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#Metoo

Ich doch nicht. Oder doch?

Manchmal muss man erst nachdenken, bevor man realisiert, dass ein ungebetenes Anfassen oder Hinterherrufen nicht einfach nur Zufall oder ein blöder Witz waren, sondern sexuelle Belästigung. #Metoo ist ein Weckruf. Aber dieses Hashtag kann auch ganz schön unter Druck setzen. Der Versuch einer Einordnung.
Geschrieben am
Schauspielerin Alyssa Milano hat als Antwort auf den Harvey-Weinstein-Skandal eine Aktion bei Twitter gestartet. Sie ermutigt alle, die Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht haben, auf ihren Tweet mit #Metoo zu antworten.
Auch wenn die Sache gerade groß die Runde macht, neu ist #Metoo eigentlich nicht. Die Bewegung wurde schon vor Jahren ins Leben gerufen von Tarana Burke. Die Aktivistin setzt sich bei der New Yorker Organisation »Girls for Gender Equity« für die Rechte von jungen schwarzen Frauen ein. Die Harvey-Weinstein-Geschichte und eine bekannte Schauspielerin haben die Bewegung und die Diskussionen erneut aufkochen lassen.
Es ist traurig, dass es erst einen Skandal im Umfang des Weinstein-Falls braucht und vor allem viele prominente Schauspielerinnen, die sich zu Wort melden, damit die Debatte wieder öffentlich geführt wird. Denn sexuelle Gewalt ist da, sie findet andauernd statt, auch wenn gerade nicht die Zeitungen voll damit sind.

Nachdem #Metoo vor ein paar Tagen prominent aufploppte, sprach ich mit einer Freundin darüber. Zunächst dachte ich: »Eigentlich ist mir so was nie passiert.« Und dann ist mir ziemlich schnell doch eine Situation eingefallen. Und noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Ich habe solche Situationen aber nicht immer direkt als sexuelle Belästigung angesehen. Es ist längst alltäglich, dass uns jemand auf der Straße Dinge hinterher ruft. Wir setzen Erlebnisse in einen Kontext – »Beim Festival/im Club/spät nachts/bei der Weihnachtsfeier... ist das eben so« – schieben unsere Erfahrungen darauf, dass der Typ, der uns gerade belästigt und/oder dumm von der Seite angequatscht oder angefasst hat, betrunken war. Wir denken uns Entschuldigungen für diesen Idioten aus, sehen den Fehler vielleicht sogar bei uns selber.  

Wir müssen aufhören, Ausreden für diese Menschen zu erfinden, die in unseren Tanzbereich eindringen, ohne uns zu fragen. Vor allem aber müssen wir aufhören, Betroffenen solche Dinge zu sagen wie »Hab dich doch nicht so!«, »Er meinte es doch nur nett!«, »Sieh’ das doch als Kompliment!«. Nein, auf gar keinen Fall! Wenn jemand mich belästigt, ist das niemals ein Kompliment, niemals ein Ausrutscher, niemals in Ordnung. Hört auf, das auf die Umstände zu schieben, hört auf, uns aufzufordern, uns mal zusammenzureißen und vor allem hört auf damit, uns auch noch die Schuld zu geben! Denkt doch mal einen kurzen Moment nach, bevor ihr damit anfangt.

Ursprünglich war geplant, diesen Text ganz anders zu beginnen. Ich hatte überlegt, im Detail zu erzählen, was mir passiert ist. Als Beispiel. Aber dann dachte ich: Wieso sollte ich? Ich stieß auf immer mehr Artikel, die sich genau mit dieser Frage auseinandersetzen. Stevie Schmiedel von Pinkstinks ordnet das Thema in einen großen feministischen Kontext ein, Hengameh Yaghoobifarah setzt sich lautstark in der taz damit auseinander, um nur zwei Beispiele zu nennen.


Wenn eine Aktion wie #Metoo, oder auch damals #Aufschrei oder #NoWomanEver die Runde macht, fühlen wir uns aufgerufen, die Stimme zu erheben. Zu erzählen, was passiert ist. Das Private ist politisch, ja, natürlich. Nur sollten wir uns nicht unter Druck setzen lassen. Persönliche Erfahrungen bleiben persönliche Erfahrungen und wie wir damit umgehen, müssen wir selber entscheiden. Es ist ok, zu erzählen, es ist aber auch ok, es nicht zu tun.

Viel wichtiger, als die Geschichten auszubreiten und damit Wunden aufzureißen, ist wachsam zu bleiben. Damit meine ich nicht: »Zieht euch gefälligst lange, weite Hosen an, geht nicht nach Sonnenuntergang spazieren und nehmt Pfefferspray mit!«. Nein. Damit meine ich: Schaut nicht weg, wenn ihr mitbekommt, dass jemand in eurem Umfeld belästigt wird. Redet darüber. Nehmt es ernst. Fragt nach. Und wenn ihr selber betroffen seid, vergesst nicht: Ihr seid nicht allein.

Die öffentliche Debatte wird wahrscheinlich bald wieder leiser sein. Das Problem haben wir dann aber noch immer nicht gelöst.

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