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T-Shirts als Einstiegsdroge

Laurie Penny im Interview

2017 war ein schreckliches und gleichzeitig auch ein gutes Jahr für den Feminismus. In ihrem aktuellen Buch »Bitch Doktrin« beschäftigt sich die Journalistin und Autorin Laurie Penny mit einigen der aktuellen Themen. Julia Brummert blickt mit ihr auf Feminismus als Modetrend, die »Women’s Marches« und den Weinstein-Skandal zurück.
Geschrieben am
2017 druckten zig Modelabels feministische Parolen auf Shirts. Wieso tragen immer mehr Leute »The Future Is Female«-Shirts, während viele andere Angst vor Feminismus haben?
Mädchen und Frauen bekommen von klein auf erklärt, dass es ihre Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass sich die Männer in ihrem Umfeld wohlfühlen. Was ist also das Schlimmste, was ihnen passieren kann? Eine Person zu sein, die Männer wütend macht. Viele glauben, dass Feminismus gleichzustellen ist mit dem Hass auf Männer. Es gibt das Risiko, dass diese Shirts für Kleiderketten wie H&M die feministische Botschaft verwässern. Dennoch ist es gut, dass der Begriff Einzug in die Popkultur hält. Ein paar dieser Dinge können als Einstiegsdroge funktionieren: »Hey, willst du ein bisschen Feminismus probieren? Wir hätten da ein T-Shirt!« Natürlich hilft das den Arbeiterinnen und Arbeitern nicht weiter, die solche Shirts bei mieser Bezahlung herstellen.

Dieses immerwährende Aufbäumen des Feminismus wird gern als »Welle« bezeichnet, aktuell befinden wir uns demnach in der »vierten Welle«. In »Bitch Doktrin« schreibst du, dass dir der Begriff nicht gefällt. Wieso?
Feminismus ist größer als ein paar Wellen. Er ist eine kulturelle Macht, die fundamentale Veränderungen mit sich bringt. Es gibt keinen klaren Schnitt. Mag sein, dass es politische Erfahrungen gibt, die alle Mitglieder einer »Welle« teilen. Wenn man sich die »zweite Welle« in den 1970ern anschaut, sieht man aber, dass es untereinander große Differenzen gab. Die gibt es bis heute.

Siehst du einen Weg, wie wir alle besser zusammenarbeiten könnten?

Feministinnen haben sich immer gestritten. Es gehört zu den Dingen, die wir am allerliebsten tun! Und trotzdem haben wir einiges erreicht. Bei den »Women’s Marches« im Januar konnten wir einige Unterschiede beiseiteräumen. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass sie existieren, wir können das nicht ignorieren. Solange wir es schaffen, uns zusammenzuraufen, komme ich damit klar. Ich bin nur besorgt, dass wir zu viel Zeit darauf verschwenden, uns innerhalb der Bewegung vom vermeintlich richtigen Feminismus überzeugen zu wollen.
Donald Trumps Wahlsieg 2016 ist Thema der ersten Kapitel in deinem Buch. Was hast du gedacht, als du die Ergebnisse gesehen hast?
Panik. Dabei hatten mir viele women of color gesagt, dass das passieren würde. Ich habe die darauffolgenden zwei Wochen in einer Art Loch verbracht und die Einführung für mein Buch umgeschrieben. Sie ist an drei sehr schmerzvollen Tagen entstanden.

Als man dachte, dass es schlimmer nicht mehr geht, kam der Weinstein-Skandal – und daraufhin immer mehr Geschichten ans Licht, Stichwort #MeToo. Wie hast du die Entwicklungen erlebt?
Ich war überrascht, welches Ausmaß seine Taten haben, aber nicht darüber, dass es überhaupt passiert ist. Wir alle haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Wie viele andere Frauen habe ich die letzten Wochen sehr viel Zeit damit verbracht, mit Männern über den Fall zu sprechen. Das ist mein Job. Ich werde dafür bezahlt, über Feminismus zu reden, und ich bin immer offen, das auch zu tun. Für mich ist das Forschung. Wenn meine Freundinnen müde sind, sage ich immer: »Wenn du einen Mann hast, der wütend oder traurig ist, und du selbst hast was anderes zu tun – schick ihn zu mir.«

Es kommt immer wieder die Frage auf: Wieso hat niemand früher etwas gesagt? 

Ein Beispiel: Als ich 19 war, wurde ich vergewaltigt. Als ich es meinem Freundeskreis erzählte, hat mir niemand geglaubt. Ich war sehr jung, hatte zuvor kaum Erfahrung mit Sex. Ich habe eine Geschlechtskrankheit davon bekommen, und alle meine Freundinnen und Freunde bezeichneten mich als Lügnerin. Es war grauenhaft. In den vergangenen Tagen habe ich ein paar Nachrichten an die »Freundinnen« von damals geschickt: »Übrigens ...« Im Laufe des Jahres haben sich aber auch ein paar gemeldet und um Verzeihung gebeten. Damals war es für mich selbstverständlich, zu erzählen, was passiert war. Allerdings habe ich nie von Vergewaltigung gesprochen, ich habe eher so etwas gesagt wie »Ich wollte nicht« oder »Es war eine schlimme Sache«. Die Konsequenzen habe ich sehr schnell zu spüren bekommen, und das war innerhalb eines Freundeskreises, nicht bei der Arbeit.

Weinstein, Spacey – ihnen allen tut es schrecklich leid, und sie begeben sich in Therapie. Was sagst du zu den öffentlichen Entschuldigungen der Täter?

Vielleicht hätte es ihnen geholfen, schon vor 30 Jahren in Therapie zu gehen. Sie mussten wirklich all diese Dinge tun, um zu begreifen, dass etwas nicht stimmt? Psychische Erkrankungen sind keine Entschuldigung dafür, Menschen zu missbrauchen. Vielleicht sind sie ein Grund, aber keine Entschuldigung. In der Regel sind Menschen mit psychischen Erkrankungen eher in Gefahr, Opfer zu werden. Ich glaube ja, dass »toxic masculinity« – wie Jack Urwin eine gefährliche Interpretation von Männlichkeit nennt, bei der Ideale wie Stärke und Mut mit Gewalt verwechselt werden – Männer verrückt macht. Wenn es so ist, dann sollten wir viel mehr Therapeuten auf Streife schicken. Einen in jede Schule. Einen in jedes Zuhause. Bis sich das erledigt hat. 

Laurie Penny

Bitch Doktrin: Gender, Macht und Sehnsucht (Nautilus Flugschrift)

Release: 06.09.2017

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