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Tanzende Gören mit bunten Mützen

Mascha Alechina von Pussy Riot im Gespräch

Nachdem Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale ihr »Punk-Gebet« aufgeführt hatten, waren die Aktivistinnen erst auf der Flucht und landeten dann vor Gericht. Mascha Alechina war eine von ihnen. Sie hat ein Buch über den Prozess und ihre Zeit in der anschließenden Lagerhaft geschrieben. Julia Brummert traf sie zum Interview.
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Die Polizisten, die vor Mascha Alechinas Tür auf sie warteten, sprachen von Gören, die in der Kathedrale herumgetanzt hätten. Diese »Gören« waren Pussy-Riot-Aktivistinnen, der »Tanz« die Aufführung des »Punk-Gebets«. Nicht einmal eine Minute hatte die Aktion gedauert, deren Folgen Pussy Riot weltweit berühmt machten.

Alechina unterschrieb ein Dokument, dass sie sich am nächsten Tag in der Polizeiwache melden würde. So blieb ihr Zeit, um abzuhauen. Sie und die anderen Aktivistinnen tauchten in Moskau unter, verließen die Stadt nicht, obwohl sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Im Interview erklärt sie: »Revolution ist eine Geschichte. Wenn wir aus dieser Geschichte rausgefallen wären, wäre es ihre Geschichte geworden und nicht mehr unsere. Ich hatte keine Wahl, es ging nicht um mich.« An einem Morgen wurden sie vor der Metro von zehn Männern überwältigt. Über den Verlauf des Prozesses berichteten die Medien damals zuhauf. Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa wurden zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt, die dritte angeklagte Aktivistin, Jekaterina Samutsevich, auf Bewährung freigelassen. In ihrem Buch »Tage des Aufstands« hat Mascha Alechina die ganze Geschichte aufgeschrieben. Es ist ein schmerzhafter Bericht über das russische Justizsystem, über miese Haftbedingungen und gibt zugleich einen spannenden Einblick in die Gedankenwelt der Aktivistin. Ihre Schilderungen werden durch alte Tagebucheinträge, Zeitungsartikel und Zeugenaussagen aus dem Prozess ergänzt.

Nach der Untersuchungshaft wurde sie zunächst in die Strafkolonie Nr. 28 der Stadt Beresniki gebracht, weit weg von Moskau. Alechina schreibt vom ewigen Schlange-Stehen für das Waschbecken am Morgen, von dem kurzen Zugriff auf persönliche Sachen und das Telefon, sie schildert das Warten draußen in der Kälte, während die Wachen die Zellen und persönlichen Dinge der Inhaftierten durchsuchen, einsame und kalte Nächte in Isolationshaft und das andauernde Gebrüll der Wachen.   Viel Solidarität gab es im Lager nicht, einige Frauen waren zu zehn oder gar 20 Jahren Haft verurteilt, und draußen wartete niemand auf sie, sagt Alechina: »Wenn Männer ins Gefängnis kommen, werden sie von ihren Ehefrauen, von ihren Schwestern oder Müttern regelmäßig besucht und angerufen, sie schicken den Männern, was diese brauchen. Wenn Frauen in Haft sind, passiert genau das Gegenteil: Etwa 70 bis 80 Prozent der Männer vergessen sie.« Die Umstände im Lager machen die Sache nicht leichter: »Wenn man 800 Frauen an einem Ort gefangen hält und es dort nur drei oder vier Telefone für alle gibt, bedeutet das, dass du mehrere Wochen warten musst, bis du wieder an der Reihe bist, um nur ein einziges Mal deine Kinder anzurufen. So zerbrechen Familien.« 

Das Haftsystem in Russland sei nicht darauf ausgelegt, bessere Menschen aus den Inhaftierten zu machen. Laut Alechina gehe es vor allem darum, sie zu brechen. Sie begann im Gefängnis, sich für eine Verbesserung der Zustände einzusetzen, studierte das Gesetz und protestierte. Nach einigem Hin und Her gab es tatsächlich mehr Telefone, Baracken wurden renoviert, die Situation verbesserte sich zumindest ein wenig. Die entsprechenden Rechte gab es zwar auch vorher schon, nur hatte keine etwas gesagt.

Von außen betrachtet erscheint das merkwürdig, Alechina zuckt aber nur die Schultern: »Ich habe mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht, ich hatte aber das Gefühl, dass ich das nun tun muss. Ich dachte, dass die, die das gleiche fühlen, sich schon beteiligen werden.« 2013 erließ die russische Regierung kurz vor den Olympischen Winterspielen von Sotschi eine Amnestie für einige politisch Inhaftierte in Russland. Auch Mascha Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa wurden früher aus der Haft entlassen. Die beiden Aktivistinnen gründeten MediaZona, ein Online-Magazin, das über Polizeigewalt, Gerichtsprozesse und Haftbedingungen berichtet.

Weiter ging der Aktivismus von Pussy Riot: Alechina wurde 2017 mehrmals verhaftet. Im Sommer, weil sie gegen die Verurteilung des ukrainischen Regisseurs Oleh Senzow demonstriert hatte; im Dezember, weil sie mit einem Plakat mit der Aufschrift »Herzlichen Glückwunsch, Henker« anlässlich des 100. Jahrestags der Gründung von Stalins Geheimdienst TscheKa vor dem Eingang des Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation protestiert hatte. Aber nicht nur auf der Seite ihrer GegnerInnen eckt Alechina an, auch in ihren eigenen Reihen musste sie Kritik einstecken, denn sie führt eine Beziehung mit Dimitri Zorionow, dem Anführer der ultrarechten russisch-orthodoxen Organisation »Wille Gottes«. Viel dazu sagen will sie nicht, sie spricht nur über eine Aktion vor dem russischen Justizministerium, wo sie gemeinsam in der Bibel gelesen haben.
Derweil sind Pussy Riot mit einer Performance auf Tour, die auf »Tage des Aufstands« basiert und die russischen Haftbedingungen für die ZuschauerInnen erlebbar machen soll; ein paar Singles haben sie zwischenzeitlich auch veröffentlicht. Im Frühjahr stehen Wahlen in Russland an. Viel Hoffnung hat Alechina nicht: »Wahlen, welche Wahlen?« fragt sie und zieht die Augenbrauen hoch. »Die sind Fake. Aber wir sind es nicht.«

Mascha Alechina

Pussy Riot. Tage des Aufstands: Riot Days

Release: 22.09.2017

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