpflanzen zu können. »Basically I wanna give them food and hope«, sagt er, und: »It’s just a good way to spend your time.« So viel konkreter Nutzen bei so viel Bescheidenheit begegnet einem in Berliner Urban-Gardening-Projekten eher selten. Vielleicht ist das hier ja wirklich eine Parallelwelt. Eine Welt, in der die Autos schöner sind und Probleme konkreter angegangen werden. In der Mittagshitze schwirren meine Gedanken ein wenig durcheinander. Angekommen sind wir längst nicht. Wir sind ja gerade mal vier Stunden im Land. 


»Prraaa«

»Prraaa!!!« Direkt ins Trommelfell. Dieser metallisch nachhallende Knall erklingt, wenn man eine Trommel nicht richtig trifft. Aber was heißt schon richtig? Am Nachmittag bringen wir einigen jordanischen Jugendlichen etwas über Songwriting bei. Auch wenn wir nicht glauben, selbst sehr viel mehr darüber zu wissen. Den Workshop im Goethe Institut haben wir trotzdem zugesagt, ganz einfach, weil es Spaß macht, mit Menschen aus anderen Ländern Musik zu machen. Jedenfalls stehen wir jetzt zwischen 15 Kids mit Trommeln, Rasseln, Ratschen und allen möglichen anderen Percussion-Instrumenten, und eigentlich müsste es unfassbar laut sein. Ist es aber nicht. Wie eine fein abgestimmte menschliche Drum Machine erfüllt hier jeder seinen Part, setzt Akzente und lässt den anderen ihren Raum. Ein fließender Techno-Beat rollt in Vier-Vierteln durch den Raum. Pure Disziplin. Und bald auch pure Langeweile. Denn auch wenn wir als Kraftwerk-sozialisierte Musiker aus dem Rheinland es nicht wahrhaben wollen: Nicht jeder ist eine Mensch-Maschine – vor allem nicht in Jordanien. Plötzlich macht es »Prraaa!!!«. Links hinter mir. Kurz glaube ich, nichts mehr zu hören. Meine Ohren fiepen. So laut ist das. Dann begreife ich, was gerade passiert. Sie befreien sich, brechen aus. Jetzt lernen wir von ihnen. Die Taktzahlen lösen sich, werden organischer und treiben immer weiter nach vorn. Ein Junge mit Flaum auf der Oberlippe singt etwas vor. Die Mädchen antworten im Wechselgesang. Langsam entwickelt sich ein munterer Jam in arabischem Stil. Wir versuchen mitzuhalten und rasseln hinterher. Was sich zu Beginn angedeutet hat, bestätigt sich jetzt: Jeder Einzelne dieser Jugendlichen ist rhythmisch begabt, und alle gemeinsam haben ein ganz anderes Gefühl für Beats als wir. Dieses metallische »Prraaa«, das erhallt, wenn man eine Trommel gleichzeitig am Rand und auf dem Fell trifft, ist ein Warnschuss. Wir merken: Musikalisch tickt man hier anders. Unsere Nervosität vor dem Konzert steigt.
Bild: Andre Hoermeyer

»Wulululu«

Eine Hundert-Mann-Polonaise in Vietnam, 40 Bodyguards, die wild gewordene philippinische Teens zurückhalten, russische Hipster, die im Moskauer Sonnenuntergang tanzen – Fragmente unserer bisherigen Konzerte im Ausland ziehen an mir vorbei. Ich muss nach dem Soundcheck kurz eingenickt sein. Denn plötzlich tröpfeln schon die ersten Besuchergruppen in den bestuhlten Konzertsaal. Ich glaube, ich weiß, was mir meine Erinnerungen sagen wollen: »Bis jetzt hat es immer geklappt, also mach dich nicht verrückt!« Wir stolpern pünktlich durch den Vorhang auf die Bühne. Im grellen Scheinwerferlicht kann ich das Publikum kaum erkennen. Ich sehe Silhouetten. Junge Leute. Sitzend. Nach dem ersten Song klatschend. Eher verhalten. »Macht nichts. Weiter«, denke ich. Wir rasen durch die gut geprobten Stücke, und irgendwie will einfach keine Verbindung zwischen uns und den Leuten vor der Bühne aufkommen. Die klinische Beleuchtung gibt mir das Gefühl, ausgestellt zu sein, wie eine Kuriosität, nicht wie ein Musiker, der sein Publikum mitnimmt. Die arabischen Ansagen, die ich mir vorher auf einem Stück Pappe notiert habe, wirken plötzlich wie schlechte Stand-up-Gags, und mir passiert das Schlimmste, was einem auf der Bühne passieren kann: Ich werde mir jeder kleinen Bewegung bewusst. Soll ich lächeln? Soll ich mich bewegen? Was tue ich hier überhaupt?

