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Equality Time beim Roskilde Festival

Unter den vielen europäischen Großfestivals ist das Roskilde ein besonderes: Seit 1972 wird es als Non-Profit-Veranstaltung geführt und hat seitdem über 30 Millionen Euro gespendet – unter anderem an den Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e. V. oder an den abgebrannten Golden Pudel Club. Daniel Koch fragte Martin Hjorth Frederiksen, den Pressesprecher des Festivals, wie sich dieses Engagement entwickelt hat und wie politisch das Roskilde sein will.
Geschrieben am
Seit 1972 fließt der Gewinn des Roskilde Festivals an den Foreningen Roskildefonden (wurde 2008 unbenannt in Foreningen Roskilde Festival), der das Geld in Form von Spenden an lokale und internationale Projekte sowie an Organisationen wie Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen verteilt. Wie ist der historische Ursprung dieser Verbindung?
Vor dem Roskilde fand 1971 bereits das Sound Festival statt, das zwei Gymnasiasten aus der Gegend ins Leben gerufen hatten, um Woodstock nachzueifern. Die beiden machten großen Verlust, unter anderem, weil ein Promoter einen Haufen Geld in sein Auto packte und einfach verschwand. Dennoch war schnell klar, dass ein Festival dieser Art für eine Stadt wie Roskilde kulturell große Bedeutung haben könnte. Foreningen Roskildefonden gibt es schon seit den 30er-Jahren und macht seitdem gute Kulturarbeit, unter anderem etablieren die Verantwortlichen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche oder organisieren Stadtfeste. Der Stadtrat von Roskilde bat den Verband, die Festivalidee der beiden Gymnasiasten weiterzuführen.  

Die Entscheidung für ein Non-Profit-Festival ist also historisch verankert und wurde nie angezweifelt?
Ja. 1972 erschien sie logisch, weil das Engagement komplett freiwillig war und man etwas für die gute Sache und für die Region machen wollte. Das hat sich bis heute im Grunde nicht geändert, auch wenn das Roskilde natürlich professionalisiert wurde und inzwischen ein festes Organisationsteam hat. Wir sind stolz auf unsere Geschichte und das, was wir leisten konnten. Warum sollten wir das wegwerfen?  

Die Zahlen sind durchaus eindrucksvoll. Im letzten Jahr hieß es, man habe seit Bestehen rund 37 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Davon profitieren auch deutsche Einrichtungen. 2015 wurde der Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e. V. gefördert, 2016 waren der abgebrannte Golden Pudel Club und der Plattenladen Groove City, der eigene Projekte mit Geflüchteten betreibt, dabei. Abgesehen von der Frage, warum ein Festival aus Dänemark auf diese Weise aktiv wird, wenn es deutsche Festivals nicht tun: Wie kommt das zustande?
Wir arbeiten gern mit Menschen zusammen, die wir persönlich kennen und schätzen – und denen wir vertrauen. Unsere Booker und ich sind oft in Hamburg und wissen, wie wichtig Groove City für die Stadt und das Viertel ist und dass es sich um mehr als bloß einen Plattenladen handelt. Gleiches gilt für den Pudel: Der ist Underground, haltungsstark – und dabei trotzdem zugänglich. Diese Mischung ist uns sympathisch und vielleicht sogar ähnlich.  

