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Studiobesuch bei Tim Berresheim

Kunst kaputt?!

Tim Berresheim ist weltweit einer der Vorreiter der computergenerierten Kunst. Seine Bilder entwickelt er mit aktuellster Technik, den Skills und dem Know-how, das uns heute zur Verfügung steht. Denn wenn weiterhin Dreiecke auf Leinwände gemalt werden, ist die Kunst auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen, findet Berresheim. Er aber möchte Kunstgeschichte weiterdenken. Senta Best hat nachgefragt.
Geschrieben am
»Im Jahr 2017 muss man als Künstler ein Angebot entwickeln, das mit allem mithalten kann, was sonst so passiert: TV, Festivals, Popkultur und so weiter. Deshalb denke ich, dass man es als Maler gerade sehr schwer hat. Ich möchte nicht tauschen.« Tim Berresheim ist glücklicherweise kein Maler, sondern Musiker und Labelbetreiber – aber vor allem ist er einer der wichtigsten Protagonisten auf dem Gebiet der zeitgenössischen computergenerierten Kunst. Seine Werke werden weltweit ausgestellt – unter anderem in New York, Los Angeles, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart und auf der Art Cologne. Neben seiner Kunst hat er gerade eine Kollektion mit Carhartt herausgebracht und zeichnet für die Gestaltung einer Bühne des Open Source Festivals verantwortlich, das am 8. Juli in Düsseldorf stattfindet. Im Rahmen des Festivals launcht er dieser Tage die App »TB – OSF 2017« mit Emojis, die die Designs der Bühne aufgreifen. Eine weitere App namens »TB – Timoji« enthält viele seiner Kommunikationsgrafiken als Emojis zur Nutzung bei iMessage. Berresheim bietet also einen Rundumschlag in Sachen Popkultur, Musik, Klamotten, Labels, Unterhaltung. 
Bild: Frederike Wetzels

Kotzübel durch die Virtual-Reality-Brille 

Ich besuche Tim Berresheim in seinem Studio in Aachen. Hier zeigt er mir, wie er arbeitet und worum es ihm bei seinen Werken geht. Die Kunstwelt verweigert sich ganz stark der digitalen Technik, ist tendenziell sowieso langsam und deshalb seit Jahren auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen, so Berresheim: »Kunst war ja immer dieser Ort, der den Unterschied markiert. Künstler machen irgendwas, das es sonst auf der Welt nirgendwo so gibt. Also ist die Kunst in unserer heutigen Welt wieder dazu aufgefordert, einen Unterschied zu markieren. Die Antwort kann aber nicht sein, dass wir uns in einer virtuellen Realität die Bildschirme ganz nah vor die Augen halten. Dabei fühle ich mich von der Industrie missbraucht, die schon in den 90er-Jahren mit aller Kraft versucht hat, uns allen das aufs Auge zu drücken. Und mittlerweile ist VR nicht so viel geiler geworden. Du siehst immer noch Pixel, dir wird kotzübel, wenn du diese Brille aufhast. Die Lösung kann aber auch nicht sein, dass wir noch mal ein Dreieck auf ‘ne Leinwand malen, nur weil die Kunst kapituliert, weil sie mit dem Computer und den Skills der Film-, Werbe- und Games-Industrie nicht mithalten kann. Das Angebot muss also anders sein.«

Berresheim möchte keineswegs mit der Geschichte der Malerei brechen, sondern mit ihr einen Umgang im Jahr 2017 finden.
Der Entstehungsprozess seiner Werke bleibt für den Betrachter zunächst schleierhaft – anders als bei einem Maler, dessen Pinselstriche nachvollziehbar sind. Da Berresheim aber möchte, dass man seine Kunst versteht, damit man auch darüber diskutieren kann und die Kunstwelt sich insgesamt weiterentwickelt, möchte er seine Arbeitsprozesse transparent machen. »Ich möchte Sprache herstellen, damit die Leute über meine Sachen diskutieren können. Damit meine Kunst in ihrem Leben irgendetwas bedeutet. In den 80er-Jahren war das noch was anderes, da war es hart, subkulturelles Wissen ranzukarren und zu vermitteln. Aber heutzutage ist das alles in der Welt, und dank Internet ist ja jeder Tumblr-Blog ähnlich informiert.« Zur Vermittlung der Prozesse haben er und sein Team beispielsweise die Augmented-Reality-App »TB – Tim Berresheim« entwickelt. Sieht man die Bilder mithilfe der App durch das Smartphone oder Tablet an, werden sie dreidimensional – es kommen also weitere Ebenen hinzu, die Bilder scheinen sich zu bewegen. Zum anderen führt der Künstler bei seinen Ausstellungen Werkstattgespräche und hält Vorträge über seine Kunst.
Bild: Frederike Wetzels