Doch plötzlich streckt jemand seinen Arm aus, umarmt mich und sagt mir, dass alles gut wird. Akustisch gesehen jedenfalls. Denn mitten im Song vibriert die Luft: »Wulululu!«, eine arabische Interpretation des »Woo«-Lautes schießt durch den Raum. Die Leute springen auf und tanzen. Alles ist gut. Von einem Moment auf den anderen. Der Disco-Beat von »Hannover« scheint genau in der Schnittmenge zwischen ihrem und unserem Rhythmus-Verständnis zu liegen. Jetzt wird das Ganze doch noch zu einer Sause. Wir ziehen das Tempo an. Die Leute tanzen so selbstverständlich gelöst, als wären sie allein zu Hause vor dem Spiegel, sie zeigen waghalsige Dance-Moves. Und immer wieder hört man ein »Wulululu«. 

»Hihihi«

»Today was the best night of my life! Hihihi ...« Ammars glucksendes Kichern hebt sich aus dem Stimmengewirr. Nach dem Konzert umarmen wir viele fremde Menschen und machen Selfies mit ihnen. Ammar mit seinen blonden Haaren, der lustig-aufgekratzten Art und seinem perfekten Englisch passt nicht ganz ins Bild der sonstigen Konzertbesucher. Ich frage ihn, woher er kommt. »Syria, Damascus.« Augenblicklich verschwindet das Grinsen aus seinem Gesicht. Er blickt kurz zur Seite und lächelt wieder. Inzwischen leert sich das Foyer. Wir unterhalten uns. Ich frage, ob ich seine Stimme aufnehmen darf. »Sure!« Zum fünften Mal für heute drücke ich auf den roten Knopf. Er erzählt von Syrien. Dass er dort nicht bleiben konnte, weil man ihn sonst gezwungen hätte zu kämpfen. Dass er seine Mutter und seine Schwester nicht allein lassen wollte und deshalb als Einziger seiner Freunde nicht Richtung Europa geflohen ist. Und dass sie jetzt in Jordanien festsitzen. Ohne Arbeitserlaubnis und ohne Visum, denn das gibt es nicht ohne Arbeitserlaubnis. Der klassische Teufelskreis. Ich traue mir nicht zu, zu verstehen, was dieser auf den ersten Blick zerbrechlich erscheinende 28-jährige Elektrotechnik-Student bereits sehen und fühlen musste. In ein paar Stunden steige ich in ein Flugzeug, das mich zurückbringt in den grauen, aber sorgenfreien Alltag in Köln. Ammar kann das nicht. Er darf das Land nicht verlassen. Und trotzdem ist da wieder dieses Kichern: »Hihihi. It’s just a shame you know. Sweden has such a nice countryside.« Wie er das jetzt sagt, so halb trotzig und halb augenzwinkernd, ist wirklich witzig. Meine Mundwinkel aber ziehen sich nur langsam nach oben. Denn gleichzeitig ist das alles ziemlich herzzerbrechend: Seine ungetrübte Freude über diesen Abend und sein ungebändigter Witz, der ihn charmant kichern lässt über das, was ihm angetan wurde. Dieses »hihihi« hallt durch den Abgrund, der ihm alles genommen hat. Ammar steht daneben und lässt sich von der schlechten Aussicht nicht den Mut nehmen. 
Bild: Andre Hoermeyer
Michael Jordans Blick schweift über seine Geburtsstadt. Er liebt dieses Land, aber manches sieht er auch skeptisch: »You know why the dead sea is dead? Some people say because God made it so. And some say because it’s a leek-free endorheic lake, that’s 9.6 times saltier than the ocean and nothing can survive in it.« Er lacht. Man kann sich eben von allem das Bild machen, das einem am besten passt. Gerade im Nahen Osten werden Konflikte dadurch befeuert. Das gibt uns unser Touri-Guide mit dem besonderen Namen am Morgen mit auf den Weg. Manchmal ist es vielleicht besser, einfach nur zuzuhören, statt ständig Bilder und Meinungen zu teilen. Wie schön, dass man dafür bloß eine andere App öffnen muss.

Golf

Playa Holz (Bonus Track Version)

Release: 13.05.2016

℗ 2016 Styleheads Music

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