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»Jeden Abend Bullen und Riots – das stell ich mir hart vor.«

Interview zum Buch »SO36 – 1978 bis heute«

Zum 36. Jubiläum des SO36 erscheint für dem Anlass angemessene 36 Euro der üppige, foto- und textreiche Buchband »SO36 – 1978 bis heute«. Wir sprachen mit Nanette Fleig und Robin Jahnke vom HerausgeberInnen- und AutorenInnenteam über Bullen, Riots, Kreuzberg, muslimische Queer-Parties und Konzerte von hörbaren und unhörbaren Bands.


Geschrieben am
Für mich fesselt euer Buch vor allem, weil ihr sehr viele Stimmen zu Wort kommen lasst – entweder in Interviews oder mit eigenen Textbeiträgen. Wir habt ihr diesen Stamm aus WegbegleiterInnen, KünstlerInnen und AutorInnen zusammenbekommen?
Robin: Wir haben die halt ausgebuddelt. Und wer wollte, der war willkommen.
Nanette: Das hat sich über anderthalb Jahre hingezogen, bis kurz vor der letzten Abnahme. Wie das immer so ist: Erst haben alle gesagt: »Joah, ich mach was!« Dann rennst du ein Jahr hinterher, und auf den letzten Drücker kommt dann doch noch was. Aber das waren oft sehr gute Geschichten. Wir haben schon gemerkt, dass vielen die Geschichte des SO36 und ihr Anteil daran wichtig waren.
Robin: Wir hatten in unserem Freundeskreis einige Sammler, die gute Kontakte mitbrachten. Viel lief auch über unsere Aufrufe in diversen Internetforen. Die Geschichte von Hilal Kurutan – dem türkischen Besitzer, dem das SO36 von 1997 bis 1983 gehörte – kam zum Beispiel erst in den letzten Wochen vor Druck zustande. Irgendwann rief er an und sagte: »Ich hörte, ihr sucht mich?« Er hat dann viel Zeit für Interviews aufgebracht und uns viele Fotos überlassen.
Nanette: Er war lange Zeit nicht aufzufinden, aber seine Kinder haben unsere diversen Steckbriefe im Netz gefunden. Kurutan war sehr wichtig für das SO36 und das Buch. Das waren ja die Jahre, als die ganzen legendären Punkkonzerte stattfanden: Black Flack, Dead Kennedys usw. Viele hatten gar nicht auf dem Schirm, dass es zu der Zeit sein Laden war. Kurutan hatte den gepachtet und wollte in erster Linie multikulturelle Treffen und türkische Hochzeiten veranstalten. Aber er war weitsichtig genug, die ganzen Punks auch wieder an Bord zu holen. Ein irrer Typ. Spannend und toll.


Buch: »SO36 - von 1978 bis heute«
Hat er das Booking denn selbst übernommen oder sich die richtigen Leute ins Boot geholt?
Nanette: Einige hat er angesprochen, andere sind auf ihn zugegangen. Unter den ersten Organisatoren war zum Beispiel Burkhardt Seiler von Zensor Records oder Der wahre Heino, der damals Parties und Konzerte organisierte.
Robin: Das waren auch die Leute, die ihm rieten, das SO36 in Namen zu behalten. Toll an der Geschichte ist ja vor allem, dass er ein wenig vorweggenommen hat, was im SO36 heute noch eine Rolle spielt: Nämlich, dass sich dort Kulturen und Subkulturen begegnen, die eigentlich sonst gar nichts miteinander zu tun haben. Kurutan konnte sich noch gut an den Anblick erinnern, wenn da die schnieken Hochzeitsgäste aus dem Club kamen und draußen die Punks mit ihren Bierdosen in der Hand auf ihre Konzerte warteten.