Seit ein paar Jahren driftet ein Großteil der dänischen Politik in Richtung rechtskonservativ und bisweilen nationalistisch, und viele Dänen unterstützen diesen Kurs. Wenn man auf euer sehr international ausgerichtetes Line-up und auf euer Engagement schaut, stellt sich die Frage: Nehmt ihr bewusst eine Gegenposition dazu ein?
Wir stellen uns nicht offensiv gegen die Regierung. Aber wenn wir zum Beispiel in dem Jahr, in dem Dänemark die Asyl- und Grenzpolitik verschärft, für das Eröffnungskonzert auf der Hauptbühne Damon Albarn und ein syrisches Orchester buchen, dann darf und soll man das natürlich als politisches Statement verstehen. Wir haben keine Angst, politisch zu sein, wollen dabei aber nie sagen: »Unsere Meinung ist die richtige. Und so müsst ihr denken.« Wir möchten lieber verschiedene Themen ins Licht bringen. Ich weiß nicht, ob wir die Verantwortung haben, so etwas zu machen, aber wir nutzen unsere Möglichkeiten, um Dinge ins Bewusstsein zu rücken, die uns am Herzen liegen.
Wer ein Festival in dieser Größenordnung veranstaltet, wird ja an einigen Punkten auch immer wieder mit dem Staat zu tun haben. Spürt ihr das in der Zusammenarbeit? 
Das ist bisher nicht so dramatisch, und ich glaube, es gab in der Geschichte von Roskilde auch noch keine extremen Konflikte. Aber wir sehen natürlich, was in anderen Teilen der Welt und in einigen Ländern Europas passiert und wie schnell dann Veranstaltungen, die für eine offene Kultur einstehen, ins Visier geraten.   

Ihr arbeitet auf dem Gelände mit vielen Freiwilligen zusammen, die für eine sehr angenehme Stimmung sorgen. Wo auf anderen Großfestivals am Bühnengraben oft grimmige Gesellen stehen, bekommt man bei euch von netten Studenten einen Becher Wasser in die Hand gedrückt. Wie funktioniert das in der Praxis?
 
Wir haben eine eigene Security-Management-Firma und natürlich ein umfassendes Sicherheitskonzept und professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Bereich. Aber wir wollen eben nicht, dass sie das Festivalbild prägen, obwohl sie an allen wichtigen Punkten präsent sind. Wenn Security und Polizei zu sichtbar sind, hat das automatisch Einfluss auf die Stimmung. Die Leute werden ängstlicher und aggressiver. Wir wollen eine offene, freie Stimmung erzeugen. Dabei sind die vielen sehr engagierten und oft euphorischen Freiwilligen ein wichtiger Faktor. Wir haben pro Jahr ungefähr 30.000 Volunteers im Einsatz. 10.000 finden wir selbst, oder sie kommen über die Ausschreibungen auf unserer Website. Sie werden verpflegt und untergebracht und haben verkürzte Arbeitszeiten, damit sie das Festival erleben können. Die übrigen 20.000 kommen entweder über Organisationen oder von lokalen Einrichtungen und Vereinen. Wir haben zum Beispiel viele Sportvereine, die auf diese Weise Geld für ihre Vereinsarbeit verdienen, oder Non-Profit-Projekte aus Kopenhagen. Die können sich zum Beispiel mit einem Essensstand bei uns bewerben, und wenn 90 Prozent ihres Angebots Bio ist, wie wir es inzwischen verlangen, haben sie gute Chancen. Im Grunde setzen wir bei diesen Kooperationen unseren eigenen Non-Profit-Gedanken fort.   

Im letzten Jahr gab es eine Live-Schaltung zu Edward Snowden und viele Workshops oder Kunstaktionen, die sich politischen Themen widmeten. Was passiert in diesem Jahr? 
Wir widmen uns zum dritten Mal dem Schlagwort »Equality«, das wir in den letzten zwei Jahren jeweils von einer anderen Seite beleuchtet haben. 2016 war es »Political Equality«, in diesem Jahr ist es »Cultural Equality«. Dabei wird es vor allem auch um Gender-orientierte Themen gehen. Es wird wieder viele Workshops und Talks geben, vor allem in den Tagen vor dem Musikhauptprogramm. Die Verbindung zwischen Haltung, Kunst und Musik wird auch enger, zum Beispiel mit einem Kunstprojekt mit vielen Acts aus dem Musikprogramm – aber viel mehr darf ich bisher noch nicht verraten.
August 2017 18

18.08.2017

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