Geile Gase austricksen

Während unseres Gesprächs erklärt Berresheim mir am Computer seinen Arbeitsprozess. Für das Bild »Lemon Law (AEI23) I« nutzt er beispielsweise ein Programm, das Gase simuliert. Sein Ziel dabei: mit dem Computer der Varianz auf die Spur zu kommen, die entsteht, wenn ein Maler seinen Pinsel ein wenig dreht und mit dieser Technik sehr detailreich etwas darstellen kann. Doch das Simulationsprogramm muss Berresheim sich erst einmal für seine Zwecke zurechtbasteln: »Das Programm ist doof, das kann wirklich nur schön Gase machen, aber sonst keine Informationen abgreifen. Nicht fragen, wie schnell bist du an dieser Stelle und wie heißt dein Nachbar – gar nichts. Nur geile Gase. Also habe ich mir einen Trick einfallen lassen: Unter die Gase hab ich schlaue, klebrige Kügelchen programmiert, die von den Gasen mitgenommen werden. Diese Kügelchen kann ich so programmieren, dass sie bestimmte Informationen speichern. Zum Beispiel, woher sie kommen und in welche Richtung sie sich bewegen. Diesen Datensatz kann ich dann visualisieren, indem ich beispielsweise die langsamen Kügelchen grün darstelle und die schnellen orange. Das Ganze sieht dann sehr nach gestischer Malerei aus, nach Fummelei auf der Leinwand. Aber in dem Fall sind es 25 Millionen kleine Härchen, die ihre Länge variieren, je nachdem, wie schnell sie sind.«

Eine andere Methode ist ein Simulationsprogramm für Wasserpartikel. Darin programmiert Berresheim eine Säule und lässt durch das so entstandene Röhrensystem maximal viele Wasserpartikel laufen. In den Kurven des Systems programmiert er die Säulenhülle so dünn, dass sie durch den Druck der Wasserpartikel reißt. Wie bei einem Maler, der mit dem Pinsel über die Leinwand fährt, lösen sich an diesen Stellen Spritzer ab. Nur dass die Abplatzungen bei einem Maler durch die Zentrifugalkraft entstehen und bei Berresheim durch die entsprechende Programmierung. Und da der Computer nichts von selbst macht, muss man hier alles »erwarten«, wie Berresheim es nennt, den Rechner also entsprechend mit Informationen versorgen. 
Bild: Frederike Wetzels

Maximalismus in 81.000 Stunden

Bei all seinen Bildern geht es Berresheim um Maximalismus: »Meine Arbeit soll maximal vielfältig sein und maximale Informationsdichte enthalten. Bei allem, bei dem man schludern könnte, möchte ich eben nicht schludern, sondern immer mehr Mühe, Arbeit und Skills reinstecken, damit ich am Ende maximal abliefere.«  Dafür braucht es nicht nur Skills, sondern vor allem Zeit. Allein die Simulation für eines der Wasserpartikel-Bilder dauerte um die drei bis vier Wochen, der fertige Datensatz ging an eine Renderfarm, wo 600 Rechner sechs bis sieben Tage benötigt haben, um das Bild auszurechnen – insgesamt sind das um die 81.000 Stunden! Glücklicherweise hat Berresheim diese Zeit: Seine Werke verkaufen sich weltweit, sodass er die Freiheit genießt, viele Monate an einer Handvoll Bilder zu arbeiten. 

Tim Berresheim hat ein paar Semester Informatik studiert und Stationen in der Filmwelt sowie an der Kunstakademie hinter sich. Das meiste ist aber Autodidaktentum, erzählt er. Im Laufe der Jahre hat er sich ein breites Repertoire an Skills zugelegt und konnte mit seiner Kunst recht schnell Geld verdienen. Dadurch hatte er schnell die Möglichkeit, viel Arbeit und Zeit in seine Werke zu stecken und seinen Vorsprung vor der Konkurrenz immer weiter auszubauen: »In den Nullerjahren konnte man sich noch eine Karriere aufbauen, indem man dreimal den Gaußschen Weichzeichner als Plug-in über ein Bildchen ballerte. Dieses Missverhältnis von Aufwand und Nutzen kennt man heute nur noch von Drogen oder so: wenig reinwerfen, viel zurückbekommen. Diese hohen Margen gibt es heute nicht mehr. Kunst funktioniert meiner Meinung nach nur noch über handwerkliches Geschick, Mühe und so weiter. So unangenehm diese Begriffe auch sind, aber sie werden hier noch mal virulent. Sonst wird die Kunst von der Welt überholt und amselt ab, dann ist sie für immer weg. Wenn sie nicht welthaltig wird, sondern weiterhin Dreieckchen malt, die alle auf Instagram posten, wird es schwierig. Ich bin skeptisch, ob es die Kunst in der Form dann überhaupt noch gibt.«
Schaut man das Bild »Aspettatori Bugged Out I« durch die kostenlose App »TM – Tim Berresheim« an, bekommt es mehrere Ebenen. Einfach im Appstore downloaden und ausprobieren!
Bild: Tim Berresheim

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