Vor dem SO36, Anfang der 80er: Tuntenball trifft auf türkische Hochzeit
Bild: Annett Ahrends
Das erinnert mich an dieses Foto im Buch, wo ebensolche türkischen Hochzeitsgäste draußen vor der Tür mit zwei Diven auf dem Weg zum Tuntenball eine Kippe rauchen. Überhaupt war mir gar nicht so bewusst, dass auch die spätere Queer-Community dort zugegen war. Gab es eine Facette des SO36, die ihr vor der intensiven Arbeit am Buch noch nicht so kanntet?
Nanette: Bei mir war es tatsächlich auch diese Queer-Geschichte. Das passierte im SO36 ja schon in den frühen Achtzigern, als der Begriff noch kaum oder gar nicht bekannt war. Dass hier schon so Sachen wie die Virgin Prunes oder Unknown Gender auftraten, die ja quasi Vorläufer dieser Bewegung waren, fand ich erstaunlich.
Robin: Ich habe darüber gestaunt, wie früh hier alles schon begonnen hat. Die ersten HipHop-Acts wurden auch schon in den frühen Achtzigern ins SO36 gebucht – ohne unsere Recherche hätte ich das alles viel später verortet.

Flyer zu einer Queer-Party im SO36
Bild: Arc
Lag das denn an den Protagonisten, die den Laden betrieben haben oder hatte das SO36 da bereits ein gewissen Magnetismus entwickelt als place to be?
Robin: Ich denke, es hatte anfangs eher mit den Personen zu tun. Kreuzberg war ja damals alles andere als angesagt. In Schöneberg waren die hippen Menschen, die fetten Konzerte waren eher im Loft oder im Kant Kino. Aber der Raum ist natürlich speziell, auch architektonisch, und in Verbindung mit den vielen außergewöhnlichen Konzerten hat es sich dann mit der Zeit so entwickelt, dass das SO36 als spannender Konzertraum wahrgenommen wurde.
Nanette: Diese Offenheit, die bei Hilal Kurutan losging war sicher ausschlaggebend. 1982 fand hier zum Beispiel das erste Atonal Festival statt – diese Musik war schon sehr radikal in ihrer Unhörbarkeit. Das konnte sogar mich noch schockieren. Ab 1985 wurde das SO36 bis zur Schließung 88 dann noch offener geführt. Da konnte jeder zum Plenum kommen und Programmpunkte vorschlagen. Da war das SO36 so eine Mischung aus Konzertlocation, Theater und Jugendzentrum. Diese Offenheit haben wir aber glaube ich bis heute gut erhalten – das ist das Erbe, dass es ausmacht.

In einem Moment des intensiven Rückblickens, kann man ja schnell der Nostalgie verfallen und sich die Dinge schön zurechterinnern. Dem Buch passiert das nie so recht, weil immer auch der Kampf um die Existenz des SO36 ein Thema ist. Was würdet ihr sagen: Was war die schlimmste Phase, wo es auf der Kippe stand – und wie sicher ist die jetzige?
Nanette: Es gab immer kritische Punkte und der letzte existenzbedrohende Krise ist uns noch sehr frisch in Erinnerung. Wir hatten 2009 ja diese Nummer mit der Lärmschutzklage. Das war wirklich kurz vor knapp. Es gab diesen einen Anwohner, der sich belästigt fühlte und die Amtsmühlen in Bewegung setzte. Gleichzeitig hatten wir den Mietvertrag gekündigt bekommen. Es war klar: Wenn wir weitermachen wollen, mussten wir für knapp 100.000 Euro Lärmschutzbauarbeiten vornehmen. Dass ein fröhlich chaotischer Verein wie unser – der Sub Opus 36 e.V. – das nicht stemmen kann, lag auf der Hand. Wir haben nur überlebt, weil wir nicht alleine waren. Wir sind hilfesuchend an die Öffentlichkeit und freundlicherweise haben uns weder die Nachbarn noch die Bands und Wegbegleiter hängen lassen. Da gab es ja so Abende, wo zum Beispiel die Toten Hosen ein Soli-Konzert spielten. Wirklich safe fühlen wir uns nie. Der Mietvertrag ist zeitlich begrenzt und Kreuzberg verändert sich dramatisch – das Gefühl von »Wir sind sicher!« will sich also nicht so richtig einstellen.
Dennoch glaube ich, dem Hilal Kurutan haben sie damals am übelsten mitgespielt. Die erste Schließung war ja nach einem Black Flag-Konzert. Hier waren hunderte Häuser besetzt, es gab ständig Riots und die Polizei war wohl der Ansicht, das SO36 sei der Mittelpunkt all dessen. Nach dem Konzert wurde Hilal alles kurz und klein geschlagen, sämtliche Klos waren zerdeppert. Er meinte, das mache für ihnen keinen Sinn, dass die Punks ihren eigenen Club so zerlegen. Vor allem, weil er mit ihnen immer gut klargekommen war. Es war nicht üblich, dass man den Laden zerdrischt. Bier klauen, Band bewerfen – das kannte man, aber mehr nicht. Und die Nazis hätten sich in Kreuzberg so was nicht getraut. Da liegt die Vermutung nahe, dass es Zivilbullen waren, die dem Laden das Genick brechen wollten. Hilal hat den Laden dann aus finanziellen Gründen wenig später aufgeben müssen. Jeden Abend Bullen und Riots – das stell ich mir hart vor.

Flyer einer Aktion gegen den »Ausverkauf« des SO36
Bild: Archiv von Armin Burgard
Das wird ja im Punk gerne mal verklärt. Riots, Stress mit den Bullen – das ist inzwischen schöne Folklore. Dabei wird oft vergessen, dass es viele Clubs und Alternative Jugendzentren nur weiterhin gab, weil die Leute so zäh wären.
Robin: Genau. Das waren schon harte Zeiten in Kreuzberg. Die Häuser wurden bisweilen brutal geräumt, durch die ganzen Neubauten, die hier geplant waren, sah es aus wie kurz nach dem Krieg. Außerdem waren es sehr gewalttätige Zeiten: Der politische Kampf, den die Leute führen mussten, hat viel gekostet. Und die Punkszene selbst war sehr brutal. Man kann das im Rückblick vielleicht schlecht beurteilen, wenn einem die Künstler von damals erzählen – das klang schon sehr dramatisch und man weiß nicht genau, wer übertreibt und wer nicht. Aber mit dem jetzigen Wissen würde ich ihnen es abkaufen.

Wann kippte es denn, dass die Stimmung im Kiez sich nicht mehr gegen das SO36 richtete?
Nanette: Ich schätze mal so nach der Neueröffnung 1990. Da gab es einen Betreiberverein, die Weltpolitik war mal eben gekippt und alles, was an progressiven Dingen ging, passierte plötzlich im Osten. Im Prenzlauer Berg herrschte Anarchie und Kreuzberg war plötzlich sehr unsexy. So nach dem Motto: »Schnarch, das SO36 macht wieder auf.« Im Rückblick war das aber gar nicht so schlecht. Man hatte Zeit sich zu finden, wusste eine Weile nicht, ob man Kunst, Kino oder Kiezverein sein wollte. Später entwickelten sich daraus dann zwei Stränge: Einerseits gab es viele Hardcore-Konzerte und parallel dazu entwickelte sich diese Queer-Szene. 1993 haben hier zum ersten Mal schwule und lesbische AktivistInnen gemeinsam was auf die Beine gestellt. Dadurch dass der Fokus woanders lag, sind ganz neue Sachen erblüht – die Inklusionsparty »Krüppelparade« zum Beispiel oder auch die weltweit erste muslimisch orientierte Queerparty.
Robin: Meiner Meinung nach haben auch die Geschehnisse in Rostock und Lichtenhagen und die Stimmung im Land eine Rolle gespielt. Die Hardcore- und Punkkonzerte hier hatten sehr viel mit dem Antifakampf zu tun. Und gleichzeitig gab es die Queers – da hat sich eine ganz seltsame, tolle Koalition gebildet. Das war nicht immer konfliktfrei, aber man ist dank eines gemeinsamen Feinds zusammengerückt und sich neu positioniert. Die Punkszene in den frühen 80ern war ja nicht nur gewalttätig sondern auch hochgradig homophob – da haben die Leuten in den Neunzigern dank dieser Verbindung glaube ich noch ganz viel gelernt. Das hat dann auch die Position im Kiez verändert. Gab natürlich immer noch Leute die »Punkverräter!« schreien.

Gibt’s die immer noch?
Nanette: Die gibt’s immer.
Robin: Die einzige Konstante.
Nanette: Wir verdienen uns ja auch eine goldene Nase mit dieser Kommerzbibel ...
... für sündhafte 36 Euro.
Robin: Genau.

P.S.: Wer sich das immer schon gefragt hat: Es spricht sich »Esso Sechsundreißig« und schreibt sich SO36.
P.P.S.: Das Buch könnt ihr hier im Shop des SO36 bestellen. Alle Infos zu Konzerten und Parties im SO36 findet ihr hier.

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